Digitalisierung: Wenn Geldgeber zum Stresstest bitten

Digitalisierung: Wenn Geldgeber zum Stresstest bitten

, aktualisiert 17. Mai 2017, 16:29 Uhr
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Die Digitalisierung beschleunigt den Wandel und stellt somit das Management vor große Herausforderungen.

Quelle:Handelsblatt Online

Der Einzelhandel erlebt eine Revolution. Bislang bewährte Geschäftsmodelle verlieren an Attraktivität. Investoren ziehen sich zurück. Der Handel benötigt neue Antworten, um sich langfristig Kapital zu beschaffen.

DüsseldorfStarke Marktschwankungen und Gegenwind von neuen Wettbewerbern sind für den Einzelhandel keine neuen Phänomene; gegenwärtig befindet sich die Branche allerdings in einem regelrechten Sturm. Die Unternehmen sehen sich einerseits mit politischer Instabilität und Währungsturbulenzen in ihren Absatz- und Beschaffungsmärkten konfrontiert sowie andererseits mit einer zunehmenden Veränderung der Kaufgewohnheiten ihrer Kunden. Dies betrifft Ausgabebereitschaft, die Art des Einkaufs, Markenpräferenz und auch die zielgruppenspezifische Ausrichtung nach Alter, Geschlecht oder auch dem Status.

Die Digitalisierung beschleunigt den Wandel und stellt somit das Management des Einzelhandels vor große Herausforderungen. Eine zentrale Frage dabei: Wie lässt sich angesichts der dramatischen Umbrüche eine belastbare mittelfristige Investitionsplanung überhaupt aufstellen?

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Zuverlässige Prognosen über die weitere wirtschaftliche Entwicklung von Unternehmen sind für Investoren essenziell. Sie sind gerade auch für Financiers eine wesentliche Grundvoraussetzung, um die Chancen und Risiken einer Investitions- und Kreditentscheidung umfassend beurteilen zu können. Im aktuellen Marktumfeld ist es für Unternehmer im Falle eines Verkaufs ihrer Firma, einer signifikanten Akquisition oder auch einer Refinanzierung jedoch sehr schwierig, diese Verlässlichkeit über einen längeren Zeithorizont zu gewährleisten.

Viele Branchen stecken in einem grundlegenden Umbruch. So verzeichnete allein die Modeindustrie in Westeuropa laut dem Marktforschungsunternehmen Euromonitor im letzten Jahr einen Umsatzrückgang von rund 2,5 Prozent auf 268 Milliarden Euro. In Osteuropa fiel der Rückgang noch stärker aus: Der Umsatz gab sogar um sieben Prozent auf 47 Milliarden Euro nach. In diesem Umfeld eine Finanzierung aufzustellen wird immer schwieriger. Viele nehmen in diesem schwierigen Umfeld externe Hilfe in Anspruch, um neue Lösungen zu entwickeln.


Externe Berater analysieren Geschäftsmodelle

Es ist mittlerweile gängige Praxis, auf die jeweilige Branche spezialisierte externe Berater hinzuzuziehen, die das Geschäftsmodell grundlegend analysieren. Das Ziel dabei ist, die weitere wirtschaftliche Entwicklung in die richtige Perspektive zu setzen. Darüber hinaus ist angesichts der fortgeschrittenen Digitalisierung eine Bestandsaufnahme der IT-Infrastruktur wichtig, um notwendige Investitionen und deren Erfolgsaussichten verlässlich einschätzen und um die Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells beurteilen zu können. Die Ergebnisse dieser Analysen und Bewertungen werden für Financiers immer wichtiger, um über die Kreditvergabe im Einzelhandel zu entscheiden.

Investoren sind allgemein überzeugt, dass die erfolgreiche Digitalisierung nicht nur einen wesentlichen Werttreiber für ihre Portfoliounternehmen darstellt, sondern auch die Haltedauer der Engagements verkürzen wird.

Diese Erwartungshaltung führt dazu, dass Investoren kurzfristige Laufzeiten favorisieren. Sie sind zögerlich, stationäre Einzelhandelsmodelle, die sich derzeit in einem starken Wandel befinden, mit mittleren bis langfristigen Laufzeiten zu finanzieren. Mit der Digitalisierung geht ein bereits beobachtbarer Rückzug des Einzelhandels aus der Fläche einher, der die zukünftigen Mietverpflichtungen reduziert und das Verschuldungsniveau positiv beeinflusst. Dadurch wird die erfolgreiche digitale Ausrichtung der Geschäftsmodelle für Investoren kalkulierbarer und somit auch in kürzeren Laufzeiten von bis zu fünf Jahren finanzierbar.

Eine Finanzierungsalternative zum Kredit ist der Kapitalmarkt – sowohl im Anleihe- als auch im Schuldscheinmarkt lassen sich individuelle Lösungen hinsichtlich Besicherung und Laufzeiten finden. Im Falle des Unternehmensübergangs rücken altbekannte Instrumente wie das Verkäuferdarlehen als Instrumente der Risikoteilung wieder in den Fokus. Diese können Bewertungs- und Finanzierungsdiskrepanzen überbrücken und bieten Verkäufern, Investoren wie auch Financiers eine weitere Möglichkeit, den Wandel der Einzelhandelslandschaft aktiv mitzugestalten.

Dirk Damegger ist Head of Consumer & Retail bei der IKB Deutsche Industriebank AG.

Quelle:  Handelsblatt Online
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