Ende der lockeren Geldpolitik: Mario Draghis heikle Mission

Ende der lockeren Geldpolitik: Mario Draghis heikle Mission

, aktualisiert 19. April 2017, 20:38 Uhr
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Der EZB-Präsident muss Vorsicht walten lassen.

Quelle:Handelsblatt Online

Die EZB muss die Märkte behutsam auf das Ende der Geldflut vorbereiten. Draghis Feingefühl ist gefragt. Denn selbst leichte Änderungen in der Kommunikation sorgen für enorme Ausschläge an den Anleihemärkten.

FrankfurtEs wird ein schmaler Grat für EZB-Präsident Mario Draghi. Die heikle Mission des Italieners: Er muss die Finanzmärkte bald darauf vorbereiten, dass die Geldflut ab einem bestimmten Zeitpunkt eingedämmt wird. Zuletzt führten bereits leichte Änderungen an der Kommunikation der Europäischen Zentralbank (EZB) und Diskussionen über den künftigen Kurs zu größeren Ausschlägen an den Anleihenmärkten. Sollten Draghi & Co die Weichen in diesem Jahr deutlich in Richtung geldpolitischer Wende stellen wollen, müssen sie dafür sorgen, dass Börsianer nicht kalt erwischt werden. Denn die Märkte sind nach jahrelangen Minizinsen und billionenschweren Anleihenkäufen an die permanente Billiggeld-Zufuhr gewöhnt. Überraschungen sind da Gift. Schwere Kursturbulenzen könnten die Folge sein.

Analysten setzen deshalb auf ein behutsames Vorgehen der Euro-Wächter. Zinsexperte Christian Reicherter von der DZ Bank glaubt, dass die EZB im Frühsommer ein vorsichtiges Signal geben könnte. „Wenn im Juni die EZB ihre Konjunktur- und Inflationsprognosen anhebt, dann würde sich Spielraum ergeben, die Forward Guidance zu modifizieren.“ So wird im Fachjargon der geldpolitische Ausblick einer Notenbank genannt. Zuletzt wurde beispielsweise diskutiert, angesichts der konjunkturellen Erholung den Hinweis auf möglicherweise noch niedrigere Zinsen aus dem Ausblick zu streichen. Voraussetzung für Anpassungen ist laut Reicherter, dass bei den französischen Präsidentschaftswahlen nichts Überraschendes passiert und keine sonstigen Risiken hinzukommen. Eine konkrete Ankündigung zu Änderungen seitens der EZB sei dann im Herbst möglich.

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Nach Einschätzung der NordLB-Experten Mario Gruppe und Norman Rudschuck dürfte eher die Ratssitzung am 7. September entscheidend werden. „Vermutlich ist das nach der Sommerpause die Pressekonferenz, in der Mario Draghi ab 14:30 Uhr die Katze bezüglich des weiteren Vorgehens aus dem Sack lassen könnte.“ Sie halten es für denkbar, dass die Euro-Notenbank dann ab Januar 2018 ihre großangelegten Anleihenkäufe schrittweise um monatlich zehn Milliarden Euro abschmelzt. Aktuell erwerben die EZB und die nationalen Notenbanken Staatsanleihen und andere Wertpapiere im monatlichen Umfang von 60 Milliarden Euro.

Angelegt ist das Kaufprogramm bis Ende 2017 auf ein Volumen von 2,28 Billionen Euro. Damit wollen die Währungshüter die Konjunktur anheizen und für mehr Inflation sorgen. Zudem hält die EZB die Leitzinsen bereits seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent, um für günstige Finanzierungsbedingungen zu sorgen.

Inzwischen greift aber die Wirtschaftserholung in der 19-Länder-Gemeinschaft immer mehr. Und auch die Inflation ist mit 2,0 Prozent im Februar und 1,5 Prozent im März bereits wieder in der Nähe des EZB-Ziels von knapp unter zwei Prozent. Daher werden in Deutschland, wo die ultra-lockere Geldpolitik der EZB ohnehin heftig umstritten ist, die Rufe nach einer Eindämmung der Geldschwemme wieder lauter.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann beispielsweise hält die Diskussion für legitim, wann der EZB-Rat die geldpolitische Normalisierung in den Blick nehmen sollte. Den Staatsanleihenkäufen stand er von Anfang an kritisch gegenüber.


Wie wird die Wende eingeleitet?

Nicht nur das Timing der Wende ist ein Drahtseilakt für die Zentralbank. Auch die genaue Abfolge der Schritte muss sorgfältig bedacht werden. Österreichs Notenbank-Chef Ewald Nowotny sinnierte vor wenigen Wochen offen über die Möglichkeit einer Zinsanhebung noch vor dem Ende der Anleihenkäufe. Die Folge: Am Finanzmarkt wurde dies als Fingerzeig gedeutet, die EZB könnte den sogenannten Einlagensatz noch vor dem Ende der Anleihenkäufe anheben. Kräftige Rendite-Anstiege bei deutschen und französischen Staatsanleihen waren die Folge. Aktuell liegt der Einlagensatz bei minus 0,4 Prozent – Banken müssen also Strafzinsen zahlen, wenn sie über Nacht überschüssige Liquidität bei der EZB parken.

Ein derartiger Zinsschritt würde allerdings klar der aktuellen Forward Guidance widersprechen. Sie sieht vor, dass die Schlüsselzinsen noch weit über die Zeit der Anleihenkäufe hinaus auf dem aktuell tiefen Niveau oder sogar noch niedriger liegen werden. EZB-Chefvolkswirt Peter Praet hatte kürzlich auf eine „starke Logik“ hinter diesem Fahrplan verwiesen. Für National-Bank-Volkswirt Dirk Gojny steht deshalb der Pfad bereits fest: „Die EZB wird zunächst ihre Anleihenkäufe beenden und erst danach an die Zinssätze gehen, beginnend mit dem Einlagensatz.“

Die bislang von der EZB vorgegebene Reihenfolge zu ändern, birgt nach Ansicht der Volkswirte der US-Großbank Citi Gefahren. „Angesichts des aktuellen Ausblicks würde eine Veränderung der Abfolge die Glaubwürdigkeit der EZB treffen und daher die künftige Wirksamkeit der Geldpolitik“, argumentieren sie in einer Studie. Zudem könne eine Überreaktion der Märkte ausgelöst werden. Aber es gibt auch andere Stimmen: So hält DZ-Bank-Experte Reicherter den Einlagenzins als Werkzeug zur Stimulierung der Kreditvergabe nicht mehr in dem Ausmaß für notwendig. „Daher erwarten wir eine Erhöhung des Einlagesatzes auf minus 0,25 Prozent von derzeit minus 0,40 Prozent im Herbst.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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