Dietmar Kneib im Interview: „Es sind Amateure – aber hochkriminelle Amateure“

Dietmar Kneib im Interview: „Es sind Amateure – aber hochkriminelle Amateure“

, aktualisiert 19. Januar 2016, 13:09 Uhr
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67 Sprengungen ereigneten sich 2015 allein in Nordrhein-Westfalen, hier erwischte es eine Sparkasse in Mönchengladbach. Eine Sonderkommission fahndet nach den Tätern.

von Leonidas ExuzidisQuelle:Handelsblatt Online

Eine Sprengserie, die ihresgleichen sucht: In Nordrhein-Westfalen flog zuletzt ein Geldautomat nach dem anderen in die Luft: 67 waren es 2015, bundesweit knapp 150. Die Behörden ermitteln – doch es geht immer weiter.

FrankfurtNach 31 gesprengten Automaten in NRW hatte Uwe Jacob genug gesehen: Der Chef des Landeskriminalamts (LKA) gründete Ende Oktober die Sonderkommission „Heat“ mit dem Appell: „Dies muss beendet werden.“ Seitdem ereigneten sich weitere 36 Sprengungen im Westen. Die Ermittlergruppe unter Federführung von Dietmar Kneib, Leiter des Dezernats für organisierte Kriminalität, arbeitet mit Hochdruck – gegen Profis, Nachahmer und weitere Widrigkeiten.

Herr Kneib, 67 Automatensprengungen gab es in NRW im Jahr 2015. Im November und Dezember ist die Fallzahl nochmal deutlich angestiegen. Warum?
Das liegt daran, dass zu den Tätergruppen aus den Niederlanden teilweise hochaktive örtliche Nachahmungstäter dazu gekommen sind. Es blieb bei den Nachahmungstätern allerdings immer beim Versuchsstadium, also Sprengung oder versuchte Sprengung jeweils ohne Beute.

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Wie ist das zu bewerten? Sind das Amateure, die nicht ans Geld kommen?
Ja, es sind Amateure – aber hochkriminelle Amateure. Diese Täter wissen nicht, wie man Automaten sprengt, daher waren sie auch nicht erfolgreich. Dafür waren die Gebäudeschäden jeweils umso höher, weil die Täter nie das Maß hatten, um die richtige Sprengwirkung zu erzielen. Das erhöht natürlich das Risiko für die Anwohner. Es ist nach wie vor ein kleines Wunder, dass noch niemand verletzt wurde.

Zuletzt konnten Sie erste Erfolge nachweisen: Eine Tätergruppe vom Niederrhein, der Sie 13 Taten inzwischen sicher zuordnen, konnte ihre Behörde unmittelbar vor der 14. Sprengung auf frischer Tat ertappen …
Es war enorm wichtig, diese Gruppe aus dem Verkehr zu ziehen. Sie war zuletzt sehr aktiv und aufgrund ihrer mangelnden Kenntnisse sehr gefährlich. 13 Sprengungen, immer hohe Schäden, aber kein einziges Mal Beute.

Unterschätzt man vielleicht die Komplexität einer solchen Sprengung?
Nicht nur die Komplexität, auch die Konsequenzen. Das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion hat eine Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr zur Folge. Ich glaube, dass das manchen Nachahmungstätern trotz ihrer kriminellen Energie nicht ganz bewusst ist.

Mehrere Gruppen von Nachahmungstätern konnten festgenommen werden. Sind nun auch die Profis vorsichtiger?
Wir haben den Eindruck, dass das so ist. Im vergangenen Quartal waren die örtlichen Täter eher am Werk als die niederländischen Banden. Aber das Phänomen ist noch lange nicht beendet.

Wen sehen Sie denn in der Bringschuld, damit es bald soweit sein könnte? Das LKA oder die Banken?
Beide im Rahmen ihrer Aufgaben. Wir ermittelt intensiv und geben den Banken konkrete Maßnahmen mit auf den Weg. Für die örtliche Risikobewertung und die Umsetzung im Einzelfall sind aber die Institute zuständig.

Sind die Banken denn bereit, in den physischen Schutz der Geldautomaten zu investieren?
Ja, das sind sie. Die Botschaft ist bei den meisten Instituten angekommen. Allerdings hat sich auch der Handlungsdruck durch die steigenden Fallzahlen erhöht.

Ruhen sich manche Institute auf ihrem Versicherungsschutz aus?
Das kann ich nicht bewerten. Davon gehe ich aber nicht aus.


„Bei den Geldautomaten muss man perspektivischer denken“

Ist denn ein kurzfristiges Ende der Serie in Sicht?
Solche Versuche wird es immer geben, auch wenn man gegensteuert. Geldautomaten sind halt ein attraktives Ziel. Es ist allerdings enorm wichtig, den Tatanreiz zu senken.

Durch Tintenpatronen, die das Bargeld bei einem Angriff entwerten?
Unter anderem. Prävention ist wichtig, aber es gibt auch weitere relevante Faktoren.

Soll konkret heißen?
Man muss bei der Verteilung der Geldautomaten perspektivischer denken. Wie hoch muss die Bargeldverfügbarkeit an verschiedenen Orten denn wirklich sein? Natürlich muss ich meine Kunden versorgen. Aber man muss auch die Gesamtsituation Sinn haben. Ein solcher Automat ist die einzige Stelle, an der Geld an der Außenhaut einer Bank vorhanden ist – und das zieht nun einmal kriminelle Banden an.

Die Tintenpatronenlösung stand zuletzt in der Kritik, da es Experten zufolge auch einen Markt für entwertetes Geld gibt …
Das lässt sich nicht ausschließen, ist aber kein Argument gegen Einfärbesysteme. Diese Lösung hat sich auch in den Nachbarländern bewährt. Die Täter wollen sofort ans Geld und es nicht erst über Drittwege zu „sauberen“ Scheinen machen.

Also favorisieren Sie diese Lösung?
Das lässt sich pauschal nicht sagen. Die richtige Präventionsmaßnahme ist standortabhängig. Unter anderem spielen da die baulichen Gegebenheiten eine wichtige Rolle. Das ist die Aufgabe der jeweiligen Bank. Wir können da nur beraten.

Wie können Sie sich denn sicher sein, dass eine bestimmte Gruppe für bestimmte Taten verantwortlich ist?
In diesem Fall waren die Täter geständig – das ist selten der Fall, kommt uns aber sehr entgegen. Bei der Analyse sind unsere Spezialisten am Werk. Die können aufgrund verschiedener Kriterien die Fälle systematisch bewerten und die Serien anschließend zusammenstellen.

Was ist denn mit den „Profi-Banden“? Sind Sie denen auf der Spur?
Es handelt sich dabei um mehrere professionelle Tätergruppen aus den Niederlanden, im Raum Utrecht und Amsterdam. Wie viele Gruppen es wirklich sind, ist schwer zu beziffern, weil sie einheitliche Tatkleidung tragen. Wir haben konkretes Spurenmaterial, das uns einen Schritt weiterbringt. Ich gehe davon aus, dass es in naher Zukunft weitere Ermittlungserfolge geben wird.

Ein Großteil der Sprengungen ereignet sich im Grenzgebiet zu den Niederlanden – folglich sind NRW und Niedersachsen besonders betroffen. Auch Niedersachsen liegt mit 28 Sprengungen weit über dem Bundesdurchschnitt, auch dort wurde eine Sonderkommission gegründet. Wie funktioniert da der Austausch?
Natürlich kooperieren wir sehr stark. Wir bilden gemeinsam mit den niederländischen Behörden ein Ermittlungsdreieck. Ich kann Ihnen versichern, wir geben unser Bestes.

Das Interesse der Medien an dieser Sprengserie ist sehr groß. Überrascht Sie das?
Nein, das ist nachvollziehbar. Das Medieninteresse ist gestiegen, als auch die Fallzahlen sich erhöht haben. Schließlich ist auch die Gefährdung sehr hoch.

Quellle:  Handelsblatt Online
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