Die Chef-Beraterin: Was tun, wenn keine Ideen kommen?

Die Chef-Beraterin: Was tun, wenn keine Ideen kommen?

, aktualisiert 08. März 2017, 19:10 Uhr
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Sabina Wachtel schreibt jeden Mittwoch ihre Berater-Kolumne auf Handelsblatt Online. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive.

Quelle:Handelsblatt Online

Wer regelmäßig schreibt, ist stets auf frische Ideen angewiesen. So auch unsere Kolumnistin. Doch wo soll die Kreativität herkommen, wenn in der Welt einfach nichts Inspirierendes passiert?

Der US-Autor John Irving ist gerade 75 geworden. Er boxt nicht mehr (das Boxen hat er vor langer Zeit aufgegeben, um stattdessen über das Boxen zu schreiben), steht aber jeden Morgen zeitig auf, um sich an den Schreibtisch zu setzen und zu schreiben. Das verlange ihm, so sagte er jüngst in einem Interview mit dem Bordmagazin der Lufthansa, keine Disziplin ab. Es sei ja ohnehin das, was er am liebsten macht. Er schreibt jeden Tag acht bis neun Stunden. Jeden Tag! Das Material für die Themen, über die er schreibt, reicht für mehr Bücher, als er in seinem Leben noch schreiben kann.

Wissen Sie, was passiert, wenn ich morgens aufstehe und mich an den Tisch setze, um acht bis neun Stunden zu schreiben? Nichts. Null. Nada. Ich würde nicht einen einzigen zusammenhängenden Satz aufs Blatt bringen. Aber dafür wäre mein Haushalt tipp-top. Die Wäsche wäre gewaschen und gebügelt, die Fenster glasklar, der Fußboden gesaugt, gewischt und wahrscheinlich hätte ich ein Drei-Gänge-Menü gekocht.

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Dabei schreibe ich auch gern. Und ich habe Themen. Alle möglichen Themen. Nur liegt das Material nicht wohlsortiert um mich herum und wartet darauf, verarbeitet zu werden. Mein Material ist der tägliche Wahnsinn der Welt. Ich muss raus, ich brauche Input, ich brauche Verrückte und Besessene um mich herum, Langweiler und Spießer, notorische Nörgler und unverbesserliche Optimisten. Aber wo sind die um Himmels Willen? Sind die heute alle mit Grippewelle zu Hause geblieben? Haben sie nach dem Karneval ihren Rausch noch nicht ausgeschlafen? Denken sie immer noch über den komischen Kammerspiel-Tatort nach? Hilfe! Wo ist meine Inspiration?

Ich sage es, wie es ist. Ich habe heute keine Idee. Meine Kreativität ist futsch. Ich bin im Eimer. Ich überlege, ob mir überhaupt nochmal irgendwann irgendwas einfallen wird. Für Menschen wie mich, die von ihren Ideen leben, ja, die eine wöchentliche Kolumne abgeben und das so gern machen, für solche Leute ist es geradezu fatal, keine Ideen zu haben.

Dabei ist es doch so einfach. Man hält die Woche über die Ohren und Augen auf. Man schaut, was so passiert, irgendwas ist schließlich immer. Und dann ist man halt, so ganz nebenbei, eigentlich die ganze Woche am überlegen, über was man so schreiben könnte. Wenn es dann soweit ist, fängt man einfach an.


Die Stufen der Eskalation

Diese Woche, ich habe es die ganze Zeit gemerkt, wollte es aber nicht wahr haben, ist so gar nichts passiert. Normalerweise reißt das Wochenende heraus, was das Business nicht hergibt. Wenn der Text auch noch nicht steht, habe ich doch spätestens Samstag das Grobe im Kopf. Das wird dann noch ein bisschen gebrütet, und Anfang der Woche steht das Ding. Aber dieses Wochenende: Leere im Hirn. Nix. Das geht gar nicht!

Erste Stufe der Eskalation: Ich habe auf morgen verschoben (Sonntag). Zweite Stufe der Eskalation: Ich habe auf übermorgen verschoben (Montag). Dritte Stufe der Eskalation: Es ist Dienstag. Ich gerate in Panik. Es ist mir egal, ob Emma Watson Feministin ist und was (oder wie viel) Feministinnen anhaben. Obwohl meine Kolumne (sofern ich diese Woche eine schreibe) am Weltfrauentag erscheint. Es ist mir völlig schnuppe.

Es regnet jetzt schon so lange, dass Moncler das Schaufenster in der Goethestraße mit Friesennerzen dekoriert hat. Ich sage Ihnen was: Es ist mir egal. Es gibt tatsächlich Menschen, die der Meinung sind, wenn man eine anständige Allwetterjacke im Kleiderschrank hat, kommt man das ganze Jahr ohne Mantel aus, aber das interessiert mich nicht. Heute jedenfalls. Gut, dass man alles ja noch auf den nächsten Tag schieben kann.

Ich kann leider nicht mehr schieben. Heute ist Mittwoch. Aber Sie sehen ja, auch wenn die Verzweiflung groß ist, irgendwas geht immer.

Sabina Wachtel berät Manager. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive mit den Labels ManagerOutfit.de und MEMBER OF THE 55. Außerdem ist sie Autorin.

Quelle:  Handelsblatt Online
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