Die Sicht der USA auf den Brexit: Schwaches Europa

Die Sicht der USA auf den Brexit: Schwaches Europa

, aktualisiert 25. Juni 2016, 16:47 Uhr
Bild vergrößern

Ein Newsticker zum Brexit auf dem Times Square

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Europa? Ist das nicht dieser Kontinent mit dem politischem Wirrwarr und ohne politischen Plan? Die Amerikaner fühlen sich durch den Brexit in lang gehegten Vorurteilen bestätigt. Ein Kommentar.

Europa: Das ist dieser Kontinent mit politischem Wirrwarr, nicht funktionierenden politischen Strukturen, schwachem Wachstum, wenig Verständnis für geostrategische Realitäten und nur halbherzigem Bekenntnis zur Freiheit der Märkte. So sehen es viele Amerikaner. Durch den Brexit werden sie in ihren Urteilen, zum Teil auch Vorurteilen, bestärkt. Und ihre Befürchtungen, dass es noch schlimmer kommt, werden wachsen.

Der Brexit zeigt, wie zerbrechlich die Europäische Union ist. Schon im Vorfeld hatten US-Investoren die Sorge geäußert, ein Absprung Großbritanniens könne die zentrifugalen Kräfte auch auf dem Kontinent sprengen und damit den Zusammenhalt des Euros gefährden. Sie sehen das mit gemischten Gefühlen. In den USA begegnet das Misstrauen der Briten gegenüber der EU durchaus auch Sympathie, und viele Amerikaner halten nicht viel vom Euro. Auf der anderen Seite fürchten sie aber die Folgen einer weiteren Zersplitterung Europas. Und das aus mehreren Gründen.

Anzeige

In den USA denken auch Investoren und Ökonomen häufig geostrategisch. Sie hatten nie Verständnis dafür, dass die Europäer Griechenland nicht stärker unterstützen, ein Land am Rand der Euro-Zone, nah am unstabilen Nahen Osten und an derjenigen europäischen Region, die zum Teil noch immer den russischen Einfluss fürchtet. Mit Ausbruch Großbritanniens sehen sie zudem ein neues Ungleichgewicht innerhalb der EU heraufziehen. Deutschland bekommt noch mehr Übergewicht, wird aber trotzdem nicht stark genug sein, die EU-Länder wirklich hinter sich zu bringen und zu vereinen.

In der Auseinandersetzung mit den in den USA als „sozialistischer“ oder jedenfalls weniger marktwirtschaftlich eingestellten Ländern, die ans Mittelmeer grenzen, verliert Deutschland mit den Briten einen wichtigen Verbündeten. Das dürfte die Sorge verstärken, dass Europa nicht nur dysfunktional bleibt, sondern auch unter dem Druck rechtspopulistischer Parteien noch bürokratischer wird und das eigene, schwache Wachstum weiter schwächt durch nationale Wirtschaftspolitik.

Die Briten wiederum könnten zwar mit ihrer Exportindustrie vom schwachen Pfund profitieren. Wenn sie denn eine starke Exportindustrie hätten. Stattdessen werden sich die Sorgen mehren, dass sie größere Probleme bekommen, ihre Zahlungsbilanzdefizite zu finanzieren. Falls die Schotten erneut ein Referendum zum Ausstieg starten, käme noch die Angst dazu, dass Großbritannien endgültig auf einen Status von allenfalls noch regionaler Bedeutung herabsinkt. Daher dürften die Amerikaner beide Seiten, Briten und EU, drängen, möglichst viel an gegenseitiger wirtschaftlicher Offenheit beizubehalten.

Amerikanische haben den Euro-Europäern häufig den Rat gegeben, sich noch enger zusammenzuschließen und ihre Finanzpolitik zu koordinieren. Dahinter steckte manchmal eine Sichtweise, die zu sehr vom Vergleich mit den Vereinigten Staaten geprägt war und zu wenig die politischen Realitäten Europas im Blick hatte. Nach dem Brexit dürfte der Optimismus auf in Zukunft deutlicher vereinigtes Europa nachlassen. Möglicherweise werden einige US-Experten den Euro-Staaten sogar anraten, lieber ihren jeweils eigenen Weg zu gehen. Nach dem Motto: lieber mit Schaden raus als im Euro gefangen zu bleiben.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%