Die Chef-Beraterin: Wie wir jeden Tag reden

Die Chef-Beraterin: Wie wir jeden Tag reden

, aktualisiert 18. Mai 2016, 12:29 Uhr
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Sabina Wachtel schreibt jeden Mittwoch ihre Berater-Kolumne auf Handelsblatt Online. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive.

Quelle:Handelsblatt Online

Vor mehr als 300 Jahren hat Molière festgestellt, dass derjenige gut spricht, der so spricht, dass er verstanden wird. Ein schönes Prinzip eigentlich, und meiner Meinung nach unverändert gültig. Oder sollte es sein.

Die Frage ist nur: Von wem will man verstanden werden? Oder anders: Will man überhaupt verstanden werden? Nicht immer wie mir scheint.

Anders kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen, wieso kaum ein Meeting mehr ohne Englisch, Denglisch und schlicht Fantasiewörter auskommt.

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Völlig normal, wenn Chief Operating Officer Wolfgang Würzer sein Team begrüßt: „Hallo, schön, dass Ihr da seid. Ihr wisst ja schon, dass die Deadline für unser Speech Event naht. Termin to be fixed. Schon in zwei Wochen.“ Man mag Herrn Würzer nicht gleich unterstellen, dass er gar nicht weiß, um was für eine Veranstaltung es sich handelt, aber der Verdacht drängt sich doch auf – „Speech Event“, da fragt dann aber keiner mehr nach.
Reicht ja im Zweifelsfall auch wenn Silke Soundcheck (Senior Assistant to Wolfgang Würzer) Bescheid weiß: „Ich verteile erst mal den aktuellen Time-Table. Außerdem habe ich heute Morgen auf dem Event-Schedule gesehen, dass der Ablauf nicht gemaket ist, nix priorisiert. Wer macht das denn? Und was ist mit dem Budget?“ Heinz Herbst, Head of Facility Management, haut in die gleiche Kerbe: „Ich frag mich sowieso, wie wir Euch supporten sollen, wenn Ihr noch nicht mal einen Schedule habt.“ Angespannt sitzt er auf der Stuhlkante.

Ein kleiner Einblick in die Business-Realität, und gleich etwas zu lernen: Wer keine Ahnung hat, schlecht organisiert ist und im Zeitplan weit zurück liegt, kann durch kleine Tricks dennoch souverän wirken.
Angenehmer Nebeneffekt für den Sprechenden: Er kommt wichtig rüber.

In der hier beobachteten formlosen Zusammenkunft (Meeting) der Planungsgruppe (Steering Group) Vortragsreihe (Speech Event) jedenfalls zeichnet sich allein schon durch das Beherrschen der sprachlichen Gepflogenheiten das hierarchische Gefälle ab. Werner von Weichey, seines Zeichens Head of Controlling, hat inzwischen rote Flecken auf der Stirn: „Hier gab’s kein Agreement. Weder von Euch noch von ganz oben. Das muss ich noch checken. Wer macht denn überhaupt jetzt die Keynote?“


Lieber chillen als ausflippen


Sie haben’s sicher gleich gemerkt – der liebe Herr von Weichey ist unter Druck, und gibt den Schwarzen Peter geschickt weiter, die Keynote, da hat ja noch keiner dran gedacht. Alle schauen betreten nach unten; aber Herr Würzer, der hat den Hut auf, und der kann hier mithalten: „Die werde ich wohl machen müssen – ich habe aber bis jetzt weder die Basics für meine Speech noch upgedatete Slides. Toll. Und was den Schedule betrifft, Heinz, da bekommst Du noch diverse Check-Out Notes. Don’t worry.“ Heinz Herbst (hat sich bisher rausgehalten, jetzt lehnt er sich ein bisschen zu selbstgefällig zurück): „I hope so. Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Werner von Weichey (heute ganz mutig): „Fakt ist: Wir müssen da alle an unserer Performance arbeiten, auch die anderen Speaker. Diesmal muss ganz klar unser USP rüberkommen – aber mit Speed und vor allem verständlich.“ Blick auf Wolfgang Würzer, der fühlt sich natürlich nicht angegriffen: „Absolutely, Werner. You’re right. Ich denke mal, für mich no problem. Die anderen sind da schon eher Risk-People. Nur, wie wir das rüberbringen, that’s the question?“

Silke Soundcheck (überlegt, wie sie das alles schaffen soll): „Ich check‘ alles, samt geplanter Speaker, bei unser U-Komm. Was die Module und Soundbites und so angeht, das ist sowieso outgesourced. Die müssen alarmiert werden. Bis heute Nachmittag hast Du alle Basics, Wolfgang. Können wir uns darauf committen?“ Wolfgang Würzer schenkt sich Kaffee nach und gibt sich großherzig: „Ok Silke – Du weißt, da bin ich auf deinen Support angewiesen“. Silke Soundcheck (die jetzt wirklich Panik bekommt, dass sie die Arbeit nicht schafft): „Ok – no problem, Wolfgang.“

Eduard Weisses (Head of Communication), sieht ein Desaster auf sich zukommen, weiß das aber geschickt zu verbergen: „Don’t worry, Silke. Ich kann Dir schon mal ein paar Infos zusammenstellen – eventuell habe ich noch Charts, die man nehmen kann. Gelayoutet sind die noch nicht – aber das kriegen wir hin. Hauptsache wir haben Input für Wolfgang.“ Und Wolfgang Würzer darf sich endlich richtig wichtig fühlen: „Ok – thanks, Eduard. Und wenn Du Fragen hast, you know (Augenzwinkern inklusive): Don’t hesitate und so, wie wir Deutschen sagen, ha, ha.“

Alle müssen jetzt lachen, unbedingt. Wolfgang Würzer: „Souuu“, sagt er ganz cool, wie er das kürzlich gehört hat, „Souuu let’s go.“ Und wer denkt, er kann das besser, der soll nicht gleich ausflippen, sondern erst mal chillen. Really.

Sabina Wachtel berät Manager. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive mit den Labels ManagerOutfit.de und 55dresscodeberater.de. Außerdem ist sie Autorin.

Quelle:  Handelsblatt Online
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