Dr. Sommers Marktdiagnose: Bei Nestlé ist Vorsicht geboten, nicht bei Amazon

Dr. Sommers Marktdiagnose: Bei Nestlé ist Vorsicht geboten, nicht bei Amazon

, aktualisiert 03. Oktober 2016, 14:02 Uhr
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Dr. Ulf Sommer, Handelsblatt-Redakteur und Kolumnist.

von Ulf SommerQuelle:Handelsblatt Online

Die Unternehmen mit den weltweit wertvollsten Aktien liefern starke Gewinne. Sie rechtfertigen deshalb ihren hohen Börsenwert. Gefahr für den Börsenaufschwung geht derzeit von Firmen in ganz anderen Branchen aus.

Woran denken Sie, wenn die Kurse einen Tag mal nicht nur leicht fallen, sondern regelrecht abstürzen? Vermutlich an den Crash nach der Jahrtausendwende. Damals, Ende der 90er Jahre, waren die Aktienmärkte jahrelang rasant gestiegen. Was dann aber mit dem Absturz der Technologie-, Medien- und Telekom-Aktien (TMT) begann, mündete in einen dreijährigen Bärenmarkt. Der Dax verlor gegenüber seinem Höchststand 75 Prozent an Wert, der damalige „Neue Markt“ sogar gut 97 Prozent.

Der Absturz der Technologie-Aktien hat sich tief in das Bewusstsein vieler Anleger eingegraben. „Bloß nicht noch einmal blind diesen Titeln hinterherlaufen“, lautet eine gern zitierte Devise. Dennoch: Auch heute notieren Tech-Aktien wieder ganz weit oben. Mit Apple, Alphabet (die Google-Holding), Microsoft, Amazon und Facebook zählen sogar fünf amerikanische IT-Werte zur den fünf wertvollsten Aktien der Welt. Das gab es noch nie, auch nicht auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase im März 2000. Besorgte Anleger fragen sich deshalb: Geht ein mögliches Ende des jetzigen Börsenaufschwungs und der drohende Beginn einer Börsen-Baisse schon wieder mit dem Absturz der teuren Tech-Aktien einher?

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Wohl kaum. Denn die Voraussetzungen zwischen gestern (das Jahr 2000) und heute (2016) könnten kaum unterschiedlicher sein. Anders als damals zählen diesmal die großen Technologie-Unternehmen zu den Top-Verdienern weltweit.

Apple, Google, Microsoft, Amazon und Facebook dürften in diesem Jahr zusammengerechnet fast 100 Milliarden Dollar verdienen. Daran gemessen erscheinen die Top 5 mit einem Gesamt-Börsenwert von 1,6 Billionen Dollar sogar fast preiswert. Das gilt ganz bestimmt für Microsoft und Apple, deren Kurs-Gewinn-Verhältnis nur bei rund zehn liegt. Auch Google ist nicht überteuert. Für Amazon und Facebook zahlen Anleger – gemessen am Firmengewinn – zwar deutlich mehr.

Doch sowohl der weltgrößte Handelsgigant Amazon (noch vor Walmart!) als auch das soziale Netzwerk rechtfertigten in der jüngsten Vergangenheit mit enormen zwei- und dreistelligen Gewinnsprüngen die hohe Bewertung. Befürchtungen, Amazon und Facebook kommen nie aus den roten Zahlen heraus, so wie es nach der Jahrtausendwende vielen Tech-Werten dauerhaft beschieden war, haben sich nicht bestätigt.

Teuer sind diesmal die Aktien anderer Unternehmen. Ihnen drohen scharfe Kursrückgänge, sollte der Börsenaufschwung irgendwann einmal enden.

Beispiele gefällig? Für Qualitätsaktien wie Nestlé in der Schweiz oder Henkel, Fresenius und Beiersdorf in Deutschland bezahlen Anleger satte Aufschläge. Die Unternehmen kosten an der Börse gut den 20-fachen Jahresnettogewinn – und mehr. Für den Sportartikelhersteller Adidas sind Anleger sogar bereit, den 30-fachen Jahresgewinn zu bezahlen.

Das ist sehr viel angesichts jährlicher Gewinnsteigerungen von fünf, zehn oder vielleicht 15 Prozent. Doch Anleger honorieren, dass die Unternehmen bislang zuverlässig lieferten – das heißt, Jahr für Jahr ihre Dividende und Erträge im Gleichklang steigern konnten.

All das zählt aber nicht mehr, wenn die Stimmung eines Tages nachhaltig kippt. Dann verlieren Aktien mit hoher Bewertung überdurchschnittlich stark. So wie es nach der Jahrtausendwende den Tech-Werten beschieden war. Diesmal sind wohl in erster Linie etliche Konsum- und Pharmaaktien gefährdet. Denn langfristig kehren Aktien immer wieder zu ihren Durchschnittsbewertungen zurück. Egal in welcher Branche sie beheimatet sind.

Dr. Ulf Sommer wirft für das Handelsblatt den Blick auf das große Ganze: Wie entwickeln sich die Gewinne, Renditen und Dividenden der Dax-Konzerne? Welche Perspektiven haben die Finanzmärkte weltweit? Alle zwei Wochen diagnostiziert er in dieser Kolumne, wie es um die Verfassung der Märkte bestellt ist. Wenden Sie sich mit Anregungen, Fragen oder auch Kritik gerne an: sommer@handelsblatt.com

Quelle:  Handelsblatt Online
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