Die Chef-Beraterin: Die dunkle Seite des Hellsehens

Die Chef-Beraterin: Die dunkle Seite des Hellsehens

, aktualisiert 08. Februar 2017, 11:29 Uhr
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Sabina Wachtel schreibt jeden Mittwoch ihre Berater-Kolumne auf Handelsblatt Online. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive.

Quelle:Handelsblatt Online

Jedes Unternehmen hat seine Gedankenleser. Sie beziehen jedes Stirnrunzeln, jedes Schweigen, jeden herabhängenden Mundwinkel ihrer Kollegen unablässig auf sich selbst. Und machen sich damit ihr Arbeitsleben schwer.

Der Magier Houdini war seinerzeit ein leidenschaftlicher Anti-Spiritualist. An Zauberei glaubte er nicht und bestritt vehement, selbst über übernatürliche Kräfte zu verfügen. Dennoch konnten sich seine Zeitgenossen auf den Kleinkunstbühnen in aller Welt einen Namen als „Gedankenleser“ machen. Das Gedankenlesen als leichte Unterhaltung ist hunderte Jahre alt und immer mal wieder en Vogue. Auch wenn Uri Geller vielleicht der letzte große Vertreter seines Fachs ist – lustig ist es doch. Jedenfalls auf der Bühne.

Was aber haben all die Gedankenleser im Büro zu suchen? In jedem Unternehmen lässt sich so jemand finden. Der- oder diejenige, der oder die alles weiß, alles spürt, geheime Gedanken liest, einfach alles. Irgendwie liegt was in der Luft. Der Chef guckt seit einer Woche ziemlich ernst und schlechte Laune hat er auch. Macht gar keinen Witz mehr. Bestimmt hat er mir was Unangenehmes zu sagen. Frau Müller ist jetzt morgens immer eine halbe Stunde früher im Büro. Bestimmt ist das zusätzliche Projekt doch zu viel für sie. Seit gestern ist Tanja so ruhig. Bestimmt ist sie sauer, weil ich alleine zu Tisch bin ohne sie zu fragen. Und dann bin ich auch noch hektisch aufgebrochen, ohne Tschüss zu sagen. Jetzt redet sie nicht mehr mit mir, ist doch klar.

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So ist es doch: Unsere Gedanken werden gelesen oder wir lesen die Gedanken der anderen. Immer und überall werden da die Fühler ausgestreckt nach bedeutungsschwangeren Blicken, Gesten, verborgenen Botschaften zwischen den Zeilen, geheimnisvollen Verhaltensänderungen. Das geht gar nicht! Andere sind eher Gelegenheitstäter. Gedanken werden natürlich dann besonders gern gelesen, wenn es um uns selbst geht. Das letzte Meeting lief nicht so ganz zu meinen Gunsten, das Feedbackgespräch ist nicht gut gelaufen, ich musste schon wieder das Protokoll führen… Dann interpretieren wir das Verhalten der anderen, ziehen unsere Schlüsse und wissen, wie der Hase läuft. Wir kennen nämlich das Gesicht hinter dem Gesicht.


Wider die Hirngespinste

Dabei bietet eine leichte Drehung nach rechts oder links, eine kurze Rückfrage, oftmals schon überraschende Perspektivwechsel: Nein. Der Chef hat gar nicht Ihretwegen schlechte Laune. Er hat schlicht und ergreifend mitbekommen, dass genau vor seinem Haus, da wo vorher so schön Wiese und Feld war, gebaut werden soll. Und das hat ihm die Laune verdorben. Auch Frau Müller ist nicht überlastet (und deshalb so früh im Büro), weil sie das Projekt zusätzlich übernommen hat. Nein. Frau Müller hat die Möglichkeit, mit ihrer Nachbarin in die Stadt zu fahren. Da ist sie doch lieber eine halbe Stunde früher im Büro als jeden Morgen in der überfüllten S-Bahn zu sitzen. Und Tanja ist deshalb so ruhig, weil sie überlegt, wie sie den morgigen Tag am besten organisiert: Sie muss nämlich eine Präsentation vorbereiten, mit einem Kunden Mittagessen und der neuen Praktikantin eine sinnvolle Aufgabe geben.

Anstatt solche Lappalien in Betracht zu ziehen, geben wir uns lieber gleich die Schuld für etwas, das wir bei jemand anderem beobachten – oder eben glauben zu beobachten. Unter dem Deckmäntelchen der Sensibilität analysieren wir die Situation knallhart: Was kann ich alles auf mich beziehen, wie kann ich mich am besten in die Mitte meines eigenen Universums rücken. Ich rate Ihnen dringend: Lassen Sie das sein!

Und noch was: Wenn Sie auf jedes Brummen, jedes mürrische Gesicht, jedes Augenrollen eingehen, kriegen das die anderen schnell spitz und haben verständlicherweise kein Lust mehr, eigenständig ihr eigenes Zeug zu regeln. Weil: Sie werden ja wohl darauf eingehen… Abgesehen davon spricht ja auch keiner mehr irgendwas an, weil hoffentlich alles hellseherisch, also durch Sie, gelöst werden kann. Wollen Sie das? Nein. Gut.

Wobei: Schön wäre es doch, wenn Houdini irrte. Wäre es nicht toll, wenn also jeder jeden einfach so verstehen könnte? Gerade so ein Houdini-Chef wäre gar nicht schlecht: Man bräuchte gar nix zu erklären…er würde ja die Situation sofort einschätzen und richten können. Man könnte so ein richtig bequemes Arbeitsleben führen…Tja.

Sabina Wachtel berät Manager. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive mit den Labels ManagerOutfit.de und MEMBER OF THE 55. Außerdem ist sie Autorin.

Quelle:  Handelsblatt Online
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