Die Chef-Beraterin: Im Fahrstuhl mit Frau Knigge

Die Chef-Beraterin: Im Fahrstuhl mit Frau Knigge

, aktualisiert 14. September 2016, 15:43 Uhr
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Sabina Wachtel schreibt jeden Mittwoch ihre Berater-Kolumne auf Handelsblatt Online. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive.

Quelle:Handelsblatt Online

Zu jedem ordentlichen Bürohaus gehört ein Fahrstuhl. Doch im engen Raum des Lifts lauern in Sachen Benehmen jede Menge Fettnäpfchen. Gut, wenn man im Aufzug eine Knigge-Trainerin zur Seite hat.

In der Beraterbranche lernt man es früh: 30 Sekunden im Aufzug entscheiden über Karriere, Börsenkurs und Megadeals. Bildlich gesprochen. Mehr Zeit bleibt oftmals nicht, um die Botschaft auf den Punkt zu bringen. Einen Gedanken in 30 Sekunden vermitteln, das kann man lernen. Aber qualifiziert das wirklich fürs Fahrstuhlfahren?

Denn auch ein Fahrstuhl hat Anspruch auf gutes Benehmen, kann somit ein Ort des Scheiterns werden. Wie überall gilt auch hier: Dort, wo der angebliche Blumentopf zu gewinnen ist, kann man auch sehr viel falsch machen. Ich habe scheinbar alles falsch gemacht. Unhöflich sei kein Ausdruck, so die gnadenlose Diagnose einer Knigge-Trainerin:

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  • Beim Eintreten in den Aufzug habe ich den Blick starr auf einen Punkt wenige Zentimeter vor meinen Füßen gerichtet.
  • Ich habe zwei Menschen mir gegenüber von oben bis unten gemustert (gar nicht gemerkt…).
  • Ich habe bis zur gewünschten Etage zu cool und zu unbeteiligt geguckt.
  • Ich habe ständig auf mein Handy geschaut und in meiner Tasche gewühlt.
  • Dann bin ich raus, einfach so.

Ergebnis: Kniggemäßig durchgefallen. Untragbar, um in der Aufzugsprache zu bleiben. Die Knigge-Trainerin wirkt tatsächlich leicht schockiert. Das geht gar nicht! Also sind wir noch einmal gemeinsam Aufzug gefahren. Ein bisschen guter Wille, ein paar Kniffe und Tricks, das wird schon, sagt sie. Wir starten. Und ich lerne: Es zählt schon die erste Sekunde. Man drückt den Knopf, es macht „Bling“. Da ist er! Die Tür geht auf.

Jetzt kommt der schwierigste Akt, man nennt es in Kennerkreisen die Wende. Ich finde das so witzig (Frau Knigge nicht). Die Wende geht so: vorwärts durch die geöffnete Tür – komplett natürlich, dann eine leichte Drehung nach links oder rechts, und Achtung: freundlich Guten Tag sagen (sofern jemand drinnen ist natürlich), im Drehen, noch bevor man die endgültige Position gefunden hat. Der Profi (also zukünftig ich) nimmt sogar in der Bewegung bereits ersten Blickkontakt auf.

Gut wäre, wenn man sich dabei nicht in der Handtasche oder im Gepäck der Mitfahrenden verhakt, niemanden tritt und niemanden die Brille von der Nase fegt (Sie wissen, mein Dutt). So schwer ist das ja wirklich nicht, sagt Frau Knigge. Ok. Ich bin drinnen, würde gern Daumen hoch machen, triumphieren! Traue mich aber nicht. Ich drücke jetzt den Etagenknopf unkommentiert. Und nein, ich sage auch nicht „Toi, toi, toi“ oder „da wollen wir mal das beste hoffen“ oder dergleichen.


Im Fahrstuhl guckt man geradeaus

Kaum zu glauben: Die Basics habe ich schon drauf, versichert mir die Knigge-Trainerin. Nun geht es allerdings an die Details: Unter dem kritischen Blick der Meisterin des gepflegten Aufzug-Fahrens nähere ich mich nun der gewählten Etage. Wir sind bald oben. Ich mustere die anderen und wundere mich, ob die überhaupt wissen, auf was man alles achten muss bevor sich die Fahrstuhltür geschlossen hat. Allzu viele Gedanken kann ich mir nicht machen, ich habe noch einen Call, super, 30 Sekunden sollten reichen, schade, dass die Verbindung so schlecht ist, ich würde gern weniger laut sprechen und dafür alles nur einmal sagen. Wir steigen aus.

Erwartungsgemäß bekomme ich von der Knigge-Trainerin eins aufs Dach. Das sei unmöglich. Man telefoniert nicht im Fahrstuhl oder hängt am Handy.

Also nochmal. Diesmal weist mich die Knigge-Trainerin vorher an. Ich soll daran denken, nach Eintritt und Begrüßung eine aufrechte Haltung einzunehmen, Blickrichtung Fahrstuhltür. Nicht auf den Boden gucken! Und (kurz befürchte ich, sie würde mir auf die Finger hauen) man fängt auch nicht aus Verlegenheit an, in der Tasche nach einem Kaugummi zu suchen. Man starrt nicht hoffnungsvoll die Etagenanzeige an. An die Decke guckt man auch dann nicht, wenn sich dort ein Spiegel befindet. Im Fahrstuhl guckt man geradeaus! Puh, streng.

Ideal sei es die Hände mit verschränkten Fingern vor dem Körper zu positionieren. Aussage „Ich halte die Distanzzone ein“ (ob sie den Film „Elevator“ gesehen hat?). Direkt wieder rein in den Fahrstuhl, es geht diesmal nach unten. Es kommt mir wie eine Metapher vor. Hochmut kommt… - naja, Sie wissen schon. Die Knigge-Trainerin sagt, ich habe meine Sache beim letzten Anlauf schon sehr viel besser gemacht. Ich bin ein bisschen stolz.

Ich habe eine Geschäftsidee. Am Rande des Schwarzwalds wird es demnächst einen Testturm für Fahrstühle geben. Kein Witz. Es wird eine neue Technologie getestet, der Fahrstuhl fährt mit Magneten statt an Seilen. Ich schlage eine Zweitnutzung vor: Die aufzugfahrenden Gäste der zu errichtenden Aussichtsplattform können ihre Kompetenzen im Fahrstuhlfahren erproben. Angenehmer Nebeneffekt: Es ist sehr anstrengend (das habe ich am eigenen Leib erfahren) und lenkt deshalb vielleicht ein bisschen von dem unguten Gefühl ab, sich in einem Aufzug zu befinden, der nicht durch ein Seil gehalten wird.

In der täglichen Praxis hat das Ganze aber einen entscheidenden Nachteil. Sie wirken ansprechbar. Sie sehen aus, als wäre Ihnen nach Smalltalk. Auch morgens um 7.30 Uhr schon. Auch nach einem langen Arbeitstag mit gefühlten 80 Calls (die Sie sämtlich außerhalb des Fahrstuhls geführt haben). Der Fahrstuhl kennt weder Zeit noch Raum. 30 Sekunden, und Ihr Gegenüber wird sich mit Ihnen unterhalten, über das Wetter, Fußball oder den Stau auf der A3. Wenn Sie das nicht möchten, hätte ich ein paar Tipps für Sie. Der wichtigste: Verstecken Sie ein Päckchen Kaugummi in Ihren Taschen.

Sabina Wachtel berät Manager. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive mit den Labels ManagerOutfit.de und 55dresscodeberater.de. Außerdem ist sie Autorin.

Quelle:  Handelsblatt Online
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