Einstieg in die Roboterproduktion: Toyota setzt auf Roboter für den Alltag

Einstieg in die Roboterproduktion: Toyota setzt auf Roboter für den Alltag

, aktualisiert 13. April 2017, 10:10 Uhr
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Das System soll Schlaganfallpatienten das Gehen wieder beibringen. Es besteht aus einem weißen Stahlkäfig mit einem Laufband und einem Monitor. An zwei Seilen hängt das Herzstück, ein Roboterbein, das wie eine Prothese an das gelähmte Bein des Patienten geschnallt wird.

von Martin KöllingQuelle:Handelsblatt Online

Derzeit ist Toyota einer der größten Arbeitgeber für Industrieroboter. Nun steigt das Unternehmen in die Herstellung von Robotern für den Alltag ein. Ein langfristiger Plan, für den Toyota tief in die Tasche greift.

TokioBei Toyota kommt die Zukunft humpelnd zu Fuß. Welwalk WW-1000 heißt der neueste Toyota, den Japans größter Autobauer am Mittwoch in Tokio vorstellte. Doch es handelt sich nicht um ein Auto, sondern einen Vertreter der nächsten Evolutionsstufe des japanischen Traditionskonzerns: ein Roboter für das Umfeld der Menschen. Welwalk ist ein Robotersystem, das Schlaganfallpatienten das Gehen wieder beibringen soll.

Die Zukunft sieht allerdings so gar nicht nach Science-Fiction aus, sondern eher wie ein überdimensioniertes Laufband im Fitnessstudio. Das System besteht aus einem weißen Stahlkäfig mit einem Laufband und einem Monitor. An zwei Seilen hängt dann das Herzstück, ein Roboterbein, das wie eine Prothese an das gelähmte Bein des Patienten geschnallt wird.

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Auf dem Laufband trainiert das Roboterbein dann unermüdlich mit dem Menschen die Gehbewegungen. Videobilder und Warntöne zeigen in Echtzeit falsche Bewegungsmuster auf und beschleunigen so den Lernprozess, erzählt Toyotas Projektpartner, Professor Eichi Saito von der Fujita Gesundheitsuniversität.

Mit messbarem Erfolg: 60 Prozent schneller soll die robotergestützte Rehabilitation im Vergleich zur herkömmlichen Therapie. Außerdem könnten die Patienten meist mit kleineren Stöcken und Schienen besser gehen. „Ich glaube, die Technik hat großes Potenzial“, sagt Saito.

Große Ambitionen

Toyotas Manager werden Saitos Meinung gerne hören. Denn der Konzern hegt im Bereich Robotik und Künstliche Intelligenz große Ambitionen. Toyota möchte zu einem Massenhersteller von Robotern werden, um den Menschen das Leben zu erleichtern. Und die Firmenführung ist bereit, dafür tief in die Tasche zu greifen und beträchtliche Verluste zu tolerieren. Schließlich handelt es um keine kurzfristige Laune, sondern einen langfristigen Plan.

Nach jahrzehntelanger Erfahrung mit Produktionsrobotern gründete Toyota bereits 2005 die Abteilung für Partnerroboter. 200 Fachleute entwickeln heute dort. Ihr Debüt feierten sie mit einer virtuosen Roboterband auf der Weltausstellung in Toyotas Heimatpräfektur Aichi – mit Trommelwirbel, Trompete und Geigenklang. Die Idee war, dass sich die Robotertechniken für Fabriken, Autos und das engere Lebensumfeld des Menschen gegenseitig befruchten und so die Entwicklung beschleunigen und verbilligen.

Zehn Jahre später erhöhte Konzernchef Akio Toyoda, der Ur-Enkel des Ur-Toyota-Gründers Sakichi Toyoda, das Tempo. 2016 rief er in Kalifornien das Toyota Research Institute ins Leben, das vor allem Künstliche Intelligenz für alle Lebens- und Arbeitslagen, aber auch Robotik entwickeln soll. Immerhin stattete er das Abenteuer für die ersten fünf Jahre mit einem Budget von einer Milliarde US-Dollar aus und überhöhte die Gründung zu einem historischen Ereignis.

Die Bedeutung seiner Gründung sei vergleichbar mit der Schaffung des Autoherstellers vor 80 Jahren durch den Webstuhlhersteller Toyota Industries, sagte Toyoda damals. Sprich: Toyoda will zum Webstuhlhersteller und dem Autobauer einen weiteren Toyota hinzufügen, der womöglich wieder größer als die Ahnen wird.


Extrem schwierige Kommerzialisierung

Die Vision beginnt allerdings extrem zäh. Mehr als zehn Jahre Entwicklung haben noch kein Geschäft erbracht. „Die Kommerzialisierung von Robotern ist extrem schwierig“, erklärt Toshiyuki Isobe, Chef der Frontier Research Group und des Produktion-Engineering.

Zuerst müssten Bedürfnisse gefunden werden, die mit der heutigen Technik erschwinglich befriedigt werden können. Dann müsste die Sicherheit und die Zuverlässigkeit der neuen Hightech bestätigt werden. Und Toyota nimmt es damit ganz genau. Außerdem ist der Konzern in seinem Zielmarkt ein Novize und hatte daher viel zu lernen.

Die ersten Roboter entwickelt Toyota nämlich für die Rehabilitation sowie die Kranken- und Altenpflege. Auf Welwalk sollen unter anderen ein Roboter-Teddy als Gesprächspartner für einsame oder leicht demente Senioren, ein „Human Support Robot“ mit Greifarm und Bring-Funktion und ein Helfer für das Bewegen von bettlägerigen Patienten folgen.

Diese Produkte befinden sich bereits in der klinischen Erprobung und dürften in den kommenden Jahren nacheinander auf den Markt kommen. Erst danach sollen höhere Ansprüche erfüllt werden. „Wir wollen schrittweise vorgehen“, sagt Akifumi Tamaoki, der Geschäftsführer der Sparte für Partnerroboter. Toyota starte einfach und wende sich dann komplexeren Produkten zu.

Auf absehbare Zeit kein Gewinnmotor

Die Wahl des Einstiegsmarkts ist kein Zufall. Bei der rasanten Alterung der Gesellschaft winken in der Pflege durch den Einsatz von intelligenten Maschinen großer gesellschaftlicher Nutzen und ein wachsender Markt. Außerdem können die Krankenhäuser und Altersheime durch Rationalisierung die derzeit recht hohen Kosten der Robotersysteme rechtfertigen. Für das Leasing von Welwalk werden beispielsweise einmalig rund 9000 Euro fällig plus eine Monatsgebühr von etwa 3000 Euro. Das summiert sich über die Jahre.

Doch trotz der hohen Preise wird die Robotersparte auf absehbare Zeit kein Gewinnmotor. Denn im ersten Schritt wird Toyota sich auf den heimischen Markt konzentrieren. Die Expansion ins Ausland werde bestimmt noch zwei bis drei Jahre dauern, schätzt Tamaoki. Die notwendigen Genehmigungen einzuholen, einen internationalen Service aufzubauen und die Therapeuten in den verschiedenen Ländern zu schulen braucht einfach Zeit.

Die ersten Auslandsmärkte vermutet Toyotas Roboterfachmann dabei eher in Asien als in Europa oder den USA. Sein Grund: Asiaten anderer Länder seien ähnlich gebaut wie Japaner, Welwalk könne daher ohne große Modifikationen auf den asiatischen Markt gebracht werden. Derzeit taugt das Gerät nämlich nur für Patienten, die maximal 1,90 Meter groß und 95 Kilogramm schwer sind. Und offenbar befürchtet Tamaoki, dass die Belastbarkeit des Roboterbeins für Patienten aus Europa und vor allem den USA nicht ausreicht.

Quelle:  Handelsblatt Online
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