Eddie Izzard gegen John Cleese: Selbst die Comedians meinen es ernst

Eddie Izzard gegen John Cleese: Selbst die Comedians meinen es ernst

, aktualisiert 21. Juni 2016, 18:58 Uhr
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„Geht am Donnerstag wählen, ganz früh, vor den Schlangen am Nachmittag, dann geht es schneller, und stimmt für Bleiben.“

von Donata RiedelQuelle:Handelsblatt Online

Kurz vor dem EU-Referendum stehen Britanniens große Humoristen auf der Brexit-Barrikade: Während John Cleese via Twitter knurrt, wirbt Eddie Izzard in Brighton um Stimmen für den EU-Verbleib.

BrightonNein, ist es keine Show zum Lachen, die Eddie Izzard in der Aula der University of Sussex im Hügelland bei Brighton aufführt. Der 54-jährigen meint seine Kampagne „#standupforeurope“ bitter ernst. „Die Entscheidung prägt die nächsten 100 Jahre“, beschwört er sein Publikum: „Geht am Donnerstag wählen, ganz früh, vor den Schlangen am Nachmittag, dann geht es schneller, und stimmt für Bleiben.“

Das werden die meisten der 350 Studenten, Rentner und Hausfrauen, die am Dienstagmittag gekommen sind, wohl ohnehin tun. Sie sind Izzard-Fans und begrüßen ihn, einen der berühmtesten Stand-up-Comedians des Landes, mit kräftigem Applaus, als der in seinem Lieblingslook als „heterosexueller Transvestit“ die Bühne betritt. Rosa Baskenmütze, im Rock und auf mörderisch hohen Absätzen: Auch das sei ein Erfolg der EU, die für ihn für westliche Freiheit und Fortschritt steht.

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Britische Kritiker feiern Izzard seit Jahren als Nachfolger der berühmten Monty-Python-Truppe, die mit ihrem Film „Das Leben des Brian“ die Welt zum Lachen brachten. Nur dass Monty-Python-Gründer John Cleese seit Wochen das Lager der Brexit-Befürworter unterstützt. Vor ein paar Tagen fiel Cleese bei Twitter auf, als er „Hängt Jean-Claude Juncker“ verlangte. Die EU, so der 76-jährige Cleese, bringe nur Bürokratie und Hass auf Immigranten. „Sie hat uns nichts gebracht“, murrt der alte Comedian wie so viele in seiner Generation.

Seinen Tweet fanden im Brightoner Publikum wohl die wenigsten witzig. Das Seebad, Studenten- und Künstlerstadt, gilt als linke Enklave im sonst von den Tories beherrschten Sussex. „Die jungen Leute gehen aber oft nicht zu Wahlen“, fürchtet Izzard vor seinem Auftritt im Gespräch mit der Handelsblatt-Redakteurin – weshalb er extra für die Studenten zum Schluss auch noch Errungenschaften wie Billigflüge, sinkende Roaming-Kosten und das europäische Stipendium-Programm Erasmus aufzählt.

Nur für den Fall, dass er mit der „Idee Europas“ nicht überzeugt haben sollte: Frieden seit 71 Jahren, erinnert er und verlangt von den Brexit-Befürwortern, „mal ein Buch über die Geschichte zu lesen“. 71 Jahre Frieden, das sei schon ziemlich gut für europäische Verhältnisse: „In den zweieinhalbtausend Jahren davor meinte immer irgendjemand, alle 50 Jahre ein Blutbad anrichten zu müssen.“

Ach, frotzelt er, Krieg wäre kein Thema mehr in Europa? Nach dem Ersten Weltkrieg, der damals noch der Große Krieg hieß, hätten die Leute den Zweiten Weltkrieg doch auch so nicht erwartet. So wie auch keiner mit dem Jugoslawienkrieg rechnete oder mit der Finanzkrise. Ja. man müsse positiv und aktiv für die EU eintreten, denn erst sie garantiere Frieden.


Europa auch auf den Fingernägeln

Es ist wohl das Geheimnis des Briten, dass die Predigt dann doch nicht nur bierernst und schwer ausfiel. Wie er zum Europa-Fan wurde, erzählt Izzard locker plaudernd. Vor einem Vierteljahrhundert in Griechenland – „ja, da ist es immer noch schön“ – sei er zum Europäer geworden. Auf einem Schiffsausflug, als der Kapitän alle Mitreisenden aufforderte, doch einfach mal vom Boot aus schwimmen zu gehen.

Holländer, Italiener, Spanier, Deutsche, Engländer und Franzosen wären nach und nach ins Wasser gesprungen, das vielsprachige Stimmengewirr habe bei ihm den Gedanken ausgelöst: „Ich muss für Europa kämpfen, nicht mit der Waffe, sondern für die friedliche Idee“. Dann sei er zurück gewesen in England. „Und natürlich habe ich erst mal gar nichts getan“, sagt er unter dem Lachen des Publikums, nur immer mal wieder sei er nach Griechenland gefahren.

Erst in den letzten Jahren habe er begonnen, sein Programm auch auf Französisch und Deutsch vorzutragen. Seine Fingernägel zieren seither die britische und die europäische Flagge, so wie beide Flaggen als Buttons auch die rosa Baskenmütze schmücken. Aber in den letzten Monaten war er unermüdlich unterwegs „eigentlich in allen Städten Großbritanniens“ um für „Vote Remain“, die Wahl, in der EU zu bleiben, zu werben.

Warum manche auch in Brighton lieber nicht für die EU stimmen wollen, zeigte sich dann in der Frage-Runde: Mit der EU werde es doch das Freihandelsabkommen TTIP geben, sagte eine Frau, und dann würden Konzerne ihre Interessen gegen Staaten durchklagen können. Ein wenig geriet da Izzard ins Schwimmen. Barack Obama sei doch ein Guter, versuchte er es, und bekam erst die Kurve, als eine weitere Studentin der Fragerin beisprang: Das Referendum gehe doch gar nicht um einzelne politische Fragen, sondern um Dabeibleiben oder Außen vor sein.

„Ich will eine positive Geschichte erzählen“, ruft Izzard. Okay, wir Menschen seien so, dass wir nur auf schlechte Nachrichten reagierten. Aber einmal könne man doch von diesem Muster abweichen, sagt er: an diesem Donnerstag.

Quelle:  Handelsblatt Online
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