Deutsche Börse und LSE: „Viele Dinge sind anders als 2004“

Deutsche Börse und LSE: „Viele Dinge sind anders als 2004“

, aktualisiert 14. April 2016, 14:52 Uhr
Bild vergrößern

Die Deutsche Börse will mit der London Stock Exchange fusionieren.

Quelle:Handelsblatt Online

Die Deutsche Börse wirbt weiter für eine Fusion mit der London Stock Exchange. Vorstandsmitglied Jeffrey Tessler erklärt im Interview, warum ein Zusammenschluss auch das Wachstum in Europa treiben würde.

Frankfurt/BerlinJeffrey Tessler ist 2004 erst ein paar Wochen bei der Deutschen Börse, als ihn der damalige Vorstandschef Werner Seifert in sein Büro ruft. Das Unternehmen wolle die London Stock Exchange (LSE) übernehmen, offenbart Seifert – und Tessler fällt aus allen Wolken. Seitdem hat der Deutsche-Börse-Vorstand diverse Fusionsversuche von Deutschlands größtem Börsenbetreiber begleitet. Sie scheiterten allesamt. Doch beim aktuellen Anlauf, mit der LSE zu verschmelzen, stehen die Chancen aus Sicht von Tessler so gut wie nie. „Viele Dinge sind anders als 2004“, sagte er in einem am Donnerstag veröffentlichten Reuters-Interview.

„Wir haben von früheren Versuchen gelernt, die handelnden Personen sind andere, und das Umfeld hat sich signifikant geändert“, erläuterte der 61-jährige Amerikaner. „Europa steht am Scheideweg. Es braucht Wirtschaftswachstum.“ EU-Finanzmarktkommissar Jonathan Hill treibe deshalb eine Kapitalmarktunion voran – eine starke Finanzmarktmarkt-Infrastruktur sei dafür unabdingbar. „Für die Kapitalmarktunion ist es von entscheidender Bedeutung, einen der weltgrößten Börsenbetreiber zu haben. In dieser Hinsicht ist das Timing der Fusion perfekt.“

Anzeige

Mit dieser Argumentation dringt die Deutsche Börse einem Insider zufolge auch bei der Bundesregierung durch. „Ich finde es schlüssig, dass wir einen größeren europäischen Anbieter brauchen“, sagte ein ranghohes Regierungsmitglied Reuters. „Die US-Börsen sind viel größer. Deshalb muss etwas getan werden.“ Tessler verweist in diesem Zusammenhang auf den Bankensektor, wo es keinen europäischen Champion gebe. Hier geben US-Institute seit Jahren den Ton an. „Das Gleiche sollte im Bereich Finanzmarkt-Infrastruktur nicht passieren, besonders wegen der Bedeutung für die Kapitalmarktunion“, erklärte Tessler.

Zusammen wären Deutsche Börse und LSE derzeit über 25 Milliarden Euro wert und würden damit nahe an die beiden großen US-Konkurrenten CME und ICE heranrücken. Die ICE könnte das allerdings noch verhindern und die geplante Fusion torpedieren. Die Amerikaner müssen bis Anfang Mai entscheiden, ob sie eine Gegenofferte für die LSE vorlegen oder nicht.

Tessler ist bei der Deutschen Börse seit Anfang das Jahres für das neu geschaffene Mega-Ressort Kunden, Produkte und Märkte zuständig, das rund drei Viertel der Konzernerlöse einfährt. In ihm sind das Derivate-, Abwicklungs- und Wertpapierverwahrgeschäft gebündelt. Im Derivatehandel müssen Banken und andere Investoren Sicherheiten bei Abwicklungshäusern wie der Deutsche-Börse-Tochter Eurex Clearing hinterlegen. Die Clearinghäuser springen ein, falls ein Handelspartner ausfällt. So soll die Sicherheit des Finanzsystems erhöht werden.


„Sicherheiten sind das Lebensblut des Finanzsystems“

Seit der Finanzkrise sei das Bedürfnis aller Akteure gestiegen, sich abzusichern, sagt Tessler. „Sicherheiten sind das Lebensblut des Finanzsystems.“ Und durch eine Fusion von Deutscher Börse und LSE könnten Geldhäuser ihre Sicherheiten noch effektiver einsetzen. Im Derivategeschäft könnten Banken gegenläufige Positionen, die sie bei Eurex Clearing und der LSE-Tochter LCH.Clearnet haben, gegeneinander aufrechnen. Absichern müssten die Institute dann nur ihre offenen Positionen.

„Wenn sie weniger Sicherheiten für den Handel brauchen, hätten sie zusätzliche Mittel zur Verfügung, um Geld an Unternehmen zu verleihen und das Wachstum in Europa anzukurbeln“, sagte Tessler. „Ein Übermaß an Sicherheiten vorzuhalten ist nicht zuträglich für die Wirtschaft. Banken brauchen das richtige Maß an Sicherheiten für die Risiken, die sie auf Nettobasis eingehen.“

Einem Bericht des Wirtschaftsmagazins „Economist“, das vor steigenden Risiken für das Finanzsystem durch die Fusion warnte, widersprach Tessler. „Wir haben ausgeklügelte Risiko-Management-Systeme, die berechnen, wie viel Sicherheiten unsere Kunden hinterlegen müssen. Wenn wir diese Systeme mit den Daten von Eurex Clearing und LCH.Clearnet füttern könnten, würde das die Sicherheit des Finanzsystems erhöhen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%