Digitalisierung im Mittelstand: Transformation trifft Tradition

Digitalisierung im Mittelstand: Transformation trifft Tradition

, aktualisiert 21. Oktober 2016, 09:11 Uhr
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Dank digitaler Technologie bezahlen Airlines nur die Betriebsstunden.

von Florian FlickeQuelle:Handelsblatt Online

Lange zögerten deutsche Firmen, den technischen Fortschritt mitzugehen. Nun treibt der deutsche Mittelstand die Digitalisierung endlich kraftvoll voran. Dazu braucht es frisches Kapital – und ein Umdenken bei den Banken.

DüsseldorfDeutschlands Mittelstand wird weltweit für seine Wettbewerbsfähigkeit gelobt. Die KfW als heimische Förderbank Nummer eins enger Vertrauter der Firmen im Sauerland oder auf der Schwäbischen Alb will bei all den Jubelstürmen nicht mitmachen und attestiert Nachholbedarf im aktuell wohl wichtigsten Bereich: der Digitalisierung. „Der Grad der Digitalisierung ist in mittelständischen Unternehmen bei weitem nicht so hoch, wie man ihn aufgrund der öffentlichen Debatte hätte erwarten können“, heißt es in einer Analyse der KfW-Volkswirte, die im August veröffentlicht wurde.

Rund ein Drittel der Mittelständler befindet sich demnach bisher noch in einem Grundstadium der Digitalisierung. Dennoch setzen sich mehr und mehr Firmen mit dem Thema auseinander, stellt die KfW versöhnlicher fest: „Vier von fünf Mittelständlern haben in den zurückliegenden drei Jahren Digitalisierungsprojekte durchgeführt.“ Neben moderner Hard- und Software werden nach Meinung von Stefan Zeidler, Firmenkundenvorstand der DZ Bank, „insbesondere die begleitenden Kompetenzprojekte, wie beispielsweise IT-Weiterbildung, zukünftig noch weiter zunehmen“.

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Er erwartet einen Digitalisierungsschub, wenn die „German Angst“ erst einmal dem Zukunftsoptimismus gewichen sei. „Der Finanzierungsbedarf wird steigen. Die mittelständischen Unternehmen haben sich in den vergangenen Jahren verstärkt mit der strategischen Bedeutung digitaler Maßnahmen beschäftigt.“

Was dennoch auffällt: Die Unternehmen setzen für ihre Digitalisierungsprojekte geringe Beträge ein. Knapp die Hälfte investiert laut Förderbankstudie weniger als 10.000 Euro pro Jahr. 100.000 Euro oder mehr jährlich in neue Hard- oder Software investieren nur fünf Prozent der Firmen. Volkhard Emmrich, Managing Partner bei der Münchener Beratungsgesellschaft Dr. Wieselhuber & Partner, sieht im digitalen Kleinklein einen Trend: „Insgesamt werden die Investitionen eher häufiger und dafür kleiner ausfallen und eher nicht das Anlagevermögen betreffen.“ Und genau das, meint Emmrich, könnte für Banken zur Herausforderung werden: „Mit heutigen klassischen Finanzierungsinstrumenten sind diese Investitionen kaum finanzierbar.“

Während Banken und Sparkassen in vordigitalen Zeiten greifbare Güter wie Gabelstapler, Verpackungsmaschinen oder Werkshallen finanzierten und entsprechende Sicherheiten bekamen, werden sie heute meist um Geld für die Qualifizierung von Fachkräften, für Software oder Vernetzung angepumpt – weg vom Materiellen hin zum Immateriellen. Das Problem: Kluge Köpfe und Ideen sind wichtig, aber eben auch schwer greifbar und oft hochriskante Wetten auf die Zukunft. Klassische Firmenkredite helfen da selten weiter, weil die vorherrschenden Regeln beim Ratingverfahren den Aspekt der Digitalisierung nicht oder nur ungenügend fassen. Konsequenz: Viele Mittelständler machen bei Digitalprojekten einen Bogen um die Hausbank. Laut KfW finanzieren die Unternehmen Digitalisierungsvorhaben aktuell zu 77 Prozent aus ihren laufenden Einnahmen. „Bankkredite spielen mit vier Prozent eine untergeordnete Rolle.“


DZ Bank setzt auf Innovationsmanagement

Das Gros der Banken hat den Handlungsbedarf erkannt, um nicht dauerhaft ins Abseits zu geraten. „Mitunter gibt es Geschäftsmodelle, bei denen traditionelle Bewertungsverfahren nicht mehr vollständig greifen“, gibt Joachim Schmalzl, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, zu. „Hier gilt es, die Berater entsprechend zu schulen, um weiterhin für unsere Kunden ein Geschäftspartner auf Augenhöhe zu bleiben.“

„Gefordert sind eine ganzheitliche Unternehmenswertbetrachtung sowie entsprechende Analyse- und Bewertungsprozesse“, ergänzt Martin Keller, Bereichsleiter Product Management Mittelstandsbank der Commerzbank. Sein Haus will mit Digitalinitiativen im Firmenkundengeschäft Boden gutmachen und sich in der Szene vernetzen. „Wir verfügen über fünf Start-up-Hubs deutschlandweit, die erster Ansprechpartner für den digitalen Mittelstand zum Beispiel im Bereich E-Commerce sind“, sagt Keller. Auch die DZ Bank, frisch fusioniert, setzt auf Innovationsmanagement und verfolgt nach Angaben von Zeidler derzeit „rund 100 Einzelmaßnahmen zur Digitalisierung von Produkten und Services“.

Auch in die digitale Fachkompetenz der Berater investieren Sparkassen und Banken derzeit kräftig. Müssen sie auch, denn laut der im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichten Commerzbank-Studie „Unternehmen Zukunft: Transformation trifft Tradition“ erhoffen sich Kreditnehmer von ihren Banken in erster Linie Fach- und Branchenkenntnis sowie die Türöffnerfunktion – und erst im zweiten Schritt Kapital. „Schon heute erwarten 30 Prozent der Mittelständler von ihrer Bank strategische Impulse bei der Umsetzung der Digitalisierung“, hat Zeidler im Frühjahr 2016 errechnen lassen.


Auch die Finanzierungsangebote müssen sich wandeln

DZ Bank und Co. haben indes erkannt, dass allein eine Reform der Bewertungsverfahren oder mehr Präsenz auf Hipster-Konferenzen noch keinen digitalen Bankenfrühling machen. Auch die Finanzierungsangebote müssen sich wandeln, um im Kampf gegen die Schnellboote der Fintechs eine Chance zu haben.

Neue Finanzierungsformen wie pay per use – also die nutzungsabhängige Vergütung von Maschinen – finden im Cloud-Computing, aber selbst in etablierten Branchen längst Anwendung. Beispiel Luftfahrt: Fluggesellschaften kaufen für ihre Flieger nicht mehr die Turbinen, sondern bezahlen die tatsächlichen Betriebsstunden. Das senkt ihren Investitionsbedarf. „Bei den Herstellern hingegen erhöht sich der Bedarf an auftrags- beziehungsweise projektbezogenen Finanzierungsinstrumenten“, sagt Christian Groschupp, Senior Manager bei Dr. Wieselhuber & Partner.

Gerade für kleinere Mittelständler könnten Finanzierungsformen wie Factoring oder kapitalmarktnahe Instrumente wie Schuldscheindarlehen für die Finanzierung von Digitalinvestitionen wichtiger werden, sagt DZ Bank-Vorstand Zeidler voraus. Nicht ganz ohne Eigennutz wirbt die KfW auch für eine verstärkte Digitaloffensive in Form subventionierter Förderkredite. Die Staatsbanker erwarten „Finanzierungsengpässe aufgrund der besonderen Charakteristika von Digitalisierungsprojekten“. Bestehende Förderprogramme stellen ihrer Meinung nach zu hohe Anforderungen an den Neuigkeitsgrad der Vorhaben.

Quelle:  Handelsblatt Online
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