Digitalisierung der Finanzwelt: Siri für Bankkunden

Digitalisierung der Finanzwelt: Siri für Bankkunden

, aktualisiert 12. September 2016, 06:11 Uhr
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Smartphones lassen sich mittlerweile per Sprache steuern. Künftig könnte auch das Konto sprachegesteuert verwaltet werden.

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Sprechende Konten, Kredite per Handys, Bauern mit Blockchain – die Zukunft der Finanzwelt hat schon begonnen. Wo es bis vor kurzem mehr Vision als Wirklichkeit gab, herrscht jetzt ein heißer Wettbewerb.

Alexa hat eine angenehme, natürliche Stimme, sie klingt nicht wie in einem Science-Fiction-Film. „Alexa, wie viel habe ich auf dem Konto?“ – „Der Kontostand beträgt 235 Dollar“. – „Überweise bitte 71 Dollar an T-Mobile.“ – „Ich soll 71 Dollar an T-Mobile überweisen?“ – „Ja, das ist richtig.“

Alexa ist für Bankkunden, was Siri für iPhone-Besitzer ist: eine elektronische Gesprächspartnerin. Wobei Alexa eben nicht nur Auskünfte gibt, sondern auch Aufträge ausführt. Eines der vielen Beispiele dafür, wie neue Technik das Bankgeschäft verändert, und zwar nicht nur bei großen Geldhäusern, sondern bis in die letzten Winkel hinein. Denn die neue Firma Bankjoy bietet Alexa speziell den mehr als 6000 kleinen Kreditgenossenschaften der USA an.

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Damit wurde auf der Messe Finnovate in New York schon ein Trend deutlich: Die sogenannten Fintechs, neue Technik-Anbieter für die Finanzbranche, träumen nicht mehr davon, die Banken zu ersetzen. Sondern sie überbieten sich gegenseitig darin, ihnen maßgeschneiderte Produkte anzubieten. Es ist keine Rede mehr davon, dass die Geldhäuser mit ihrer veralteten Technik ins Abseits geraten. Sondern die kleine Software-Häuser betonen, dass ihre Produkte sich problemlos in die alte Bankenwelt integrieren lassen. Im Vordergrund steht, den Kunden die Bedienung zu erleichtern und zugleich die Sicherheit zu verbessern. FIS bietet zum Beispiel bietet ein System an, durch das Kunden mit dem Handy Geld beim Automaten abheben und sogar an bestimmte Automaten verschicken können.


Bauern in Australien nutzen Blockchain

Dabei bedienen kleine Unternehmen auch große Banken. Eyeverify etwa hat die US-Bank Wells Fargo als Kunden, außerdem Alipay, einen Ableger des Alibaba-Konzerns aus China. Eyeverify arbeitet frei nach dem Spruch von Humphrey Bogart in Casablanca: „Schau‘ mir in die Augen, Kleines.“ Der Bankkunde ruft seine App auf, schaut für einen Moment ins Handy, und wird zu seinem Konto geleitet. Das funktioniert auch mit Handys, die keine Verschlüsselung per Fingerabdruck haben. „Die Daten liegen verschlüsselt im Mobiltelefon und können auch nur dort benutzt werden“, sagt Verkaufsleiter Chris Barnett. Man sollte sein Handy also besser nicht verlieren – es kann zwar niemand damit das Konto knacken, aber es ist erst einmal auch gesperrt. Barnett führt auch vor, dass die Software sich nicht von einem Foto täuschen lässt. Denn sie registriert Bewegungen der Augen und kann erkennen, ob sie wirklich dreidimensional sind.

Von der technischen Seite her besonders interessant ist das Unternehmen Full Profile, das Emma Weston mit einer Handvoll von Kollegen gegründet hat. „Wir sind alle Bauern aus dem Südosten von Australien“, sagt die Chefin, „zum Teil schon in der fünften Generation“. Ihr Unternehmen, das demnächst in Australien und bald auch in Kanada startet, nutzt eine Technik, die bei den großen Banken meist noch im Experimentier-Stadium steckt: die Blockchain. Diese Software, die hinter der virtuellen Währung der Bitcoins steckt, stellt sicher, dass Daten gleichzeitig und völlig identisch allen Nutzern zur Verfügung gestellt werden. Über Full Profile können die Farmer ihre Ware anbieten. Wenn ein Käufer zugreift, wird sofort ein so genannter Smart Contract geschlossen, der Preis, Menge und Zahlungsbedingungen enthält.

Weston, die ansonsten Weizen anbaut, nutzt dafür Ethereum, eine neue Weiterentwicklung der Blockchain. Sobald der Bauer seine Ware wie vereinbart abliefert, löst der Smart Contract die Zahlung aus. Das vereinfacht nicht nur die Abwicklung, es gibt den Farmern auch mehr Sicherheit, dass sie ihr Geld pünktlich bekommen. Das Beispiel zeigt: Die Blockchain wird von einem Mythos allmählich zu einer ganz normal eingesetzten Software.


Fintec-Unternehmen beliefern große Banken

Viele der neuen Anbieter, etwa Bluescape, zielen nicht direkt auf die Kunden, sondern wollen die interne Abwicklung von Projekten, administrative Vorgänge oder die Arbeit der Bankberater vereinfachen. Andere konzentrieren sich auf spezielle Marktnischen, etwa Brand-Crowder auf Investments in Franchise-Unternehmen und Auto-Gravity auf die Autofinanzierung. Andere sind auf Schwellenländer spezialisiert, wie die Internetbank Lidya in Lagos. Der Anbieter Juvo springt auf den Zug auf, Banking vom Mobilfunk her neu zu erfinden. Das Unternehmen hat als ersten Markt Guatemala erschlossen. Es bietet in Schwellenländern, wo die meisten Kunden Prepaid-Handys nutzen, Mini-Kredite an, damit die Telefone auch benutzt werden können, wenn das Guthaben aufgebraucht wird. Je nach Zahlungsmoral des Kunden wird sein Kreditrahmen dann erweitert und kann auch anderweitig genutzt werden. Bezahlen lässt sich das Unternehmen von den Telefongesellschaften, weil es denen zusätzliches Geschäft bringt.

Die Beispiele zeigen: Obwohl viele Unternehme nur wenige Jahre oder Monate alt sind und gerade erst richtig starten, geht es jetzt nicht mehr um Visionen, sondern um hartes Geschäft. Nach einer Studie der Unternehmensberatung Accenture vom Juni sind seit 2010 weltweit mehr als 50 Milliarden Dollar in knapp 2500 in Fintec-Unternehmen investiert worden, davon allein 22 Milliarden im Jahr 2015. Dabei ist das Silicon Valley nicht mehr das Maß aller Dinge. Im ersten Quartal 2016 flossen dorthin 511 Millionen Dollar, nach New York aber mit 690 Millionen deutlich mehr. Letztlich ist es ein Geschäft ohne Grenzen, die Anbieter sitzen weltweit verstreut.

Bei den Banken setzt sich ohnehin gerade die Erkenntnis durch, dass die Entwicklung eigener Software teuer und zeitraubend ist. Insofern kann es ihnen nur Recht sein, wenn das Angebot fertiger, externer Lösungen wächst. Wenn sie es richtig machen, werden sie am Ende werden durch Fintech nicht ersetzt, sondern haben wieder mehr Kapazität, sich um die Kunden zu kümmern – auch eine Art von Innovation.

Quelle:  Handelsblatt Online
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