Die Chef-Beraterin: Die Lizenz zu Dauerallüren

Die Chef-Beraterin: Die Lizenz zu Dauerallüren

, aktualisiert 05. Juli 2017, 15:24 Uhr
Bild vergrößern

Sabina Wachtel schreibt jeden Mittwoch ihre Berater-Kolumne auf Handelsblatt Online. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive.

von Sabina WachtelQuelle:Handelsblatt Online

Vergessen Sie die Starallüren! Unsere Kolumnistin hat die Dauerallüren erfunden. Dahinter steckt der Wille zur perfekten Inszenierung. Nicht zu verwechseln mit den verhassten Chefallüren, die sie auch kennt.

Hat jemand keine Allüren, so gilt das gemeinhin als etwas Positives. Da ist einer nicht abgehoben, sondern auf dem Boden geblieben. Der Schuster ist bei seinen Leisten geblieben, der Chef hat seinen Job von der Pike auf gelernt, man darf ja nicht vergessen, wo man herkommt und so weiter. Andererseits gibt es die Starallüren, die Allüren der Diven und nun eben auch: Dauerallüren. Dauerallüren sind die perfekte Inszenierung. Dauerallüren können alles sein – nur kein Mittelmaß. Dauerallüren irritieren – und bleiben im Gedächtnis. Sich selbst zur Marke machen, das Eigene, das Markante, die Ecken und Kanten: Dauerallüren sind eine Haltung.

Die unangenehmsten Allüren hingegen sind meiner Meinung nach die Chefallüren. Das geht gar nicht! Chefallüren lassen sich grob in drei Kategorien unterteilen:

Anzeige

1. Die Kontrolletti-Chefallüren. Es geht keine Mail raus, kein Telefonat wird geführt, kein Kundenkontakt gepflegt ohne sein vorheriges Checken. Er kontrolliert alles. Wer die Kontrolletti-Chef-Allüren in den Griff kriegen will, kann eigentlich nur gleiches mit gleichem vergelten. Drehen Sie den Spieß um und nerven Sie ihn mit Ihren permanenten Reports über alles und jeden. Machen Sie einen Plan, setzen Sie Prioritäten. Diese Prioritäten muss er wiederum checken, gegebenenfalls ändern. Dann halten Sie ihn dauerhaft in cc… Er wird wahnsinnig. Oder Sie.

2. Die Spontaneitäts-Allüren. Das ist der Chef ohne Plan. Jeden Tag ein 40-minutiges Meeting und Sie sind danach genauso schlau wie vorher. Hier hilft nur das gute alte Protokoll – so blöd es auch klingen mag. Schreiben Sie einfach alles mit. Haken Sie nach. Fragen Sie nach dem Ziel. Wiederholen Sie im Protokoll, welche Aufgaben angesprochen wurden. Enden Sie mit einer zeitlichen Aufstellung, wie Sie die angesprochenen Aufgaben erledigen möchten. Mailen Sie ihm dieses Protokoll zu oder überreichen Sie ihm einen Ausdruck. Wenn das alles nichts bringt, dann wechseln sie die Abteilung. Haha.


„Spiegeln Sie seinen Wutausbruch“

3. Am Allerschlimmsten sind allerdings Chefs mit Choleriker-Allüren. Und hier gibt es meines Erachtens keinen guten Ratschlag. Doch. Nicht zurückbrüllen – auch wenn es schwerfällt – Ruhe bewahren. Das ist das Einzige. Tipps wie – „Versuchen Sie nach der ersten Sekunde des Schocks herauszuhören, was Ihren Chef so wütend gemacht hat“ – oder, noch schlimmer, – „Spiegeln Sie seinen Wutausbruch und sprechen Sie an, was gerade passiert“. Wer so etwas rät, hatte es noch nie mit einem echten Choleriker zu tun.

„Ja. Ich höre, dass Sie sehr aufgebracht sind… “. Alles Nonsens. Das Beste ist es wirklich zu sagen: „Wir können gern darüber sprechen, wenn Sie sich beruhigt haben.“ Dann verlassen Sie den Raum – ohne Türknallen natürlich.
Ich habe, nebenbei bemerkt, in vielen Jahren als Unternehmerin keine Chefallüren entwickelt. Ich habe Dauerallüren. Und zwar nonstop. Deshalb habe ich den Begriff auch schützen lassen. Wer die Lizenz will, muss erst mal seine Dauerallüren unter Beweis stellen. Das nenne ich übrigens Allüren mit Stil. Deshalb gönne ich mir jetzt auch ein paar Wochen auf den Bahamas. Paradise Island und so.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%