Dov Charney will zurück: Übernahmekrimi um American Apparel: Vom Saulus zum Steve Jobs der Modebranche

Dov Charney will zurück: Übernahmekrimi um American Apparel: Vom Saulus zum Steve Jobs der Modebranche

, aktualisiert 09. Januar 2016, 09:23 Uhr
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American Apparel-Gründer Dov Charney 2009 auf einer Demonstration für die Rechte von Einwanderern in Los Angeles. Da war er noch beliebt. Heute ist er wegen angeblicher schwerer Verfehlungen gefeuert. Aber er kämpft um sein Unternehmenund will es jetzt zurückkaufen.

von Axel PostinettQuelle:Handelsblatt Online

Er wurde gefeuert wegen Fehlverhaltens und finanziellen Unregelmäßigkeiten. Jetzt will der umstrittenste Chef Amerikas sein Unternehmen zurück und der Steve Jobs der Teenager-Mode werden.

San FranciscoEigentlich sollte Mitte Januar der Horror beendet sein. Dann würde der Modehersteller American Apparel aus dem Gläubigerschutz entlassen. Aber nur, wenn ein geplanter Kapitalschnitt in Form der Umwandlung von Schulden in Eigenkapital durchkommt. Doch der würde den geschassten Gründer und Alteigentümer Dov Charney endgültig entmachten. Die fünf Großgläubiger, die 95 Prozent der praktisch wertlosen besicherten Firmen-Anleihen halten, stiegen zu Alleineigentümern auf. Denn mit „AA“ ist es unter der Ägide des zuletzt glücklosen Charney nur noch abwärts gegangen. Die Kunden laufen weg, das Geld ist aufgebraucht, über 300 Millionen Dollar Verluste haben sich angesammelt. Frisches Geld wollte ihm und seiner Nachfolgerin keiner mehr geben. Mittlerweile wird der einstige Börsenliebling der Wall Street mit Milliardenbewertung nur noch als „Penny-Stock“ außerbörslich gehandelt.

Nach Informationen von Bloomberg hat Charney, der ein ausschweifendes erotisches Leben innerhalb der Firma geführt haben soll, nun Hilfe für ein Gegenangebot zusammengebracht um das Unternehmen selbst zu übernehmen. An der Spitze soll Cardinal Advisors LLC stehen. Die Berater und Charney wollten auf Anfrage Bloombergs nicht kommentieren. Das Unternehmen teilte lediglich mit, es „prüfe kontinuierlich alle Angebote und das so, wie es üblich sei“. Das schreibt das Konkursgesetz auch vor.

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Charneys Trumpf, wenn man den Quellen von Bloomberg vertraut, liegt in zusätzlichem operativem Kapital. Statt 80 Millionen Dollar, wie im Plan der Großgläubiger, sollen demnach „AA“ nach dem Ende des Gläubigerschutzes 170 Millionen zur Verfügung stehen. Die Großgläubiger würden nach den Informationen wohl nicht ganz ausgezahlt, aber unbesicherte Gläubiger so wie er, die jetzt überhaupt nichts bekommen würden, würden etwas Geld sehen. Das zusammen könnte den Richter im Bundesstaat Delaware motivieren, sein Angebot zu favorisieren. Insgesamt soll die Gegenofferte über 200 Millionen Dollar umfassen, wenn sie denn kommt. Die nicht genannten Quellen gehen davon aus, dass Charney in irgendeiner Form wieder ins Unternehmen zurückkehren wird. Im Dezember 2014 hatte ihn das Board gefeuert, weil er gegen die Vorschriften gegen sexuelle Belästigung verstoßen und Firmengelder veruntreut haben soll. Alles Vorwürfe, die der 46jährige bestreitet.


Riskante Wette auf den Teenager-Geschmack

Moelis&Co, die Investmentbank des Unternehmens, hat für das Gericht einen Wert der in Los Angeles beheimateten Kette von 180 bis 270 Millionen Dollar errechnet. Doch das ist eine schwierig zu kalkulierende Größe. Denn der Markt für Teenager-Kleidung ist in schwerem Fahrwasser. Am Freitag erst hatte der Konkurrent American Eagle Outfitters nach schlechter als erwartet ausgefallenen Weihnachtszahlen an Wall Street einen Kurssturz um 17 Prozent auf 13,24 Dollar hinnehmen müssen. Große Namen wie Aeropostale, Abercrombie&Fitsch oder GAP kämpfen ebenfalls mit einem gewandelten Geschmack der Teenager. Statt auf teure Markenklamotten setzen sie heute auf Billigmode von Ketten wie Forever21 oder H&M.

Die Branche ist dermaßen in Schwierigkeiten, dass sich auch kaum noch Manager um die Spitzenposten drängen. Abercrombie teilte etwas kurz vor Weihnachten mit, man habe die aktive Suche nach einem neuen CEO bis auf weiteres eingestellt. Nachdem der alte Chef vor einem Jahr aufgegeben hatte, leitete eine Gruppe von Managern kommissarisch das Geschäft. Das soll jetzt auch so weitergehen. Von der ursprünglichen Dreiergruppe sind allerdings auch nur noch zwei übriggeblieben.

Was für American Apparel und Charney 2.0 sprechen könnte, das ist die Tradition. Obwohl unausstehlicher Macho stieg American Apparel unter seiner Führung zum Vorzeige-Unternehmen der Branche auf. Die Angestellten bekamen mehr als den Mindestlohn und Krankenversicherung, sehr unüblich in dieser Branche in den USA. Die Mode wird in den USA, in Downtown Los Angeles, und nicht in Billiglohnländern in Asien geschneidert. Das ist noch ungewöhnlicher.

Diese Art von ethischer Produktion und sein Eintreten für die Rechte von Immigranten brachte „AA“ große Sympathien bei einer jungen, urbanen Kundschaft ein, und das Aufsichtsgremium stellte sich schon einmal mit zusammengebissenen Zähnen hinter Charney. Vielleicht auch noch einmal.

Denn das für seine mehr als erotisch angehauchte Unterwäsche-Werbung bekannte Unternehmen, die teilweise wegen gefährlicher Nähe zur Softpornografie verboten wurde, wuchs trotz seines umstrittenen Chefs zu einer signifikanten Kraft im Markt und galt einmal als der schärfste Herausforderer für H&M oder GAP. Vielleicht glaubt Charney, er könnte der Steve Jobs der Teenagermode werden und „AA“ wieder ganz nach vorne führen. Stve Jobs hatte Apple nach seiner Rückkehr zum reichsten Unternehmen der Welt gemacht. Das Ego dafür hat Charney jedenfalls auch.

Quellle:  Handelsblatt Online
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