„Emerging Markets”: Schwellenländer-Aktien vor dem Comeback?

„Emerging Markets”: Schwellenländer-Aktien vor dem Comeback?

, aktualisiert 08. April 2016, 16:23 Uhr
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Der brasilianische Bovespa-Index ist seit seinem Tiefstand um mehr als 30 Prozent in die Höhe geschossen.

von Jessica SchwarzerQuelle:Handelsblatt Online

Die Börsen in den aufstrebenden Schwellenländern haben das erste Quartal überraschend stark abgeschlossen, sogar besser als die der Industrieländer. Doch Experten warnen, dass es für ein Comeback vielleicht zu früh ist.

Viele Jahre lang galten Aktien aus den aufstrebenden Schwellenländern als die Renditebringer überhaupt. Doch diese Zeiten sind seit ein paar Jahren vorbei. Phasen mit dicken Gewinnen wechseln sich mit Phasen hoher Verluste ab. Anleger, die weiterhin auf die Emerging Markets setzen, brauchen starke Nerven.

Doch zumindest im ersten Quartal wurden sie dafür auch belohnt. Die Turbulenzen haben zwar auch die Börsen in den Schwellenländern stark belastet, aber von der darauffolgenden Erholung an den Weltmärkten profitierten die Schwellenländermärkte besonders stark.

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Der MSCI Emerging Markets brachte es gar auf ein Quartalsplus von mehr als fünf Prozent. Zum Vergleich: Der Weltaktienindex MSCI World, der nur Aktien aus Industrieländern beinhaltet, schaffte nur ein mageres Plus von gut einem Prozent.

Stehen die Schwellenländermärkte also vor dem Comeback? So weit wollen Experten wie Ulrich Stephan nicht gehen. „Es wäre zu früh, von einer Renaissance der Schwellenländer zu sprechen, aber interessant ist die Entwicklung allemal“, sagt der Chefanlagestratege der Deutschen Bank. „Weitere Chance würde ich auch nicht ausschließen.“

Noch verhaltener urteilt Jakob Tanzmeister, Portfolio-Manager bei JP Morgan Asset Management: „Wir sind skeptisch, dass die jüngste Rally bei Schwellenländeraktien fortgesetzt werden kann.“

Seit seinem Quartalstief im Januar hat der MSCI Emerging Markets in Lokalwährung um 14 Prozent zugelegt und sogar um fast 20 Prozent unter Berücksichtigung von Währungseffekten. Doch ein kurzfristiger Anstieg in dieser Größenordnung sei laut Tanzmeister nicht ungewöhnlich.

„Seit seinem Höchststand im Mai 2011 waren sechs Anstiege vom Tiefst- zum Höchststand um mehr als zehn Prozent zu beobachten, die jedoch sämtlich in der Folge abflauten“, sagt er. Die Frage sei nun, ob sich der aktuelle Stimmungsaufschwung zu einer dauerhaften Erholung ausweitet.

Es waren die gleichen Themen, die zu Jahresbeginn für den Absturz der Weltbörsen gesorgt hatten, die schließlich ab Mitte Februar die Erholungsrally anschoben: China, die Weltkonjunktur, die Zinspolitik der US-Notenbank und ihre Auswirkung auf den US-Dollar und natürlich der Ölpreis. Zu Jahresbeginn waren die Sorgen um die Konjunktur in asiatischen Land groß und ließen die Börsen beben. Doch mit dem wieder aufkeimendem Optimismus, erholten sich auch die Märkte.


Dollar-Kurs entscheidend für Schwellenländeraktien

Aber auch die etwas zurückhaltende Geldpolitik der Fed half den Schwellenländer-Börsen. Die US-Notenbank reagierte auf ein schwächeres US-Wachstum und die gestiegenen globalen Risiken. „Letzteres hat zu einem schwächeren Dollar geführt, was den Druck auf Öl und Schwellenländer reduziert hat“, sagt Christian Müller-Glissmann, Anlagestratege von Goldman Sachs.

Allerdings glaubt er, dass sich das US-Wachstum wieder erholen wird und der Druck auf die Fed wieder zunehmen könnte, doch die Zinsen weiter anzuheben. Das ließe auch den Dollar erstarken, was zu einer neuerlichen Kapitalflucht aus den Schwellenländern führen könnte.

Doch warum ist die Entwicklung des Dollars so relevant für Schwellenländeraktien? „Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sie sich in Zeiten einer ausgeprägten Dollar-Schwäche tendenziell wesentlich besser entwickeln als ihre Pendants in den entwickelten Märkten und in Phasen einer ausgeprägten Stärke des Dollars im gleichen Maße hinter diesen zurückliegen“, so Tanzmeister.

In den beiden Perioden, in denen der Dollar innerhalb der vergangenen 20 Jahre die größte Stärke zeigte, schnitten Aktien aus Schwellenländern gegenüber Aktien aus den entwickelten Ländern im Durchschnitt um 26 Prozent schlechter ab. Im Gegenzug überflügelten Schwellenländeraktien in den beiden Perioden der stärksten Dollarschwäche die Aktien aus den Industrieländern um durchschnittlich 26,2 Prozent.

Der Rückgang des US-Dollar im Februar und März sei vor allem auf die Mäßigungen der Zinserwartungen zurückzuführen, sagt der JP-Morgan-Experte. „Doch falls die US-Konjunktur ausreichend an Schwung gewinnt, könnte man zu der Erwartung einer bereits früher als prognostiziert eintretenden Zinserhöhung durch die Fed zurückkehren“, sagt Tanzmeister.

Nicht zuletzt deshalb sollte die Rally in den Schwellenländern zum Erliegen kommen.

Ein weiterer Faktor, von dem das Wohl und Wehe der Emerging Markets abhängt, sind die Rohstoffpreise. Vor allem den Ölpreis haben Anleger dabei im Blick. Die Stabilisierung der Rohstoffpreise stützte die Börsen der großen Rohstoffproduzenten und –exporteure zuletzt. Doch Goldman-Experte Müller-Glissmann hält die Erholung des Ölpreises für verfrüht.

„Die fundamentale Situation hat sich noch nicht viel verbessert“, sagt er. Und seit Beginn des Jahres hängen fast alle Anlageklassen extrem stark mit dem Ölpreis zusammen. „Wir denken, dass sich der Ölpreis im Laufe der zweiten Jahreshälfte bei rund 50 Dollar stabilisieren wird.“


Schwellenländer erholen sich von schwerer Rezenssion

Auch dürfte sich das Wachstum nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und in Japan verbessern. „Die größte Wachstumsverbesserung erwarten wir aber in den Schwellenländern, die sich in vielen Fällen von schweren Rezensionen erholen“, so Müller-Glissmann. „Das sollte grundsätzlich ein freundlicheres Umfeld für Aktien sein, auch für die von Schwellenländern.“ 

Einige Schwellenländerbörsen haben sich von ihren Tiefstständen bereits kräftig erholt. Der brasilianische Bovespa-Index beispielsweise ist um mehr als 30 Prozent in die Höhe geschossen. Die jüngste Rally sei vor allem „eine Aufholjagd nach dem tiefen Fall“, sagt Ulrich Stephan.

In den Emerging Markets hätte sich zuletzt vor allem kurzfristig taktische Chancen für Anleger ergeben. „Für langfristig orientierte Investoren benötigt es meines Erachtens jedoch nachhaltigere Strukturreformen und vor allem politische Stabilität“, sagt der Experte der Deutschen Bank. „Reformeifer, wie er in Indien zu beobachten ist, reicht alleine nicht aus. Die Umsetzung zählt.“

Die Emerging Markets bleiben anfällig. „Ein stark fallender Ölpreis oder ein neuerlichen Zinsanstieg mit daraus resultierender Dollar-Stärke könnte kurzfristig wieder Druck auf die Schwellenländer ausüben“, warnt Goldman-Experte Müller-Glissmann. Trotzdem ist er optimistisch für Aktien aus den Emerging Markets. „Die Bewertungen von Aktien und vielen Währungen in den Schwellenländern sind vergleichen mit den USA und Europa attraktiv“, sagt er.

Quelle:  Handelsblatt Online
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