Die Chef-Beraterin: Mit WhatsApp zum Kantinenfraß

Die Chef-Beraterin: Mit WhatsApp zum Kantinenfraß

, aktualisiert 14. Juni 2017, 15:20 Uhr
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Sabina Wachtel schreibt jeden Mittwoch ihre Berater-Kolumne auf Handelsblatt Online. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive.

von Sabina WachtelQuelle:Handelsblatt Online

Früher trafen sich Kollegen vor der Kantine. Wer da war, war da. Heute organisiert man sich in WhatsApp-Gruppen. Wie Annemarie, Ludwig, Heinz, die Unentbehrliche und Nerv-Ingrid den gemeinsamen Kantinengang ausknobeln.

Das Handy von Annemarie aus Human Ressource blinkt um 10 Uhr zum ersten Mal. Sie rollt die Augen. Herr Wespe aus der Rechtsabteilung fragt, ob sie zusammen in der Kantine essen wollen. Sie guckt zu ihrer Kollegin. „Wie komme ich aus der Nummer raus? Der will doch bestimmt nur über den Antrag von den Externen sprechen. Ich sage, ich kann nicht.

Was war das früher alles noch leicht – ohne WhatsApp-Gruppe. Da ist man einfach los um 12, treffen vor der Kantine, wer da war, war da. Dann hat man kurz über das Essen gemosert, zusammengegessen, und gut war.

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Heute wird das alles zu einem geradezu taktischen Spiel. Wer mit wem wann zum Essen geht. Da wird schon um 9.30 Uhr die erste Gruppenanfrage gestartet. Wer kommt heute um 12 Uhr mit zum Kantinenfraß (zwei Lach-Smileys)? Da wird überlegt und gefeilt, Ludwig, dem das Essen an sich wichtig ist und dem es dabei relativ egal ist, mit wem er isst. Hauptsache nicht allein. Deshalb antwortet er als Erster innerhalb von von zwei Minuten: „Ich bin dabei. Hab' jetzt schon Hunger“ (Lachsmiley).

Bettina, die immer hofft, doch noch eine interessantere Anfrage zu bekommen, hält sich möglichst lange alle Möglichkeiten offen: „Eigentlich spricht nichts dagegen, hoffe, dass mein Chef mich nicht zu sehr vollballert mit Arbeit. Melde mich noch mal.“

Es ist immer auch eine Person dabei, die grundsätzlich nichts verbindlich zusagen kann („Ich muss noch einmal überlegen, sag' kurz vorher Bescheid, eigentlich wollte ich ja schnell ein paar Einkäufe erledigen. Wahrscheinlich komme ich, bin aber ein paar Minuten später, hoffe, dass mein Chef mich raus lässt“). Diese Person ist immer und überall unentbehrlich. Außer ihr kann niemand den Familieneinkauf erledigen. Der Chef hält es keine 30 Minuten ohne sie aus. Ausgerechnet jetzt muss die Cousine aus Wuppertal anrufen. Der Brief wird nicht fertig. Irgendwas ist immer.

Heinz aus dem Einkauf sagt gleich ab. „Sorry, ich schaff's nicht.“

Dann Helene aus dem Recruiting: „Sorry Leute, ich muss heute mal mit dem Marketing was machen, ihr wisst schon Networking ist das A und O.“


„Leute, bin doch dabei. Freu' mich“

Spätestens um 11 Uhr meldet sich Nerv-Ingrid. „Ich hab' gehört, ihr geht zusammen zum Essen, kann ich mich anschließen?“ Ingrid ist nicht umsonst NICHT-Mitglied in der Gruppe. Keiner mag sie, weil sie eine Labertasche vor dem Herrn ist. Und vor ihrer Tratscherei ist niemand sicher. Es kann jeden treffen, der gerade nicht anwesend ist – und wenn der Betreffende sich nur gerade eine Tasse Kaffee holt: Etwas Schlechtes lässt sich immer schnell ins Ohr der Tischnachbarin zischen.

Heinz meldet sich doch noch: „Leute, bin doch dabei. Freu' mich.“ Zwischendurch Nachricht von Bettina, die offenbar wieder eine bessere Option gefunden hat: „Sorry Leute, muss passen, meine Abteilung bestellt vom Thai hier schräg gegenüber, das kann ich mir nicht entgehen lassen. Den wollte ich schon immer testen.“

Fazit: Im Grunde sind WhatsApp-Gruppen für den Eimer, weil sie alles nur noch viel schlimmer machen. Es wird nichts geplant, es wird nur herumgestresst. Und am Schluss sitzen immer wieder die gleichen vier in der Kantine – und Nerv-Ingrid ist eine davon.

Quelle:  Handelsblatt Online
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