Die Chef-Beraterin: Die Kantine als Kampfzone

Die Chef-Beraterin: Die Kantine als Kampfzone

, aktualisiert 21. September 2016, 08:52 Uhr
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Sabina Wachtel schreibt jeden Mittwoch ihre Berater-Kolumne auf Handelsblatt Online. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive.

Quelle:Handelsblatt Online

Bezahlung, Arbeitszeit, Dienstwagen? Nein, was Mitarbeiter wirklich beschäftigt, ist die Unternehmenskantine. Doch die selbsternannten Speiseplan-Experten sind extrem anstrengend. Zeit, einen Gang zurückzuschalten.

Fragt man so in die Runde, was ein Unternehmen für seine Mitarbeiter attraktiv macht, hört man eigentlich immer das gleiche.

  • Aufstiegschancen: Klar, die Leute wollen Karriere machen. Oder wenigstens davon träumen.
  • Verantwortung: Für irgendwas, Budget, Personal oder auch nur den Rolltorschlüssel.
  • Selbständiges Arbeiten: Wer lässt sich schon gern jeden Handgriff ständig schriftlich bestätigen?
  • Leistungsorientierte Bezahlung: Alles natürlich auf hohem Niveau bitte, und eine Schippe drauf, wenn man dann doch mal die Extra-Meile geht.
  • Flexible Arbeitszeitgestaltung: Arbeitszeit = Anwesenheitszeit, das war gestern.
  • Inspirierendes/interessantes Arbeitsumfeld: Manch einer braucht täglich frische Blumen auf der Fensterbank, ein anderer findet es interessant, wenn der Dienstwagen ein Kombi ist.
  • Image des Unternehmens: Glaubwürdigkeit, Reputation, die gesamte Erscheinung zählt.
  • Nettes Team: Ja nun, wer will schon unter Idioten sein?
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Das kennen Sie alles, geschenkt. Aber es stimmt nicht. Also: nicht so ganz. Wissen Sie, mit was man als Unternehmen punkten kann, nein sogar muss? Ja. Genau. Mit der Kantine!

Dass jemand die Motivations-Rede des Chefs nicht mal nachgelesen hat, okay. Dass die neuen Compliance-Regeln noch nicht bekannt sind, auch okay, von der neuesten Produktentwicklung mal ganz abgesehen. Aber den aktuellen Speisenplan der Kantine, den kennt jeder. Und jeder, aber auch wirklich jeder, hat eine dezidierte Meinung dazu, was auf dem Speiseplan steht, was darauf stehen müsste und was auf keinen Fall darauf gehört.

Der Wochen-Speiseplan ist – in wirklich jedem Unternehmen – die am häufigsten aufgerufene Seite im Intranet. Dass die Kohlrouladen schon vor 13 Uhr aus waren, dass es drei Tage hintereinander das gleiche vegetarische Gericht gab, dass die mediterrane Woche ruhig öfter sein dürfte – solche Themen beschäftigen die Menschen. Das hat schon so manche quälend lange Aufzugfahrt in die achte Etage (siehe Kolumne letzte Woche) gerettet. Was unter Freunden das Wetter, ist unter Kollegen die Kantine. Das geht gar nicht!


Wer mit dem Pförtner Bockwurst isst, macht sich verdächtig

Ich unterteile die Speiseplan-Experten (also alle) in drei Typen: Da wäre der Zufriedene (kommt eher selten vor): Er ist glücklich, so wie es ist. Wo sonst bekommt man ein ordentliches Mittagessen mit Vorspeise, Hauptgang und Nachtisch für maximal, aber wirklich maximal, 10 Euro? Er probiert alles aus, freut sich über jede neue Themenwoche. Seine Frau schätzt die Kantine noch mehr, weil sie ihm dafür abends nichts kochen muss.

Dann kommen wir zum Meckerer. Er nutzt die Kantine jeden Tag. Ein Unternehmen ohne Kantine wäre für ihn unvorstellbar. Dennoch meckert er täglich über das Essen. Die Suppen sind immer kalt, das Essen zu lasch und der Nachtisch liegt ihm noch nachmittags schwer im Magen (letztens rief ein genervter Kollege: „Dann lass ihn doch weg, würde Dir eh guttun!“). Seine Frau muss sich das Gejammer natürlich auch jeden Tag anhören.

Dann haben wir noch den Meister der Verbesserungsvorschläge, den Klugscheißer: Warum sind die Wege so lang? Warum nicht mehr Personal zwischen 12 Uhr und 14 Uhr? Warum kann man nicht die vegane Ecke separieren und dafür die Salattheke näher an das allgemeine Büffet drapieren („Wir Fleischesser essen ja meistens auch Salat“)? So was halt. Er hat keine Frau.

Alles in allem ist das extrem anstrengend. Diejenigen, die mit ihrem Croissant mittags die Tastatur vollkrümeln, werden schräg angeschaut. Diejenigen, die eine ganze Mahlzeit ausfallen lassen und dafür den zweiten Liter Kaffee zur vierten Zigarette bevorzugen, sowieso. Das Haus verlassen zum Lunch ist nur in Verbindung mit einem Kundengespräch akzeptabel. Wer mit dem Pförtner eine Bockwurst isst, macht sich verdächtig.

Lassen Sie uns doch einfach mal einen Gang zurückschalten. Was macht ein Handwerker in seiner Mittagspause? Er setzt sich in sein Auto (bei gutem Wetter auch einfach irgendwo hin), holt seine Zeitung raus, isst seine mitgebrachte Stulle, eventuell beißt er noch in einen Apfel. Vielleicht macht er noch einen kleinen Power-Nap. Ende Gelände. Der macht es jedenfalls am entspanntesten.

Sabina Wachtel berät Manager. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive mit den Labels ManagerOutfit.de und 55dresscodeberater.de. Außerdem ist sie Autorin.

Quelle:  Handelsblatt Online
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