Die Chef-Beraterin: Die A...floskel-Falle

Die Chef-Beraterin: Die A...floskel-Falle

, aktualisiert 07. Juni 2017, 13:15 Uhr
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Sabina Wachtel schreibt jeden Mittwoch ihre Berater-Kolumne auf Handelsblatt Online. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive.

von Sabina WachtelQuelle:Handelsblatt Online

„Wie geht's?“, ist wohl die einfachste und häufigste Frage der Welt. Unsere Kolumnistin nervt sie. Der Grund: Der Austausch von Floskeln ist nicht nach ihrem Geschmack. Warum selbst sie hin und wieder in die Falle tappt.

Wir alle wissen es: „Hello, how are you“ sind die Standardsätze der USA. Und wir wissen auch, dass kein Amerikaner, den wir gerade beim Betreten eines Ladens, im Aufzug, auf dem Flur oder wo auch immer treffen, eine längere oder gar eine ehrliche Antwort erwartet. Und ja, das mögen viele und viele preisen das hier an: Es sei doch einfach nett und unverbindlich, aber besser als gar nichts zu sagen und so mürrisch wie hier die Deutschen, gerade in den Geschäften bla, bla…

Mich nervt es. Mich nervt es hier noch mehr als in den USA. Ja, die einfachste und häufigste Frage der Welt (einer meiner Kunden nennt sie auch „A…floskel): „Wie geht’s?“ nervt mich ungemein. Und meine Antwort noch mehr. „Gut“. Floskel gegen Floskel.
Egal, ob uns morgens die Spülmaschine ausgelaufen ist, der Pitch wegen schlechter Vorbereitung völlig in die Hose ging, der Vermieter die Miete erhöhen will oder der Chef doch drauf besteht, dass die Präsentation noch mal komplett überarbeitet werden muss. Mir geht’s gut. Mir geht’s immer gut.

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Deshalb versuche ich selbst die A…floskel zu vermeiden, wenn ich nicht wirklich an einer Antwort interessiert bin. Wenn ich jemanden zum ersten Mal treffe, weiß ich nicht, ob derjenige berufliche Probleme hat, oder ob sein Rasenmäher den Geist aufgegeben hat, oder ob er nach einer neuen Stelle sucht, weil sein Chef so ein Idiot ist. Ich sage freundlich „Guten Tag, finden Sie den Tag auch so schön? oder was auch immer. Wenn sich ein Gespräch ergibt, bin ich die Letzte, die etwas dagegen hat. Nur vermeide ich es eben, wildfremde Personen zu fragen, wie es ihnen geht. WEIL ES MIR WURSCHT IST.

Aber natürlich kann auch ich die A…floskel-Falle nicht immer umgehen. Kürzlich passierte es mir doch: Früh morgens (weit vor halb 8) auf dem Gang, unausgeschlafen, leicht gereizt, noch ohne Kaffee… . Zwischen mir und einer Person, deren Befinden mich zumindest zu diesem Zeitpunkt garantiert nicht interessierte (was macht der überhaupt hier um die Uhrzeit?) entwickelte sich folgender Dialog.

Ich – leichtfertigerweise: „Guten Morgen! Na, wie geht’s…?“
Was antwortet er? „Es muss halt“.
Und da hat mich der Teufel geritten (mag an meiner allgemeinen Verfassung gelegen haben, aber der nervt mich schon länger, der humorlose Depp..)
Ich also: „Wie, was muss?“
Er ist schon ein bisschen verunsichert, das sehe ich am Zucken der Gesichtsmuskeln: „Naja, es muss halt, hö, hö.“
Ich hab‘ die Sache angefangen, jetzt bleibe ich hartnäckig: „Aber was denn, geht’s Ihnen schlecht?“
Er sucht schon Fluchtwege, findet aber keine: „Naja. Halt immer so weiter. Alles.“
Das Ganze fängt an mir Spaß zu machen: „Oh. Ist was Schlimmes passiert?“
Er – jetzt mit hektischen Flecken am Hals: „Nein, nein, natürlich nicht.“
Ich versuche ein hinreißendes Lächeln: „Dann ist ja gut.“
Das will er dann aber wieder nicht so stehen lassen: „Aber das Leben geht halt weiter.“
Weit aufgerissene Augen fallen mir leichter als Lächeln: Das hört sich aber nicht gut an. Sagen Sie doch. Ist wirklich nichts passiert?“ – „Nein, nein, natürlich nicht, aber…“
Ich habe Mitleid und gebe ihm Hilfestellung: „Also, geht’s eigentlich ganz gut, oder?“
Okay. Das ist irgendwie nicht angekommen: „Naja, es muss halt.“
Ich hätte das jetzt noch bis auf die Spitze treiben können, wahrscheinlich wäre er mir dann irgendwann an die Gurgel gegangen oder hätte mir seinen Stapel Papier auf die Birne geknallt.


Sie haben die Wahl

Mein Fazit. Es gibt drei Möglichkeiten:
1. Man kann es sein lassen und nur die Leute fragen, bei denen es einen wirklich interessiert, wie es geht.

2. Man kann sie total verunsichern, indem man zurückfragt. Mir geht’s nicht gut. Aber wenn Sie sich einen Moment Zeit nehmen, dann erzähle ich es Ihnen kurz.
3. Oder man nimmt die „Floskel-gegen-Floskel“-Variante. Wie geht’s? Gut. Danke und Ihnen? Oh auch gut, danke. Na denn. Schönen Tag.
Ach so, ja… Ich weiß, was Sie jetzt unbedingt wissen wollen: Danke mir geht’s gut. Wirklich. Und Ihnen?

Quelle:  Handelsblatt Online
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