Die Chef-Beraterin: Unentbehrlich ist gefährlich

Die Chef-Beraterin: Unentbehrlich ist gefährlich

, aktualisiert 25. Januar 2017, 17:12 Uhr
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Sabina Wachtel schreibt jeden Mittwoch ihre Berater-Kolumne auf Handelsblatt Online. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive.

Quelle:Handelsblatt Online

Wenn im Büro ohne den Chef nur Chaos herrscht, läuft etwas grundlegend schief. Gute Vorgesetzte zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihren Mitarbeitern vertrauen. Doch viele Chefs halten sich lieber für unentbehrlich.

Braungebrannt kommt Frau Sören, ihres Zeichens Chefin, nach zwei Wochen Urlaub (zusammen mit ihrem Mann, Herrn Sören, übrigens auch Chef) zurück in ihr Büro. Hocherfreut registriert sie allenthalben fleißig tippende, telefonierende, meetende Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und ruft in die Runde: „Guten Morgen an alle! Wie lief es in den letzten zwei Wochen?“ Aus den diversen Büros und auch aus der Kaffeeküche kommen zufriedene Geräusche, allgemeines Wohlbefinden ganz offensichtlich. „Es lief alles super“, berichtet dann Frau Klugweiß, „Keine Katastrophen, alles im Griff. Habe alles Wichtige auf den Schreibtisch gelegt zur Info.“

Gleiche Zeit, anderer Ort. Auch Herr Sören, Ehemann von oben genannter Frau Sören, kehrt in sein Büro zurück. Auch er registriert eine gewisse Geschäftigkeit bei seiner Belegschaft. Aber wer weiß schon, was die so machen. Wahrscheinlich Solitaire spielen oder Bundesliga-Ergebnisse checken. Gleich mal ran an den Speck: „Guten Morgen, Frau Kohl! Und, wie stehen die Aktien?“ Eine rhetorische Frage – zwei Wochen ohne ihn, da wird wohl alles den Bach runtergegangen sein.

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Der Beweis: Seine Assistentin, Frau Kohl, hat trotz früher Stunde schon hektische Flecken im Gesicht. „Was ein Glück, endlich sind Sie wieder da. Es war ein Desaster! Länger als zwei Wochen sollten Sie wirklich nicht weg sein.“ Herr Sören kann ein selbstgefälliges Grinsen nicht unterdrücken. „Keine Bange, Frau Kohl. Länger als zwei Wochen würde ich auch nicht Urlaub machen.“ Er stellt seine Tasche neben seinen Schreibtisch, der überquillt vor Unterlagen.

„Es war das reinste Chaos hier, nix lief.“ Frau Kohl läuft ihm nach. „Hier habe ich Ihnen mal die ganzen unerledigten Fälle hingelegt. Quasi der Chef-Stapel.“ Sie kichert selbst über ihren Witz, und Herr Sören freut sich wahnsinnig – über die Berge von Arbeit, die auf ihn warten. Eine To-Do-Liste, länger als sein Winterschal…


Ein guter Chef greift selten zum Taktstock

Wo ist der Fehler? Genau, bei Herrn Sören. Bei Frau Sören im Laden läuft es nämlich. Aber Herr Sören, der denkt, ohne ihn läuft es halt nicht. Und es scheint auch wirklich nichts zu laufen. Statt sich Gedanken darüber zu machen, woran das liegen könnte, freut er sich insgeheim, dass er scheinbar unentbehrlich ist. Er sieht noch nicht mal, dass das ganze Gedöns um seine Person eigentlich geschäftsschädigend ist. Das geht gar nicht!

Frau Sören allerdings weiß es. Sie weiß, dass ein guter Chef oder eine gute Chefin sich dadurch auszeichnen, nicht alles selbst zu machen, sondern dass sie nur in Ausnahmen gefragt wird und dann eingreift. Anderes wäre schlimm. Wenn nur sie Verantwortung übernimmt, ihre Mitarbeiter aber nicht.

Irgendwo stand einmal, dass ein guter Chef eben nicht die erste Geige spielt, dass er nur ausnahmsweise zum Taktstock greift und das nicht permanent. Dass er seine Leute dazu befähigt und ihnen alles zutraut. Götz Werner, Gründer der Drogeriekette dm und zweifelsohne erfolgreicher Unternehmer, sagte einst: „Es gibt keinen Job in meinem Unternehmen, den ich nicht machen kann. Aber richtig erfolgreich bin ich geworden, weil ich für alles jemanden gefunden habe, der es noch besser kann als ich.“

Wenn der Chef die erste Geige spielt, wenn nichts ohne ihn geht, dann läuft was falsch. Idealerweise schaffen die Mitarbeiter es nämlich nicht nur, zwei Wochen den Laden am Laufen zu halten. Wenn sie richtig gut sind, schaffen sie es sogar zwei Monate und länger

Sabina Wachtel berät Manager. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive mit den Labels ManagerOutfit.de und MEMBER OF THE 55. Außerdem ist sie Autorin.

Quelle:  Handelsblatt Online
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