Ein Jahr Zika: Brasiliens rätselhafte Heimsuchung

Ein Jahr Zika: Brasiliens rätselhafte Heimsuchung

, aktualisiert 23. April 2016, 09:41 Uhr
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Die Zahl der Infektionen mit dem Zika-Virus wird bislang in Brasilien auf über eine Million geschätzt.

Quelle:Handelsblatt Online

Vor einem Jahr wurde das Zika-Virus in Brasilien erstmals festgestellt – von hier hat es sich rasant über Amerika ausgebreitet. Wie neue Befunde zeigen, könnte der Erreger sogar noch gefährlicher sein als gedacht.

Rio de JaneiroGúbio Soares und Silvia Sardi konnten nicht ahnen, was ihre kleine Mitteilung vom 29. April 2015 auslösen wird. Die Forscher der Universität Federal da Bahia in Salvador hatten das bis dahin in Brasilien unbekannte Zika-Virus bei einem Patienten festgestellt, ein Bild zeigte einen mit roten Pocken übersäten Bauch.

„Das Zika-Virus ist nicht so schlimm wie Dengue oder Chikungunya, die Patienten sterben nicht daran“, betonte Soares vor einem Jahr. Da war noch nicht bekannt, was Zika gerade für Ungeborene bedeuten kann.

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1958 war im fünftgrößten Land der Welt die Gelbfiebermücke Aedes aegypti schon mal beinahe ausgerottet. . Die Mücke ist der Hauptüberträger von Zika. Inzwischen ist sie längst wieder da – und hat sich in den vergangenen Jahren sogar rasend schnell ausgebreitet. Viele geben dem Klimawandel die Schuld.

Es wird geschätzt, dass die Fläche, auf der die Moskitoart vorkommt, binnen zehn Jahren von 1,5 auf 6,9 Millionen Quadratkilometer gewachsen ist. Das entspricht 81 Prozent der Landesfläche. Staatspräsidentin Dilma Rousseff ließ sogar 220.000 Soldaten als Mückenjäger ausschwärmen, doch angesichts des schleppenden Insektizid-Nachschubs in manchen Regionen lässt sich der Mücken kaum Herr zu werden.

Die Moskitos sind noch aktiver geworden

Was die Besprühungsoffensive und das Austrocknen von Wasserflächen, die als Eiablageflächen dienen, gebracht hat, lässt sich erst ab der nächsten Moskito-Hochsaison in einem halben Jahr sagen. Bis dahin werden auch die Anstrengungen für den Einsatz genmanipulierter Moskitos verstärkt, die die Fortpflanzung der Tiere stoppen sollen. Und Forscher aus den USA und Brasilien arbeiten an einem Impfstoff.

Zur Zika-Ausbreitung gibt es nur vage Angaben – die Zahl der Infektionen wird bislang in Brasilien auf über eine Million geschätzt. Die Zahl der Dengue-Erkrankungen lag bis Ostern diesen Jahres bereits bei über 495.000 (337.000 im Vorjahreszeitraum). Das zeigt, dass die Moskitos noch aktiver geworden sind.

Als im Oktober deutlich wurde, dass es einen Zusammenhang zwischen Zika-Infektionen von Schwangeren und Schädelfehlbildungen bei Ungeborenen geben könnte, wurden die Fälle von sogenannter Mikrozephalie systematisch erfasst. Der Stand bis April in Brasilien: 1113 bestätigte Fälle, bei 189 hatte die Mutter sich nachweislich mit dem Zika-Virus infiziert.

Mitte April teilte die US-Gesundheitsbehörde CDC dann mit, auf Basis mehrerer Studien sei nun erwiesen, dass Zika Schädelfehlbildungen auslösen kann. Aber CDC-Direktor Tom Frieden betont, dass weiter viele Fragen offen seien. Vor allem: Wie häufig und bei wem löst eine Ansteckung mit dem Virus Mikrozephalie aus?


Auch wirtschaftlich ein schwerer Schlag für das Land

Angesichts der Zika-Gefahr sehen immer mehr Tpuristen von Reisen in das Olympia-Land ab. Für Brasilien, das sich in einer tiefen Rezession befindet, ein schwerer Schlag. Ärzte berichten über mehr Abtreibungen, Schwangere gehen kaum aus dem Haus. Vor allem ist Zika auch eine Gefahr für die Ärmsten im 200-Millionen-Einwohner-Land. Der Nordosten ist am stärksten betroffen, gerade in Favelas sind die Moskitos wegen vieler Pfützen und offener Kanäle stark verbreitet.

„Eine Mücke kann nicht stärker sein als ein Land“, hat Rousseff als Devise ausgegeben. Aber die aktuellen politischen Wirren mit ihrer drohenden Amtsenthebung machen den Kampf nicht leichter, auch wenn jetzt die Phase beginnt, in der die Moskitos viel weniger aktiv sind.

Die Organisatoren der Olympischen Spiele in Rio im August sehen deshalb wenige Risiken. Aber es ist ein Wettlauf mit der Zeit. In über 50 Ländern ist Zika schon aufgetaucht, Anfang Februar hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den globalen Notstand ausgerufen. Schwangere werden vor Reisen in Risikogebiete wie Brasilien gewarnt.

In dem einen Jahr hat es viele neue Erkenntnisse gegeben – aber die Fragen bleiben. Vor allem: Wie gefährlich ist Zika? Jüngste Befunde geben Grund zur Sorge: Zika könnte viel stärker das Nervensystem schädigen als gedacht. So könnte Hör- und Sehverlust eintreten.

Hinzu kommt der auffällige Anstieg des Guillain-Barré-Syndroms (GBS) bei Männern. Die Lähmungskrankheit kann zum Tod führen, sie wird ebenfalls mit dem Zika-Virus in Verbindung gebracht. Doch wie sieht diese Verbindung genau aus? Es gibt noch viele Rätsel und einen langen Weg, bis die Zika-Gefahr endgültig eingedämmt sein wird. 

Quelle:  Handelsblatt Online
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