E-Commerce: Wie der Brexit den Onlinehandel gefährdet

E-Commerce: Wie der Brexit den Onlinehandel gefährdet

, aktualisiert 22. Juni 2016, 09:14 Uhr
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Ein Brexit dürfte Waren aus Großbritannien für Deutsche teurer machen.

von Florian KolfQuelle:Handelsblatt Online

Ein Austritt Großbritanniens aus der EU könnte für deutsche Shopper Folgen haben: Waren von der Insel würden zum Teil deutlich teurer. Und auf viele Händler dürften auch rechtliche Probleme zukommen.

DüsseldorfPhilip Rooke ist Brite. Und der Vorstandschef des Leipziger Onlinehändlers Spreadshirt liebt sein Heimatland. Doch falls seine Landsleute am kommenden Donnerstag für einen Austritt aus der EU votieren, müsste er schweren Herzens das Engagement seines Unternehmens im britischen Markt überdenken.

Bisher macht Spreadshirt rund fünf Prozent seines Umsatzes von 85 Millionen Euro in Großbritannien und Irland. Doch dieser Umsatzanteil, da ist er sich sicher, dürft im Falle eines Brexit deutlich sinken – nicht zuletzt wegen Wechselkursrisiken, komplizierterer Zollformalitäten und höherer Kosten. „Wir müssten uns dann stärker auf andere Länder wie Spanien oder Frankreich konzentrieren“, sagt Rooke.

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In Rookes Augen wäre ein Brexit eine Katastrophe für den Handel. Vielen sei nicht klar, welche Vorteile die Mitgliedschaft in der viel gescholtenen Gemeinschaft biete. „Wenn wir beispielsweise mit schweizerischen Steuern oder dem norwegischen Zoll zu tun haben, wünschen wir uns oft die scheinbar komplizierten EU-Regeln“, klagt Rooke.

„Ein Austritt Großbritanniens aus der EU hätte auch für viele deutsche Onlinehändler unabsehbare rechtliche und finanzielle Auswirkungen“, prognostiziert Martin Rätze, Teamleiter Legal Experts bei Trusted Shops, einem Unternehmen, das Webshops zertifiziert und Gütesiegel vergibt. Er beschäftigt sich jeden Tag mit den rechtlichen Fallstricken des Onlinehandels und weiß genau, wo der Teufel im Detail liegt.

Das beginne bei Dingen, die noch wenige bedacht haben. Denn Folgen hätte ein Brexit insbesondere für die zahlreichen deutsche Händler, die in der Rechtsform der britischen Limited organisiert sind. „Falls mit einem EU-Austritt Großbritanniens die Privilegien der Niederlassungsfreiheit wegfallen, ist völlig unklar, ob und unter welchen Bedingungen sie diese Rechtsform weiter nutzen können“, sagt Rechtsexperte Rätze. Denn genau mit der Niederlassungsfreiheit innerhalb der EU hatte der Europäische Gerichtshof 1999 in einem wegweisenden Urteil die Erlaubnis der grenzüberschreitende Nutzung des Gesellschaftsrechts begründet.

Die Folge wäre Unsicherheit und im schlimmsten Fall eine notwendige Änderung der Rechtsform. Dies wiederum könnte beispielsweise eine verschärfte Haftung der Geschäftsführer bedeuten. „Auch würde künftig nicht mehr ein Kapital von einem Pfund ausreichen“, so Rätze. Eins jedoch ist schon jetzt klar: Stimmen die Briten für einen EU-Austritt, ist die Neugründung einer Limited mit Verlegung des Verwaltungssitzes nach Deutschland künftig ausgeschlossen.


„Im schlimmsten Fall nicht mehr konkurrenzfähig“

Doch auch für alle anderen Onlinehändler dürfte ein EU-Austritt Großbritanniens deutliche Folgen haben. Denn bereits kurzfristig rechnen Experten mit einer deutlichen Abwertung des Pfundes gegenüber dem Euro, was Importe aus der EU verteuert. Langfristig drohen Zölle und nicht tarifäre Handelserschwernisse.

Visual Meta, ein Berliner Unternehmen, das weltweit Shoppingportale betreibt, hat berechnet, dass Online-Shoppern innerhalb und außerhalb Großbritanniens je nach Produktkategorie ein Preisanstieg von zwei bis 15 Prozent droht. Am härtesten, so die Analyse, sei die Modebranche betroffen, wo die Kunden traditionell sehr preisbewusst seien. Hier erwartet Visual Meta deswegen einen Umsatzrückgang von bis zu vier Prozent.

Bisher sind die Geschäftsbeziehungen zwischen Deutschland und Großbritannien im Onlinehandel sehr eng. Nach einer Untersuchung des Onlinebezahlsystems Paypal ist Großbritannien bisher das drittbeliebteste Land der Welt für internationales Online-Shopping, für deutsche Online-Einkäufer sogar das beliebteste, gefolgt von den USA und China. Auf der anderen Seite haben 36 Prozent der Briten im vergangenen Jahr online in anderen Ländern eingekauft.

Doch das könnte sich dramatisch ändern. „Ein Brexit könnte Exporte deutscher Händler nach Großbritannien so stark verteuern, dass sie im schlimmsten Fall nicht mehr konkurrenzfähig wären und das Geschäft zum Erliegen käme“, schätzt E-Commerce-Experte Rätze.

„Wir sehen die Last vor allem auf den kleinen- und mittelständischen Online-Händlern, die es schwer haben könnten, eventuelle höhere Versandkosten zu tragen und bürokratische Hürden, wie mögliche Wiedereinführung von Zöllen und der Einfuhrumsatzsteuer, zu überwinden“, warnt Florian Seikel, Hauptgeschäftsführer des Händlerbundes, der 50.000 deutsche Onlinehändler vertritt. „Ein Brexit“, so Seikel, „bedeutet einen Rückschritt für den europäischen E-Commerce, der mit einem Anteil von 60 Prozent die stärksten Umsätze in Großbritannien, Frankreich und Deutschland verzeichnet.“

Davon ist auch Spreadshirt-Chef Rooke überzeugt. Großbritannien sei jetzt schon ein schwieriger Markt für ausländische Wettbewerber. Dies würde sich bei einem Brexit noch verschärfen. „Statt sich zu isolieren sollte die britische Wirtschaft die Chancen nutzen, die ihnen die EU bietet“, mahnt Rooke.

Quelle:  Handelsblatt Online
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