Deutsche Börse: 77 Millionen Euro für gescheiterte Fusion

Deutsche Börse: 77 Millionen Euro für gescheiterte Fusion

, aktualisiert 17. Mai 2017, 14:30 Uhr
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Vorstandsvorsitzender Carsten Kengeter gibt Einblick in die Zukunft der Deutschen Börse.

von Michael Brächer, Jakob Blume und Sarah DollQuelle:Handelsblatt Online

Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter ist in der Defensive. Auf der Hauptversammlung verteidigt er sich trotz einem gescheiterten Fusionsversuch gegen seine Kritiker. Sein Schicksal liegt nicht allein in seiner Hand.

FrankfurtStatt mit Applaus wird Carsten Kengeter mit demonstrativem Schweigen begrüßt, als er in der Höchster Jahrhunderthalle ans Mikrofon tritt. Spätestens an dieser Stelle dürfte dem Vorstandschef der Deutschen Börse klar werden, dass die Hauptversammlung kein Vergnügen für ihn wird. Seine ersten beiden Jahre bei der Deutschen Börse hätte der hünenhafte Manager sich sicher anders ausgemalt: „Ich bin vor zwei Jahren mit dem Ziel angetreten, die Deutsche Börse auf einen dauerhaften Wachstumspfad zu führen“, sagt Kengeter.

Doch statt mit Wachstum sorgte die Börse vor allem mit der verpfuschten Fusion mit der London Stock Exchange (LSE) für Schlagzeilen. Der Deal scheiterte am Brexit und handwerklichen Fehlern. Zu allem Überfluss lastet auch auf Kengeter eine Hypothek: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen dem Verdacht des Insiderhandels, weil er sich zwei Monate vor Bekanntwerden des Deals mit Aktien des Konzerns eingedeckt hatte.

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Auf der Hauptversammlung in der Frankfurter Jahrhunderthalle verteidigt Kengeter sein Vorgehen – und stimmt zugleich versöhnliche Töne an. Eine Börse übe auch hoheitliche Aufgaben aus. „Diese Aufgaben kann sie nur mit der Gesellschaft erfüllen und nicht gegen sie.“

Die Worte sind eine Friedenserklärung an die Frankfurter Finanzwelt: Dass die Börse mitten im Brexit-Gewitter mit der LSE fusionieren wollte, kam bei den Granden der Frankfurter Bankenszene nicht sonderlich gut an – vor allem deshalb, weil das Hauptquartier der europäischen Superbörse in London hätte liegen sollen. Im vergangenen März hatte die EU-Kommission den 25 Milliarden Euro schweren Deal untersagt. Für die Börse und ihre Aktionäre war der Deal ein teures Unterfangen: Alleine im vergangenen Jahr fielen rund 66 Millionen Euro für Berater, Anwälte und Spin-Doktoren an – insgesamt waren es fast 77 Millionen Euro.

Trotz des Scheiterns zeigt sich Kengeter nach wie vor davon überzeugt, dass die Fusion ein „strategisch sinnvoller Schritt“ war. Der Manager verteidigt die Standortpläne, denen zufolge der Sitz des Gemeinschaftskonzerns hätte in London liegen sollen. „Um den Plan rechtzeitig auf den Weg zu bringen, haben wir bei seiner Ausgestaltung Kompromisse geschlossen“, sagt Kengeter. „Kompromisse, die für alle gangbar sind“.

Doch genau das sahen nicht alle so – erst recht, nachdem die Briten für den Austritt aus der EU votierten. So nannte es etwa Deutschlands oberster Finanzaufseher Felix Hufeld damals „schwer vorstellbar“, dass der Sitz der Holding nach dem Brexit außerhalb der EU liege. Auch in Hessen sorgte Kengeters Vorgehen für Kopfschütteln: Die Opposition nahm den Börsenchef aufs Korn, von einem „Ausverkauf“ des Finanzplatzes war die Rede.


Ein Börsenchef auf Abruf

Dass Kengeter offenbar zuerst nach Berlin reiste, um für die Fusion zu werben und manche Wiesbadener Aufseher von den Verhandlungen erst aus der Zeitung erfuhren, wurde in Hessen als Affront aufgefasst. SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel warf Kengeter seinerzeit gar vor, politisch naiv gehandelt zu haben - ein Vorwurf den Kengeter kürzlich offen einräumte. Damit soll nun Schluss sein: „Unsere Kommunikation mit allen, die ein berechtigtes Interesse am Erfolg dieses Unternehmens haben“,  wolle er verbessern, verspricht Kengeter. „Das haben wir gelernt.“

So gehört zu den Lektionen aus der verpatzten Börsenfusion, die Beziehungen zu den Aufsehern in Wiesbaden und dem Standort Frankfurt zu verbessern. Die Börse sei in der Mainmetropole verankert, betont er. "Wir werden am Finanzplatz sichtbarer werden."

Bei einem anderen Thema zeigt sich der Manager dagegen weniger selbstkritisch: Kengeter verteidigt seine umstrittenen Aktienkäufe, die ihn ins Visier der Staatsanwaltschaft gebracht hatten. „Insiderhandel widerspricht allem, wofür ich stehe“, sagt Kengeter. Er habe die Aktien im Rahmen eines Vergütungsprogramms erworben, das von Experten geprüft worden sei. Zudem sei der Kauf öffentlich gemacht worden. Auch müssten die Aktien bis Ende 2019 gehalten werden.

Diese Argumente hatten Kengeter und der Konzern in den vergangenen Wochen ins Feld geführt.

Allein: Ob die Staatsanwaltschaft dieser Linie folgt, ist bislang völlig offen. Noch laufen die Ermittlungen – es ist unklar, ob es zur Anklage kommt. Kengeter zeigt sich trotzdem zuversichtlich: „Ich bin sicher, dass sich die Vorwürfe nach eingehender Prüfung als unbegründet erweisen werden“.

Bis dahin bleibt Kengeter ein Börsenchef auf Abruf: Der Aufsichtsrat hat das Mandat des Managers, das im kommenden Jahr ausläuft, bislang noch nicht verlängert. Zudem haben Großaktionäre bereits signalisiert, dass sie bei einer Anklage auf eine Ablösung des Vorstandschefs drängen wollen. Längst hat Kengeter sein Schicksal nicht mehr alleine in der Hand. Auf Wunsch der Aktionäre kündigte Aufsichtsratschef Joachim Faber eine Einzelabstimmung zur Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat an.

Quelle:  Handelsblatt Online
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