Digitale Supply Chain: Maximale Offenheit

Digitale Supply Chain: Maximale Offenheit

, aktualisiert 26. April 2017, 14:28 Uhr
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Transparenz in den Abläufen bringt enorme Wettbewerbsvorteile mit sich.

von Martin WocherQuelle:Handelsblatt Online

Die Digitalisierung vernetzt die Mitspieler der industriellen Produktion und schafft so eine nie gekannte Transparenz. Nicht jeder Firma ist wohl dabei.

DüsseldorfEs ist wie der Blick in die sprichwörtliche Glaskugel: Wer wünscht sich nicht, ab und zu in die Zukunft schauen zu können? Für viele Firmen ist das dringende Notwendigkeit. Sie steuern ihre Produktion inzwischen so, dass sie ihre Kunden zu jeder Zeit optimal beliefern können – und nicht das eigene Lager füllen.

Denn das kostet nur Geld und ist wenig effektiv – in Zeiten harten Wettbewerbs kann sich das kein Unternehmen mehr leisten. Selbst ein tolles Produkt verliert an Bedeutung, wenn es nicht verfügbar ist oder rechtzeitig den Auftraggeber erreicht. „Die Zeiten sind vorbei, dass sich etwas von selbst verkauft“, sagt Klaus Wenger vom US-Industriesoftware-Spezialisten JDA. „Das ganze Geschäftsmodell ändert sich, ist mehr und mehr kundengetrieben.“

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Doch was so einfach und logisch klingt, ist komplex: Viele Teile der Versorgungs- und Logistikkette müssen miteinander verbunden werden, damit sich Abläufe koordinieren lassen und verlässliche Vorhersagen möglich sind. Dass dies immer besser funktioniert, ist den Fortschritten der digitalen Vernetzung zu verdanken – und den entsprechenden Softwaretools. „Hier liegt noch eine Menge Potenzial“, sagt Marcus Schüller, Supply-Chain-Experte der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. „Denn eine komplette Durchgängigkeit kann noch keine Branche vorweisen.“

Das gilt selbst für die auf Effektivität getrimmte Autoindustrie, die in puncto Digitalisierung anderen Branchen gerade den Rang abläuft. „Die technologische Herausforderung ist hoch“, sagt Schüller. So müssen nicht nur alle Daten im Unternehmen verfügbar und über Algorithmen auswertbar sein, sondern auch die der Lieferanten und Kunden. Nur so lässt sich ein optimales Zusammenspiel gewährleisten – und das gleich die ganze Wertschöpfungskette entlang.

Wie umfangreich und kompliziert eine solche Verknüpfung ist, macht JDA-Manager Kaltenbrunner gern am Beispiel der Reifenindustrie deutlich. Die hat gleich zwei große Kundengruppen: Die Autohersteller für die Erstausstattung und das Ersatzgeschäft mit den Autofahrern. „Beide Geschäftsfelder ticken völlig unterschiedlich“, sagt Kaltenbrunner. Die Belieferung von VW & Co lässt sich einigermaßen gut vorhersagen, die im Endkundengeschäft nur bedingt.

Fällt der Winter beispielsweise hart und lange aus, werden viele Winterreifen nachgefragt. Bleibt es mild, eben nicht. Gleichzeitig haben die Reifenhersteller ein großes Interesse daran, ihre Maschinen kontinuierlich auszulasten. Fragen viele Autofahrer neue Winterreifen nach, können Conti & Co nicht mal eben die Lieferung an die Autokonzerne einstellen, weil sie keine Kapazitäten haben – und umgekehrt.


Zuverlässig die Nachfrage vorhersagen

Mit Softwarelösungen, wie sie unter anderem SAP oder auch JDA anbieten, lassen sich solche Klippen mittlerweile elegant umfahren. Nach Auswertung aller Informationen wie Produktionskapazität, eigener Lagerbestand wie der der Händler, Auftragsvolumen, Wetterdaten und Erfahrungswerten aus den Vorjahren lässt sich recht zuverlässig vorhersagen, wie sich die Nachfrage entwickeln wird – manchmal über Monate hinweg.

Das Unternehmen kann frühzeitig reagieren und die Produktion darauf abstimmen. Das gilt vor allem für Branchen, die eine stark saisonabhängige Nachfrage haben. Die Palette reicht von der Lebensmittel- bis hin zur Stahlindustrie oder Spielzeugherstellern.

Für Wenger liegen die Vorteile auf der Hand: Mehrere Millionen Euro pro Jahr ließen sich allein dadurch allein einsparen, dass Firmen besser und schneller auf situationsbedingte Anfragen reagieren und somit ihre Bestände und das Betriebskapital deutlich nach unten fahren könnten. „Ich produziere nach Kundenbedarf und muss auch nichts mehr wegwerfen“, sagt der Software-Manager.

Durch zahlreiche Zukäufe hat sich das US-Softwarehaus zu einem der wichtigsten Anbieter von Supply-Chain-Management-Software sowie Warenwirtschaftssystemen entwickelt. JDA erzielt rund eine Milliarde Euro Umsatz durch seine Software- und Dienstleistungsangebote und hat rund 5.000 Kunden weltweit, unter ihnen Auto- und Stahlkonzerne, aber auch die dänische Lego-Gruppe.

Für Experten wie Marcus Schüller von der KPMG bringt eine solche Transparenz in den Abläufen enorme Wettbewerbsvorteile mit sich. „Unternehmen können frühzeitig auf Lieferunterbrechungen wegen Streiks oder Naturkatastrophen reagieren und schnell umschwenken.“ Auf der anderen Seite hat eine solche Offenheit auch ihre Schattenseiten – zumindest für viele Zulieferer. „Produktionsvolumen, Preise, Verfügbarkeit – alles steht praktisch in Echtzeit zur Verfügung“, sagt KPMG-Experte Schüller. „Das führt zu einem deutlich höheren Wettbewerbsdruck.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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