Dr. Sommers Marktdiagnose: Hört nicht zu früh auf Crashpropheten!

Dr. Sommers Marktdiagnose: Hört nicht zu früh auf Crashpropheten!

, aktualisiert 18. September 2016, 14:02 Uhr
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Dr. Ulf Sommer, Handelsblatt-Redakteur und Kolumnist.

von Ulf SommerQuelle:Handelsblatt Online

Investoren, die gebetsmühlenartig Kurseinbrüche voraussagen, bekommen irgendwann Recht. Doch es kommt auf den richtigen Zeitpunkt an. Wer alle Crashprognosen ernst nimmt, verspielt jede Chance auf Rendite.

Er steigt und steigt und das seit siebeneinhalb Jahren. Der weltweit wichtigste Börsenindex, der S&P mit den Aktien der 500 größten amerikanischen Konzernen, erklimmt ein Hoch nach dem nächsten. Es ist eine der längsten Haussen in der Börsengeschichte. Und die Aktien steigen, obwohl sich George Soros auf sie eingeschossen hat. Der 85-jährige Großinvestor mit einem geschätzten Vermögen von 25 Milliarden Dollar wettet mit Short-Optionen im Wert von gut 800 Millionen Dollar auf einen Crash an der Wall Street. Bislang vergebens.

Und Soros könnte kräftig daneben gelangt haben. Ein Crash ist solange nicht in Sicht, wie die Notenbanken mit ihrer Nullzinspolitik immer mehr Anleger aus Anleihen und Geldmarktprodukten herausdrängen und stattdessen in die Aktienmärkte hineinlocken.

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George Soros kalkuliert mit

Soros ist beileibe nicht irgendein Crash-Prophet, sondern einer der erfolgreichsten und weltweit anerkanntesten Investoren. Seine Spekulations-Karriere startete 1992, als er mit seinem Quantum-Fonds gegen die Bank von England wettete und das Pfund aus dem Europäischen Währungssystem zwang. Soros hat wiederholt bewiesen, dass er Niederlagen mit einkalkuliert und Kurse nicht einfach laufen lässt, wenn sie sich einmal anders verhalten als er denkt.

Seine Fähigkeit, blitzschnell eigene Millionen- und Milliardenpositionen den Stimmungen und Finanzströmen anzupassen, machen aus ihm einen ganz besonderen Börsenprofi. Und wie fast immer, haben Soros` Warnungen auch diesmal viel für sich.

Amerikas Aktienkurse sind hoch bewertet – das macht sie anfällig. Gemessen an den Gewinnen der Unternehmen bewerten Anleger die S&P-500-Konzerne durchschnittlich mit dem 20-fachen ihres Jahresgewinns. Noch schwerer wiegt aber, dass die Firmengewinne in den USA schon fünf Quartale in Folge gesunken sind. Das gab es zuletzt in der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise 2009.

Richtig ist aber auch, dass es für Kursübertreibungen nach oben – wie im Übrigen auch nach unten – keine Begrenzungen gibt. Auch dann nicht, wenn sie als solche rechtzeitig erkannt werden. Dazu ein Beispiel: Amerikas damaliger Notenbankchef Alan Greenspan mahnte die Finanzwelt am 5. Dezember 1996 in einer weltweit beachteten Rede vor dem „irrationalen Überschwang“ angesichts der immer rasanter steigenden Kurse. Der Dow Jones notierte zu diesem Zeitpunkt bei 6400 Punkten und hatte sich in nur zwei Jahren verdoppelt, ohne dass die Unternehmen solch eine Hausse mit ihren Erträgen rechtfertigten.

Greenspans Mahnungen mangelte es durchaus nicht an Aufmerksamkeit. Denn wenige Sekunden nach seinen Worten fielen weltweit die Aktienkurse. Allerdings nur für einen Tag. Skeptische Anleger, die damals auf Greenspan hörten und ausstiegen, unterschätzten die Wucht und vor allem die Dauer spekulativer Blasen. Gut drei Jahre später, im Januar 2000, notierte der Dow fast doppelt so hoch bei über 11700 Punkten.

Gute Crash-Propheten erkennen durchaus die großen Probleme – doch kommen ihre Prognosen regelmäßig zu früh – und wer den Aussagen folgt, lässt sich dann viel Rendite entgehen. So prognostizierte der bekannte Großinvestor Marc Faber einst zwar frühzeitig einen Zusammenbruch des japanischen Aktienmarktes und 20 Jahre später das Ende der Dotcom-Euphorie. Genauso gelang es dem exzellenten Yale-Wissenschaftler Robert Shiller in der zweiten Hälfte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mehrfach vor der New-Economy-Ephorie zu warnen und im Januar 2000, also ganze zwei Monate vor Platzen der Blase, den Bestseller „Irrationaler Überschwang“ zu veröffentlichen.

Doch richtig ist auch – und das wird nur allzu oft und gerne verschwiegen – dass Faber zu fast jedem Zeitpunkt Krisen ausmacht und so fallende Kurse oder gar Zusammenbrüche der Wirtschaftssysteme vorhersagt. Auch Shiller erkennt sehr häufig große Gefahren, verpasst mit seinem Dauerpessimismus aber die großen Chancen an den Börsen. Wer sich der Mehrheit widersetzt, bekommt oftmals eines Tages recht, verzichtet aber auf einen Großteil der Gewinne, die auf diese Mahnungen meist noch folgen.

Soros kennt übrigens sehr genau diese Problematik - und „preist“ sie mit ein. An der Börse „muss man Irrtümer blitzschnell erkennen und seine Position aufgeben“, beschrieb er bereits vor Jahren seinen Anlagestil. Es gehe ihm nicht darum, Recht zu behalten, sondern nur um Gewinn und Verlust. Das heißt, ebenso rasch wie Soros 800 Millionen Dollar in die Hand genommen hat, um gegen die Wall Street zu wetten, wird er vermutlich seine Position auch wieder auflösen, sobald ihm die Kurse nach oben davonlaufen.

Darin liegt das eigentliche Geheimnis des Erfolges.

Dr. Ulf Sommer wirft für das Handelsblatt den Blick auf das große Ganze: Wie entwickeln sich die Gewinne, Renditen und Dividenden der Dax-Konzerne? Welche Perspektiven haben die Finanzmärkte weltweit? Alle zwei Wochen diagnostiziert er in dieser Kolumne, wie es um die Verfassung der Märkte bestellt ist. Wenden Sie sich mit Anregungen, Fragen oder auch Kritik gerne an: sommer@handelsblatt.com

Quelle:  Handelsblatt Online
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