Einmal Strom bitte: Wie der Energiehandel an der Börse funktioniert

Einmal Strom bitte: Wie der Energiehandel an der Börse funktioniert

, aktualisiert 11. September 2017, 09:16 Uhr
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Strom wird an der Börse in Leipzig in astronomischen Größenordnungen gehandelt.

Quelle:Handelsblatt Online

Die Strombörse EEX ist nichts für Privatanleger. Hier wechselt täglich Energie in riesigen Größenordnungen den Besitzer - zu erstaunlich niedrigen Kilowatt-Preisen, von denen der Privatverbraucher nur träumen kann.

LeipzigStrom ist unsichtbar, kann nicht über den Ladentresen geschoben werden und füllt keine Lagerhallen. Trotzdem wird damit natürlich gehandelt - in astronomischen Größenordnungen. Ein zentraler Knotenpunkt ist dabei Leipzig. Denn hier hat die Strombörse EEX (European Energy Exchange) ihren Hauptsitz.

Nahezu acht Terawattstunden würden hier an einem typischen Tag gehandelt, sagt der Vorstandsvorsitzende Peter Reitz - also acht Milliarden Kilowattstunden. Damit könnte man etwa acht Milliarden Maschinen Wäsche waschen.

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Doch dieser gehandelte Strom fließt meist nicht sofort zu irgendeiner Steckdose - und wechselt oft mehrfach den Besitzer, bevor er überhaupt produziert ist. Am Standort Leipzig geht es vor allem um Stromlieferungen in der Zukunft - und damit um Sicherheit für die gruppenweit mehr als 500 Marktteilnehmer aus 37 Ländern. Das können Stadtwerke sein, Banken oder internationale Kraftwerksbetreiber.

„Am Terminmarkt können die Marktteilnehmer Risiken abfedern“, erklärt Reitz. Ein Beispiel: Ein Stahlwerk braucht für seine Produktion sehr viel Energie. Der Betreiber glaubt nun, dass der Strompreis in den kommenden Jahren ansteigt. Er sucht sich an der Börse einen Anbieter, der ihm Energie in den nächsten Jahren zu einem Festpreis verkauft - und muss keine Kostenexplosion mehr fürchten. Oder der umgekehrte Fall: Der Betreiber eines Kohlekraftwerks sucht einen Abnehmer, der langfristig zum jetzigen Preis kauft.

Diese anonyme „Partnersuche“ trägt dazu bei, dass der Strom einen transparenten Preis bekommt. „Wir als Börse bringen Käufer und Verkäufer auf einer zentralen Plattform zusammen“, sagt Reitz. Betrieben wird diese von den Mitarbeitern der Marksteuerung. Jeder von ihnen sitzt im Leipziger City-Hochhaus vor mindestens vier Bildschirmen und schaut auf endlose Zahlentabellen. Sie zeigen, für wie viel Geld die Megawattstunden gerade den Besitzer wechseln. Am Abend bestimmen die Experten den Abrechnungspreis.

„Die Strombörse sorgt - genau wie jede andere Börse - für einen effizienten Ausgleich von Angebot und Nachfrage“, teilt das Bundeswirtschaftsministerium mit. Das führe dazu, dass der Strom möglichst kostengünstig bereitgestellt werde. Unternehmen wie der Essener Energieriese RWE schätzen den Marktplatz. Zu den vielen Vorteilen gehöre die Transparenz, sagt eine Sprecherin. Neben Strom können an der EEX auch Gas, Öl, Kohle, Emissionszertifikate und Agrarprodukte gekauft und verkauft werden.


Keine Option für Privatleute

Könnte von der Plattform nicht auch Otto Normalverbraucher profitieren? Warum nicht selbst mit Strom an der Börse spekulieren? „Das ist viel zu aufwendig für einen Privathaushalt“, sagt Peter Reitz. Ein eigenes Handelsterminal koste etwa 1800 Euro pro Monat. Für jedes Geschäft müssten Sicherheiten hinterlegt werden. Und: „Man müsste sich ständig mit dem Markt beschäftigen“, sagt Reitz.

Allein beim Energiekonzern RWE arbeiten nach Unternehmensangaben knapp 100 Händler. 25 Analysten beobachten den Markt, darunter acht Meteorologen. Das Wetter ist wichtig im Strommarkt. Denn sehr viel Sonne oder Wind können für ein Überangebot sorgen und kurzfristig die Preise sogar ins Negative fallen lassen. Dann stehen Erzeuger wie RWE vor der Wahl: Kraftwerke runterfahren? Oder für einige Stunden Abnehmer dafür bezahlen, dass sie überschüssigen Strom abkaufen? Beide Optionen bedeuten Nachteile.

Beim Verbraucher kommt von den traumhaft niedrigen „Großhandelspreisen“ an der Börse in jedem Fall nicht viel an. Dort kostet eine Kilowattstunde derzeit rund drei Cent. Auf der Stromrechnung, die ins Haus flattert, stehen eher mal 30 Cent - das Zehnfache. Schuld daran unter anderem: eine im europäischen Vergleich hohe Steuerlast, Netzentgelte und die Umlage für erneuerbare Energien (EEG-Umlage). Das ist eine Art Entschädigung für grüne Stromproduzenten. Sie wird fällig, wenn der Preis unter das Niveau fällt, das bei der Investition für die Wind- oder Solaranlage garantiert wurde.

Erst seit der Liberalisierung der Strommärkte Ende der 1990er Jahre kann Strom frei gehandelt werden. Früher gab es nur wenige Platzhirsche in dem Geschäft, die die Preise setzten. Mit Beginn der Energiewende kamen viel mehr Erzeuger dazu. Die Börse, gegründet 2002, sorgt mit dafür, dass auch die Kleinen mithandeln können. Denn für alle gelten dieselben Regeln.

Ob der freie Handel bei der Energiewende hilft? EEX-Vorstandschef Reitz ist davon überzeugt. „Der Handel an der Börse ist notwendig, um sicherzustellen, dass unser Stromsystem auch mit hohem Anteil an erneuerbaren Energien noch funktioniert.“ Außerdem läuft auch der Handel mit europäischen CO2-Emissionszertifikaten über die EEX. Er soll dafür sorgen, dass Unternehmen weniger von dem schädlichen Klimagas ausstoße.

Beim Umweltschutzverband Bund gilt die Börse jedoch nicht wirklich als Treiber grüner Energie. Hier werde jede Art von Strom gehandelt, auch Atom- und Kohlestrom, sagt Tina Löffelsend, Expertin für Energiepolitik. Ihr Verband will erreichen, dass Privatleute direkt vom Erzeuger ihre Energie beziehen können. Dann könnten Verbraucher wirklich mitentscheiden, wo und wie ihr Strom produziert wird - und so lokale grüne Anbieter unterstützen. Über den Umweg der EEX gehe das nicht. „An der Strombörse wird aller Strom grau“, sagt sie.

Quelle:  Handelsblatt Online
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