EM und Brexit-Referendum: Come on, England!

EM und Brexit-Referendum: Come on, England!

, aktualisiert 21. Juni 2016, 02:28 Uhr
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Die Pub-Besucher fiebern vor den Bildschirmen für die englische Mannschaft. Ob die EM auch das Brexit-Referendum beeinflussen wird, da sind sie sich uneinig.

Quelle:Handelsblatt Online

Nach der Gruppenphase muss sich England bei der Fußball-EM mit dem zweiten Platz begnügen. Die Spiele am Montagabend standen ganz im Schatten des EU-Referendums. Doch der Fußball kann die Politik durchaus beeinflussen.

LondonIm „The Golden Heart“ steht die Luft. Es riecht nach Bier und Fritten. Dabei ist die Kneipe im ehemaligen Arbeiterviertel Spitalfields im Londoner Osten nicht ganz voll besetzt an diesem Montag. Und das, obwohl die Gegend rund um das Pub zu den Trendvierteln Londons gehört. Auf zwei Bildschirmen können hier Fußball-Fans, meist junge Leute, darunter viele Studenten, die Partie zwischen England und der Slowakei verfolgen. Und dabei ein Bier trinken, sich unterhalten, austauschen, feiern.

Beste Bedingungen für einen fröhlichen Abend – eigentlich. Doch sie sehen, wie die englischen Fußballprofis eine Chance nach der anderen vergeben. Wie sie kämpfen. Am Ende reicht ein torloses Unentschieden gegen die Slowakei zu Rang zwei in der Gruppe B, auch ganz ohne Glanz. Das Minimalziel haben die Kicker damit erreicht.

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Doch wer dieses Spiel gemeinsam mit den Fans im „Golden Heart“ anschaut, der hat das Gefühl, dass sie nicht ganz bei der Sache sind. Dass sie das anstehende EU-Referendum am Donnerstag und vor allem der Mord an der britischen Abgeordneten Jo Cox weitaus mehr beschäftigen. Die ganz große Fußball-Euphorie, sie bleibt aus. Ob der Fußball, ob die EM, Einfluss haben wird auf die Entscheidung?

Die Besucher sind sich da uneinig. Ein slowakischer Banker, der seinen Namen nicht nennen will, tunkt ein paar Pommes in Remoulade und versenkt sie in seinem Mund. Wie ein Segler hat er die Ärmel eines blauen Pullunders um den Hals geknotet. Darunter trägt er ein weiß-blau-gestreiftes Hemd. „Gewinnt England das Spiel, bleiben wir in Europa“, sagt er kurz nach dem Anpfiff. „Verliert England, gibt es einen Brexit“, so einfach sei das. „Die Menschen wollen glücklich sein. Wenn ihre Mannschaft sie enttäuscht, werden sie das David Cameron spüren lassen“.

Weil der Banker ein mit der EU vereintes Großbritannien will, ist er hin und hergerissen. Natürlich fiebert er mit dem slowakischen Team mit, die Engländer sollen aber gegen den Brexit stimmen. Wenn nicht bald ein Tor für die Three Lions fällt, könnte sich seine Befürchtung erfüllen.

Auch Cassie Symes, 23, und ihre vier Jahre ältere Freundin Vashti Turner, sitzen gebannt vor dem Bildschirm. Die beiden Studentinnen hoffen auf den Verbleib Großbritanniens in der EU. „Wir sind als Europäer aufgewachsen, wir wollen Europäer bleiben, wir brauchen einander und haben daher auch eine gewisse Verantwortung“, sagen sie. Sie sind Fußballfans und wissen um die Bedeutung des Spiels. Denn Fußball sei durchaus politisch. Vor allem seit den Terroranschlägen in Paris im vergangenen Jahr.

Was ein Sieg der Engländer bewirken könnte? Symes befürchtet, „dass ein erfolgreiches Turnier die Nationalisten stärken könnte“. Denn eine englische Mannschaft, die sich vom peinlichen Aus bei der Weltmeisterschaft 2014 erholt hat, tritt selbstbewusster, gestärkter, auf – und könnte den Eindruck erwecken, dass man auf der Insel durchaus alleine klarkomme. Dabei tue es das Land eben nicht, da sind sich die Freundinnen sicher. Sie werden sich am Donnerstag entscheiden – für einen Verbleib in der EU.


Für Europa, gegen Bürokraten

Halbzeit. Im französischen Saint-Étienne steht es noch immer 0:0. Der Hoffnungsträger Wayne Rooney wird endlich eingewechselt. Im Londoner „Golden Heart“ haben Jonathan Williams aus Wales, 30, und seine Freundin Maria Gordienko, 26, aus der Ukraine schon ein paar Bier intus. Sie hören gar nicht auf, über das EU-Referendum zu philosophieren. „Ich liebe Europa und die Europäer“, sagt Williams, „aber ich hasse die EU-Bürokraten“. Das sei ein elitärer Zirkel, der sich auf Kosten anderer bereichere und die großen Konzerne stütze. Dass das Spiel das EU-Votum beeinflussen könnte, glauben beide nicht. In Wales spiele Fußball ohnehin nur eine sekundäre Rolle, dort dominiere Rugby.

Dabei können sportliche Großereignisse durchaus politische Wahlen entscheiden, wie diverse Studien zeigen. So kann eine Forschergruppe der Universität Duisburg-Essen (UDE) und der Universität Konstanz beispielsweise nachweisen, dass Emotionen durch Fußballergebnisse die Bundestagswahlen beeinflussen. Achim Goerres von der Universität Duisburg sagt: „Wir können bestätigen, dass Wähler ihre durch den Fußball erzeugten Hochgefühle auch auf ihr politisches Verhalten übertragen.“

Doch Williams mag nicht so recht an einen Zusammenhang glauben. Auf seinem Smartphone verfolgt er dennoch parallel die Partie der Waliser gegen die Russen. Als Gareth Bale in der 67. Minute das 3:0 für Wales erzielt, springt Williams so heftig auf, dass das Bier aus den Gläsern auf den Tisch schwappt. Erst umschlingt er seine Freundin, dann fliegt er in die Arme eines anderen Walisers. Beide johlen. Am Ende hat sich Wales mit einem Sieg über Russland überraschend den Gruppensieg gesichert.

Das Spiel ist vorbei, die Kneipe überraschend schnell wieder leer. Wales und England sind im Achtelfinale. Andrea Esqualant stützt sich auf den Tresen. Ihre Strickjacke zeigt den „Union Jack“, die Flagge Großbritanniens. Seit 39 Jahren führt Esqualant bereits das Pub. Sie ist schon um die 70 Jahre alt, ihr Haar ist rot, ihre Brille lila, die Fingernägel blau. Sie weiß nicht, ob die Engländer ihren Frust über das magere 0:0 in die Wahllokale mitnehmen werden.

Sie selbst, will in der EU bleiben, „wir sollten zusammenstehen, um Herausforderungen wie den Terrorismus zu bewältigen“, sagt sie. Wen interessiert da schon die Fußball-EM? „Wirklich relevant ist doch, was mit Jo Cox passiert ist.“ Nach allem, was jetzt über sie bekannt geworden sei, bedauert die Chefin, die Labor-Abgeordnete nie kennen gelernt zu haben. „Der Tod dieser Frau, das bewegt die Welt, nicht dieses Spiel“.

Quelle:  Handelsblatt Online
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