Die Chef-Beraterin: Von dünnen Heringen und Moppelchen

Die Chef-Beraterin: Von dünnen Heringen und Moppelchen

, aktualisiert 10. Mai 2017, 10:38 Uhr
Bild vergrößern

Sabina Wachtel schreibt jeden Mittwoch ihre Berater-Kolumne auf Handelsblatt Online. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive.

Quelle:Handelsblatt Online

Es gibt einen Ernährungstypen, den erkennen Sie sofort: den Veganer. Ihm gelingt es, seine Essgewohnheiten in jede Unterhaltung einfließen zu lassen. Warum er trotzdem keine Ehrlichkeit von Fleischessern erwarten darf.

Den meisten Kollegen sehen Sie den Ernährungsstil nicht an, das muss man doch mal ganz klar sagen. Wer da Bescheid wissen will, muss schon eine Livecam vor dem heimischen Kühlschrank installieren. Ich kenne dünne Heringe, die in jeder Mittagspause Riesenportionen verschlingen, kann gar nicht fettig, süß und sahnig genug sein. Die sitzen neben dem Moppelchen, das am Salatblatt ohne Dressing mümmelt. Auch die Smartwatch am Handgelenk sagt nach meiner Erfahrung nicht viel aus. Die schmückt auch die klassische Couchpotato, die schon zwei Etagen Treppe statt Fahrstuhl für sportlich hält.

Ich kenne Hipster mit Hang zum Bohneneintopf; Seite an Seite mit dem hanseatischen Weißwurstfan und dem Makrobiotiker, der aus einer fränkischen Bauernfamilie stammt. Man weiß eben nie, wo die Leute so ihre Gewohnheiten entwickeln.

Anzeige

Einen Ernährungstyp jedoch, den erkennen Sie sofort. Das ist der Veganer. Sie müssen gar nicht seine reine Haut, das glänzende Haar oder die schlanke Linie deuten. Es ist auch nicht sein ausgeglichenes Gemüt, das Ihnen den entscheidenden Hinweis gibt. Nein, Tatsache ist: Er wird es Ihnen selber sagen! Ja. Er wird es nicht schaffen, das auch nur die ersten 20 Minuten zu verschweigen, die Sie zusammen in einem Raum verbringen. Dabei hält sich der missionarische Eifer des Veganers gemeinhin sogar in Grenzen.

Naja. Fast. Die Crossfit-Fanatiker sind mit ihren Paleo-Steaks und Sellerie-Smoothies militanter. Der Veganer ist in seinem unermüdlichen Mitteilungsbedürfnis völlig unaufgeregt und auch tolerant anderen gegenüber („Ich habe früher auch ab und zu ein Ei gegessen“ oder „Also, ich könnte das nicht mehr essen, aber lass du es dir schmecken, ist bestimmt lecker“).

Wirklich. Ich habe nichts gegen Veganer. Wer mich kennt, weiß um meine Sympathien. Auf Instagram sind meine veganen Yogaübungen legendär. Und ich muss sagen: Die Veganer haben Humor!

Nur wundere ich mich, wie die das immer wieder hinbekommen mit dem „Ich-bin-ein-Veganer-und-ich-stehe-dazu-und-sag-das-auch-gleich“. Völlig ohne inhaltlichen Anknüpfungspunkt schaffen sie es immer innerhalb kürzester Zeit Sätze in jede Unterhaltung einfließen zu lassen wie: „Für mich hat das mit der veganen Ernährung auch erst mit vier oder fünf Jahren so richtig angefangen, als ich verstanden habe, woraus Fleisch gemacht wird.“

Was erreichen sie damit? Wenig. Alle haben ein schlechtes Gewissen, während sie das Steak vom Knochen nagen. Dennoch nagen sie natürlich brutal weiter. Zudem beteuert jeder Fleischesser dann sofort, dass er ja nur ganz, ganz selten Fleisch isst und dann auch auf beste Qualität achtet. Randbemerkung: Die in Umfragen bezeugte Bereitschaft von Menschen, mehr Geld für Tierprodukte aus artgerechter Haltung auszugeben, steht in keinem Verhältnis zum tatsächlich verzeichneten Umsatz im Einzelhandel. Liebe Veganer: Rechnen Sie bitte nicht mit Ehrlichkeit, wenn Sie mit Fleischfressern sprechen. Das geht gar nicht!


Ohne Ei, aber trotzdem fluffig

Die – Achtung Witz! – eingefleischten Veganer im Büro haben ja inzwischen ihre Überzeugungstechniken perfektioniert. Sie bringen grundsätzlich neben dem eigenen Lunchpaket (selbstverständlich in der total stylisch designten Lunchbox von diesem Versandhändler, der sich auf nachhaltige Artikel ohne Plastik spezialisiert hat) leckere kleine vegane Häppchen für alle mit. Man wird gezwungen solche Sätze zu sagen wie: „Echt, das ist jetzt ganz ohne Ei gemacht? Ich kann gar nicht glauben, dass die trotzdem so fluffig sind“ oder „Mensch, das war doch bestimmt total viel Arbeit, wie lecker das schon aussieht.“

Vor dem Business-Dinner klärt übrigens der Vollprofi unter den Veganern dezent vorab, ob es eine vegane Option auf der Speisekarte gibt. Sollten bei dieser Gelegenheit individuelle Absprachen getroffen werden, rate ich vom vertraulichen Zwinkern mit dem Kellner ab; aber das gehört, glaube ich, auch ohnehin nicht zum veganen Lebensstil.

Eine bemerkenswerte Beobachtung ist es noch, dass durchaus nicht alle Veganer rank und schlank sind. Das scheint mir doch darauf hinzuweisen, dass die Angst der Fisch-, Ei-, Käse- und Fleisch essenden Riege unbegründet ist: Es gibt generell auch für Veganer genug zu essen. Obwohl ich schon gehört habe, dass viele Veganer bei mehrtägigen Seminaren ein Glas Erdnussbutter oder eine Dose Erbsen dabei haben. Zur Sicherheit. Mehr gibt es dazu eigentlich gar nicht mehr zu schreiben, merke ich gerade….Aber ich wollte ja unbedingt das Thema aufgreifen. Und eigentlich noch einen veganen Witz bringen… aber ich trau mich nicht! 

Schöne Woche!

Sabina Wachtel berät Manager. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive mit den Labels ManagerOutfit.de und MEMBER OF THE 55. Außerdem ist sie Autorin.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%