Digitale Helfer: Wenn die Datenbrille den Lift ins Treppenhaus beamt

Digitale Helfer: Wenn die Datenbrille den Lift ins Treppenhaus beamt

, aktualisiert 25. April 2017, 21:45 Uhr
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Microsofts HoloLens ist ein Headset für erweiterte Realität, das die analoge Welt mit hochauflösenden Hologrammen bereichert.

von Martin Wocher und Christof KerkmannQuelle:Handelsblatt Online

Die IT-Konzerne mühen sich, den Industriefirmen den Einstieg in die Digitalisierung zu erleichtern - mit Vorteilen für beide Seiten. Ein Thema, das aber auch noch offene Fragen wie etwa Datensicherheit in sich birgt.

HannoverDie Kundschaft ist anspruchsvoll und wählerisch - und hat keine Zeit zu verlieren. Wenn sich ältere Menschen nach langem gedanklichen Hin- und Her einmal dazu durchgerungen haben, einen Treppenlift zu bestellen, weil sie ohne nicht mehr die Stockwerke wechseln können, muss es meistens schnell gehen. "Am liebsten von einem Tag auf den anderen", sagt Andreas Schierenbeck, Chef der Aufzugssparte von Thyssen-Krupp.

Doch so einen Lift ins Treppenhaus einzubauen, geht nicht mal so hopplahopp: Der verfügbare Raum muss aufwändig ausgemessen werden, die Führungsschiene ist ein Unikat und wird bei einer Thyssen-Krupp-Tochter in den Niederlanden gefertigt. Bislang vergehen bis zu sieben Wochen zwischen Bestellung und Einbau. Viel zu lang dachte sich Schierenbeck - und nahm Kontakt mit Microsoft auf.

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Auf der Hannover Messe stellen beide Konzerne nun eine Lösung vor, wie mit Hilfe von HoloLenses der Zeitraum auf zehn Werktage verkürzt werden kann. Die von Microsoft entwickelte digitale Brille ermöglicht interaktive Projektionen in einer natürlichen Umgebung. So kann der Vertriebsmitarbeiter einfach und in null-komma-nichts die Treppenmaße aufnehmen, per Fingerschnipp die Führungsschiene nach links oder rechts ausschwenken lassen, kleine Hindernisse wie einen Wandvorsprung umgehen und den älteren Herrschaften anschließend zeigen, wie sich ihr künftiger Treppenlift in die Wohnumgebung einpasst. Stimmen sie der Lösung zu, werden die erhobenen Daten gleich in das Herstellungswerk rübergeschickt. "Das neue Verfahren ist schneller, präziser - und die Reaktion der Kunden ist erstaunlich positiv", sagt Schierenbeck.

Rund 200 Millionen Euro setzt die Treppenlift-Sparte um, die in der Thyssen-Krupp-Sparte Aufzüge angesiedelt ist. Schierenbeck verspricht sich von dem Einsatz der HoloLenses gegen Jahresende einen deutlichen Wettbewerbsvorteil über das schnelle Konfigurieren - aber auch als Vertriebsargument. "Mit Hilfe der Hologramme können Kunden eine viel detailliertere Kaufentscheidung treffen", sagt er. "Wir können mehr Lifte verkaufen und wir können sie besser verkaufen - und wir brauchen keine Nacharbeit mehr, weil etwas nicht passt."


Sorge vor Komplexität und Datensicherheit

Die Brillen für die sogenannte "mixed reality" sind nur ein Beispiel dafür, wie sich die großen IT-Konzerne mühen, den Einstieg vieler Industriefirmen in die Welt der Digitalisierung zu erleichtern. Zwar haben sich fast alle schon damit beschäftigt. Umfragen zeigen jedoch, dass in bis zu einem Drittel aller Firmen immer noch die Sorge vor der Komplexität und vor einem Verlust über die Hoheit ihrer Daten vorherrschen.

Ihnen versuchen IT-Konzerne wie IBM und Microsoft, SAP und Deutsche Telekom, verstärkt entgegenzukommen. Mit Laboren, in denen die Kunden Experimente anstellen können. Mit einer Kombination aus Software und Beratung, um bei der Entwicklung erster Prototypen zu helfen. Und technologisch, in dem sie verstärkt auf Sprachsteuerung setzen oder wie bei der HoloLens auf intuitive Bedienbarkeit.

So stellt IBM auf der Messe in drei Stufen 4.0-Lösungen rund um seinen Super-Computer Watson vor - darunter auch ein sogenanntes Starter-Kid. Microsoft hat gerade neue IoT-Services veröffentlicht und weitere angekündigt, um den Unternehmen den schnellen Einstieg ins Internet der Dinge (IoT) erleichtern. Denn das Internet der Dinge, im dem Maschinen und Fahrzeuge, Fabriken und Städte miteinander kommunizieren, birgt nicht nur für die Industriefirmen sondern auch für die IT-Konzerne ein großes Potenzial.

Das Beratungsunternehmen Boston Consulting Group (BCG) schätzt, dass der Umsatz mit dem Internet der Dinge bis 2020 um jährlich 20 Prozent auf 250 Milliarden Euro wachsen wird. Allerdings steht der Markt nach Einschätzung von Nicolas Hunke, Partner bei BCG und spezialisiert auf das Internet der Dinge, noch am Anfang. „Die Technologien sind alle vorhanden, aber die Anbieter müssen noch zeigen, dass man sie ökonomisch einsetzen kann.“

Die größten Geschäftsfelder sehen die Berater in den Bereichen vorausschauende Wartung, selbstoptimierende Produktion und intelligente Lagerhaltung. Hier sei der Nutzen schnell konkret sichtbar, sagt Hunke – und das sei wichtig: „Die Kunden treibt um, welche Nutzungsszenarien es für ihr Unternehmen, ihre Industrie gibt.“ In der Fertigung sei der Bedarf dagegen nicht so hoch, weil diese in Deutschland bereits hochautomatisiert sei.

Eine ähnliche Sichtweise ist auch in den Unternehmen verbreitet. „Viele Kunden machen erste Pilotprojekte, einige ziehen konkrete Vorteile aus der Technologie“, sagt etwa Tanja Rückert, die bei SAP das Geschäft mit dem Internet der Dinge verantwortet. Sie erwartet in den nächsten Monaten aber einen deutlichen Zuwachs an Projekten: „Das Thema ist jetzt auf der Geschäftsführungsebene angekommen, die Offenheit ist wesentlich größer als noch vor einem Jahr.“


Plattformen erleichtern das Management

Und so legen etliche Technologiekonzerne Programme auf, um den Kunden den Einstieg zu erleichtern. IBM und Microsoft setzen vor allem auf ihre IoT-Labs, die sie beide in München aufgebaut haben. Dort entwickeln sie zusammen mit ihren Kunden entsprechende digitale Lösungen. "Hier können wir ihnen nahebringen, was alles möglich ist", sagt Sabine Bendiek, Deutschland-Chefin von Microsoft.

Der Software-Spezialist investiert zudem viel in die Entwicklung digitaler Assistenten, die künftig mit Hilfe künstlicher Intelligenz Entscheidungen im Arbeitsalltag vereinfachen sollen. IBM arbeitet inzwischen weltweit mit rund 6.000 Unternehmen zusammen, die die Dienste von Watson nutzen. Der Supercomputer gibt schon jetzt Hinweise, wann Maschinen ausfallen und unterbreitet den Technikern Lösungsvorschläge, die er auf einer breiten Basis von Datenanalysen bis hin zur Auswertung von Erfahrungswerten entwickelt hat.

SAP setzt auf Pakete zur Vernetzung von Maschinenparks, Fahrzeugflotten und Produkten an – im Hintergrund laufen Technologien zur Datenanalyse. Zusätzlich gibt es ein Einstiegsprogramm, mit dessen Hilfe Unternehmen Anwendungsfälle schnell identifizieren und validieren können sollen. Damit die Kosten kalkulierbar bleiben, verlangt der Konzern einen Festpreis.

Ähnlich geht die Deutsche Telekom vor, die kürzlich auf der Cebit verschiedene Starterpakete ankündigte. Damit sollen Firmen „ohne spezielles Know-how Maschinen und Geräte vernetzen, lokalisieren, überwachen und vorausschauend warten“ können. Es enthält Sensoren, Mobilfunkmodule und einen Cloud-Service.

Und die Software AG übernahm kürzlich das Düsseldorfer Unternehmen Cumulocity, dessen Plattform das Management von vernetzten Geräten und Sensoren erleichtert. Ziel sei es, IT-Anwendungen und Geräte im Internet der Dinge schneller und besser zu integrieren, erklärte der Darmstädter Konzern.


"Die Daten nutzen wir nicht"

Den IT-Konzernen hilft dabei, dass das lange vorherrschende Misstrauen gerade von vielen deutschen Mittelständlern gewichen ist, ihre Daten beispielsweise in der Cloud speichern und dort auch mit Blick auf neue Geschäftsmodelle analysieren zu lassen. "Wir sehen da ein Umdenken", sagt Bendiek.

Dazu haben gerade die US-Konzerne maßgeblich beigetragen, weil sie ihre Rechenzentren in Deutschland stehen haben und glaubhaft der Befürchtung entgegentreten, sie wollten mit dem Gebrauch der Daten die eigentlichen Geschäfte machen. "Die Daten, die uns der Kunde gibt, gehören ihm, wir passen darauf auf", sagt sie. "Wir haben keine Absicht, eigene Geschäftsmodelle darauf aufzubauen." Ähnlich sieht das auch IBM-Managerin Harriet Green, beim US-IT-Konzern für Watson verantwortlich. "Wir wollen die Abläufe in den Unternehmen unterstützen, die Daten nutzen wir nicht."

Auf dem Weg zur vernetzten digitalen Fabrik mit all ihren Vorteilen wie höhere Effektivität, geringere Kosten und Ausfallzeiten näheren sich IT-Konzerne und Industriefirmen immer stärker an. So forderte unlängst Maschinenbaupräsident Carl Martin Welcker seine Branche auf, sich bei den Innovationszyklen stärker an der IT zu konzentrieren und auch eine Fehlerkultur zuzulassen.

"Firmen wie Microsoft müssen dagegen Industriewissen aufbauen, das ist unsere Transformation", sagt Bendiek. Da die IT mittlerweile in allen Produkten angekommen sei, biete die Digitalisierung eine Riesenchance für beide Branchen. "Enorme Stärken haben beide Seiten", sagt Bendiek. "Wir müssen nur diesen kulturellen Brückenschlag hinkriegen."

Quelle:  Handelsblatt Online
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