Die Chef-Beraterin: Urlaub auf Balkonien? Ja!

Die Chef-Beraterin: Urlaub auf Balkonien? Ja!

, aktualisiert 13. Juli 2016, 12:14 Uhr
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Sabina Wachtel schreibt jeden Mittwoch ihre Berater-Kolumne auf Handelsblatt Online. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive.

Quelle:Handelsblatt Online

Zugegeben, Urlaub auf dem heimischen Balkon ist nicht wahnsinnig verlockend. Aber der Anspruch, den viele an die „schönsten Wochen im Jahr“ haben und sich damit unter Stress setzen, ist auch nicht erholsam.

Und ich sage noch im April, so für mich erst mal ganz heimlich: Ich mache dieses Jahr im Sommer mal ganz lange gar nix. Bestimmt diese magischen vier Wochen, Sabbatical für Arme. Kein Büro, keine Termine, keine Kolumnen. Nix. Ich plane seit April, dass ich nichts plane.
Und irgendwann musste ich das ja auch mal erzählen. Und immer wurde ich sofort gefragt: Und, wo fährst Du hin? Da sage ich: Balkonien! Balkonien! Das ist so was von 70er, und deshalb gut!
Peng! Donner! Blitz! Blankes Entsetzen gepaart mit versteckter Fassungslosigkeit! Unglauben, Zweifel – die lügt doch. Dann, als ich immer noch nicht „hahaha, war ein Witz“ gesagt habe, kam tiefstes Mitleid. Als hätte ich gesagt, dass ich vier Wochen zu meiner Nichte in den Harz fahre, um ihr beim Renovieren zu helfen. Noch schlimmer. Als hätte ich gesagt, dass ich in denselben vier Wochen in meinem Wohnzimmer das Baby von Daniela Katzenberger hüten muss und nicht raus darf. Genau. So haben alle geschaut. Was, Du bleibst vielleicht zuhause?

Und dann kommt die Litanei:
1. Nur im Urlaub kann man richtig ausspannen, würde Dir mal gut tun!
2. Es ist bereichernd und bildend fremde Kulturen und Länder kennenzulernen („Gerade für Dich“ würden sie gern sagen, verkneifen sich das aber..)
3. Es erweitert den Horizont.
4. Man lernt andere Menschen kennenlernen. (Daran mangelt es mir nicht.)
5. Abwechslung vom Alltag (noch mehr Abwechslung halte ich kaum aus)

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Das ist richtig. Ich muss sehen, was man gesehen haben muss. Ich muss nacharbeiten nach so viel Balkoniens. Aber spätestens bei Punkt zwei bin ich draußen und muss richtig lachen.
Das sagen genau die, die meistens zuhause keinerlei Interesse an der Geschichte fremder Kulturen haben und schon die Augen rollen, wenn einer mit Geige das Restaurant betritt, in dem sie gerade sitzen, und anfängt lustig zu fiedeln. Aber im Urlaub ist das natürlich etwas anderes. Da ist es unheimlich bereichernd und schön.


Urlaub ist in Ordnung, nur nicht mit Zweck


Ich will sagen, wer fremde Kulturen kennenlernen will, oder gar Menschen, der muss nicht nach Timbuktu auf den Marktplatz. Aber gut. Oder um es mit dem bengalischen Dichter und Philosoph Rabindranath Tagore zu sagen: „Ich stelle mir bisweilen vor, wenn ich durch die Straßen gehe, ich sei ein Fremder, und erst dann entdecke ich, wieviel zu sehen ist, wo ich sonst achtlos vorübergehe.“
Nein. Ich muss nicht zwingend wegfahren, schon gar nicht mit dem Gedanken, dass das jetzt die schönsten Wochen im Jahr sein müssen. Allein dieser Gedanke deprimiert mich und setzt mich unter Stress. Und ich weiß, dass es ganz vielen Menschen so geht. Reisen bildet, erweitert den Horizont. Außer Frage.
Aber dieser Anspruch, es sind doch die schönsten Wochen im Jahr, den finde ich abturnend. Als hätte ich sonst ein Scheißleben. Wenn mir jemand sagen will, welche die die schönsten Tage im Jahr sind, dann stellen sich mir die Haare hoch. Das ist Stressurlaub, das kann auch einfach mal so richtig doof werden. Es kann auch richtig danebengehen.
Wer hat einen Grund, zu reisen, um ein anderer zu sein? Da kennt uns niemand, da sind wir frei. Oder sind wir hier so aufgeschlossen zu Fremden oder der Bedienung wie etwa in Barcelona? Oder fänden wir es hier genauso wunderbar, wenn ein See neben den doofen Leuten hier wäre oder ein Strand? Wolfgang Goethe formulierte es so: „Das ist das Angenehme auf Reisen, dass auch das Gewöhnliche durch Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt.“
Urlaub ist in Ordnung. Nur nicht mit Zweck. Wenn wir fahren und alles schief läuft und wir total fertig nach Hause kommen, macht es überhaupt nichts. Dann kann man sich immer noch überlegen, ob man nächstes Jahr vielleicht doch lieber der Nichte im Harz bei der Renovierung hilft. Das Baby von Daniela Katzenberger ist dann auch noch nicht aus dem Gröbsten raus. Ich mache jetzt ein paar Wochen frei. Es werden die Wochen ohne die Sabina-Wachtel-Kolumne sein. Sonst ändert sich nichts für Sie.

Natürlich fahre ich bestimmt über die Alpen, ich will ja nicht die ganze Zeit auf dem Balkon sitzen. Schicken Sie mir ruhig Mails. Denn dann im Urlaub können wir mal in Ruhe reden, im Ernst, auch zu den anderen Kolumnen, nicht zu dieser langweiligen über Balkonien.

Sabina Wachtel berät Manager. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive mit den Labels ManagerOutfit.de und 55dresscodeberater.de. Außerdem ist sie Autorin.

Quelle:  Handelsblatt Online
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