Emirates und der Pilotenmangel: Golf-Airline stößt an die Grenzen des Wachstums

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Emirates und der Pilotenmangel: Golf-Airline stößt an die Grenzen des Wachstums

, aktualisiert 17. Februar 2016, 10:23 Uhr
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Emirates ist heute eine feste Größe in der Luftfahrtbranche.

von Jens KoenenQuelle:Handelsblatt Online

Emirates startete als erste Fluggesellschaft vom Persischen Golf – und ist heute eine feste Größe in der Branche. Doch die rasante Expansion hat Folgen: Allmählich werden die Piloten knapp.

Die Zahlen, die Henry Donohoe nennt, sind beeindruckend: „Wir werden 450 zusätzliche Piloten einstellen. 2016 werden voraussichtlich 20 neue Flugzeuge eingeflottet“, berichtet der Flugkapitän und Senior Vice President Flight Operations bei Emirates.

Wer gedacht hatte, die Airline vom Persischen Golf würde langsam mal auf die Wachstumsbremse treten, hat sich getäuscht. Das Unternehmen expandiert rasanter denn je. Doch während Flugzeuge recht leicht zu besorgen sind, ist das bei Flugzeugführern weniger einfach. Denn es droht ein weltweiter Engpass.

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In einer vor wenigen Tagen vorgestellten Studie beziffert der Flugzeughersteller Boeing den Bedarf für die kommenden Jahre auf weltweit 558.000 neue Flugzeugführer. In Nordamerika und Europa werden jeweils 95.000 gebraucht, in Asien in den kommenden 20 Jahren sogar 226.000 Piloten, davon 100.000 in China.

Die fünf Erfolgsgeheimnisse der arabischen Airlines

  • Gute Preise

    Kern des Erfolgs sind die guten Preise. Möglich werden sie durch die im Vergleich zu europäischen Linien bis zu 30 Prozent niedrigeren Ausgaben. Dafür sorgt die Flotte, die dank Großbesteller-Rabatten und moderner Technik im Schnitt gut ein Zehntel günstiger fliegt als die Maschinen der Konkurrenz aus Übersee. Zweites Plus sind die Flughäfen der Golfstaaten. Großzügig gebaut und ohne Einschränkungen beim Nachtflug erlauben sie eine optimale Flugplanung ohne die überflüssigen Ruhezeiten für die teuren Maschinen. Und weil die Airports meist die gleichen Aufsichtsratschefs haben wie die Fluglinien, fördern sie die durch niedrige Gebühren, die nur rund ein Zehntel der in Europa fälligen Abgaben betragen.

  • Unternehmensfreundliche Gesetzgebung

    Die unternehmensfreundliche Gesetzgebung sorgt für weitere Einsparungen. Dinge wie Steuern und Sozialabgaben sind ebenso unbekannt wie Sozialstandard oder Kündigungsschutz. Das spiegelt sich auch in der Unternehmenskultur wieder. Weil die Gehälter ohne die Abgaben relativ hoch sind und der Job viele Freiräume bietet, ziehen die Golflinien überdurchschnittlich viele hochmotivierte Mitarbeiter an. „Wir haben das Gefühl, die Vorgaben zu erreichen und wahrscheinlich sogar übertreffen können", so ein hochrangiger Mitarbeiter bei Emirates.

  • Verkehrsgünstige Flughäfen

    Die Flughäfen am Golf liegen verkehrsgünstig. Mit Ausnahme von Chile und Süd-Argentinien sind mit modernen Flugzeugen fast alle Orte der Welt erreichbar und bei den besonders stark beflogenen Routen von Europa nach Südostasien liegen die Golfstaaten quasi auf dem Weg.

  • Kundendienst

    Die Golflinien setzen auf Kundendienst. Während die Linien aus Europa und den USA bei Neuerungen wie modernen Flugzeugen, bequemen Sitzen, Betten in der Business Class oder einem persönlichen Unterhaltungsbildschirm in der Economy lange zu teuer waren und sie ihre Kunden bei jeder Gelegenheit mit Zuschlägen belasteten, setzen die Golfinien auf „alles inklusive.“

  • Marketing

    Fast ebenso viel wie in neue Technik stecken die Linien ins Marketing. Lufthansa etwa investiert eher zurückhaltend in Sportförderung oder aber in ungewöhnliche Dinge wie Events klassischer Musik. Besonders letztere sorgen – bei allem künstlerischen Wert – besonders bei jüngeren Reisenden außerhalb Europas für weniger Bekanntheit als die von den Golflinien bevorzugten Massensportarten wie Fußball oder Formel 1.

  • Woher das erfolgreiche Modell stammt

    Die Grundidee für das Modell borgte sich das Emirates-Gründungsteam um Clark am Ende von Singapore Airlines. Die Linie des südostasiatischen Inselstaats zeigte als erste, wie ein Verbund aus einem Langstreckendrehkreuz, einem kundenfreundlichen Flughafen und der Rückendeckung der lokalen Regierung eine Weltmacht im Fliegen schafft – und daraus dann ein weltweit wichtiges Wirtschaftszentrum erwächst. Ein System, das nach den Golflinien im übrigen auch Island aufgenommen hat, mit Reykjavik als Minidrehkreuz zwischen Europa und Nordamerika.

Der Mangel bremst vor allem stark wachsende Fluggesellschaften wie Emirates. Hinzu kommt hier ein weiteres Problem: Unternehmenskenner berichten von einer sehr hohen Fluktuationsrate bei den Piloten. „Bei Emirates müssen die Piloten das fliegen, was gesetzlich maximal erlaubt ist: Das geht an die Substanz, weshalb viele Piloten abspringen“, beschreibt ein Insider die Situation bei Emirates.

Donohoe will dieses Thema nicht kommentieren, den Engpass räumt er allerdings ein: „Wir sind uns bereits länger eines potentiellen Pilotenmangels bewusst.“ Deshalb habe man bereits entsprechende Maßnahmen unternommen. So errichte man derzeit am Flughafen Dubai ein neues Ausbildungszentrum. Ende 2016 soll es in Betrieb gehen. „Das Programm nimmt etwa dreieinhalb Jahre in Anspruch und wird ab 2016 eine jährliche Kapazität von 160 bis 200 Flugschülern haben“, erläutert der Flugkapitän und Manager.

Der gewaltige Bedarf hängt auch mit der neuen Strategie zusammen, die Emirates-Chef Tim Clark der Airline seit kurzem verordnet.

Golf-Airlines bekommen Gegenwind

Bislang setzte der Golf-Anbieter vor allem auf Langstrecken zu Zielen mit einem großen Fluggastaufkommen. Das Unternehmen zählt mit 140 bestellten und 73 bereits gelieferten A380 zu dem mit Abstand wichtigsten Kunden des Super-Jumbos von Airbus. Künftig will Clark aber auch verstärkt Strecken mit einem etwas geringeren Passagierpotenzial bedienen – etwa in China.

Dazu braucht der Emirates-Chef neue Flugzeuge und auch die entsprechenden Piloten. Noch in diesem Jahr will er über die Anschaffung von Flugzeugen des Typs A350 oder Boeing 787 entscheiden. Beides sind mittelgroße Langstreckenflugzeuge, die je nach Version zwischen 250 und 400 Passagiere aufnehmen können, weniger also als eine A380 oder die Boeing 747.

Emirates hatte 2007 bereits eine Option für 70 Flugzeuge vom Typ A350 unterzeichnet, den Vertrag aber im Juni 2014 wieder gekündigt – auch weil man sich darüber unklar war, inwieweit die Flugzeuge zur eigenen Strategie passen.

Doch mittlerweile braucht die Airline solche Flugzeugmuster und die entsprechenden Piloten. Denn auch im etablierten Streckennetz geht Emirates stärker als bisher daran, die angebotenen Kapazitäten zu justieren. So wurde der A380 aus Dallas und Houston in den USA abgezogen und durch eine Boeing 777 ersetzt. Dafür bekam Los Angeles einen zweiten A380 und Washington seinen ersten Super-Jumbo.

Emirates Wie die Airline zum Schrecken der Flugbranche wurde

Die Fluglinie Emirates feiert den 30. Jahrestag ihres Erstflugs. Die Konkurrenz feiert nicht. Der Branchenschreck verdirbt vielen Airlines das Geschäft – und will europäische Linien wie Lufthansa noch härter angreifen.

Emirates: 30 Jahre Erfolgsgeschichte der Luxusfluglinie. Quelle: Presse

Die Strategie dürfte nicht zuletzt vor dem Hintergrund wachsender Widerstände gegen die stark expandierenden Golf-Airlines angepasst worden sein. In den USA fordern die heimischen Fluggesellschaften seit Monaten eine härtere Gangart gegen diese Anbieter, denen man Subventionierung durch die Regierungen am Persischen Golf vorwirft.

Und in Europa hat die EU-Kommission das Thema „fairer Wettbewerb“ im Luftverkehr auf die Agenda gesetzt. Die drei Golf-Gesellschaften Emirates, Etihad und Qatar fürchten deshalb, dass ihr Wachstum in diesen Regionen künftig eher begrenzt sein wird. Deshalb schauen sie stärker etwa nach Asien oder Indien.

Quellle:  Handelsblatt Online
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