Ende einer Ära: Verschläft der Westen die Machtwende?

Ende einer Ära: Verschläft der Westen die Machtwende?

, aktualisiert 02. September 2016, 09:43 Uhr
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„Wir erfinden keine Geschichten“, schreibt das Autorenpaar John und Doris Naisbitt in seinem aktuellen Werk. „Wir beobachten die Welt und berichten darüber, was wir sehen.“

Quelle:Handelsblatt Online

Die Schwellenländer des globalen Südgürtels, die noch Turbulenzen zu bewältigen haben, werden auf lange Sicht die wirtschaftliche Weltkarte verändern. Wird sich der Westen der neuen Ordnung stellen? Ein Gastbeitrag.

WienJahrhunderte lang befand sich der Westen in einer wirtschaftlichen Vormachtstellung. Kleidung, Musik, Geschäftspraktiken, Erfindungen und Innovationen fanden ihren Weg vom Westen in den Rest der Welt. Das führte zu einem erhabenen Selbstbild des Westens, der sich als Werteführer und moralische Autorität, dessen Standard auch für den Rest der Welt gelten, sieht. Diese Führungsrolle des Westens, schreibt das Autorenpaar John und Doris Naisbitt, wird allerdings aus verschiedenen Richtungen in Frage gestellt: durch die Krise der westlichen Demokratie, mangelnde Reformbereitschaft, durch den Aufstieg der Schwellenländer. Ein Gastbeitrag.

„Die Geschwindigkeit des Wandels steigt exponentiell mit jeder Dekade. Als globale Gemeinschaft stehen wir an einem Knotenpunkt dessen, was ist und was sein wird. Wie bereiten wir uns darauf vor? Was müssen wir wissen? Wo finden wir die besten Möglichkeiten für uns, für unser Land, für unsere Welt?“ Diese Fragen werden nicht nur nur anlässlich des „International Women’s Forum“, das unter dem Titel „Crossroads of Change“ im Oktober in Chicago stattfindet, gestellt und möglicherweise auch beantwortet. Wo und wie man seinen Platz in der Welt findet, war auch der Grundtenor der Fragen tausender Studenten, zu und mit denen wir anlässlich einer Reise durch Südchina sprachen. Natürlich wurde immer wieder die Frage nach dem nächsten Megatrend gestellt. Denn das Bewusstsein profunden Wandels und die Notwendigkeit, dass wir vorbereitet sein müssen, um die Gelegenheiten zu nutzen, ist auch in China deutlich spürbar. Dessen ungeachtet werden selbst bei gleichem Informationsstand Menschen unterschiedliche Szenarien der Zukunft und der darin enthaltenen Möglichkeiten formen.

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So sehr wir selbst auch an geopolitischen und wirtschaftlichen Entwicklungen interessiert sind, hieße es das Pferd beim Schwanz aufzuzäumen, wenn wir uns auf der Suche nach eigenen Chancen weitgehend von Wachstumsmärkten und Megatrends leiten ließen. Auch wenn es nötig ist, das bestmögliche Bild zukünftiger Entwicklungen zu gewinnen, formen Megatrends lediglich das sich wandelnde globale Umfeld, in dem wir unsern Platz suchen. Aus unserer Sicht sind die größten Wachstumsmärkte dort, wo sie in größtmöglicher Übereinstimmung mit unseren persönlichen Möglichkeiten und Wünschen sind.

Während die individuellen Antworten auf die Frage nach den aussichtsreichsten Wachstums- und Verbrauchermärkten also unterschiedlich zu beantworten sind, sehen wir die Wachstumsmärkte der Zukunft allgemein in jenen Ländern, die wir in unserem Buch „Machtwende“ als den globalen Südgürtel bezeichnen. Sie umfassen einen Großteil Asiens, Lateinamerikas und Süd-Sahara-Afrikas – rund 80 Prozent der Weltbevölkerung, in denen eine neue Mittelklasse und damit neue Verbrauchermärkte entstehen.

Die Frage nach den dort vielversprechendsten Regionen und Ländern lässt sich aus verschiedenen Blickpunkten stellen: aus der Entwicklung des Bruttonationalprodukts, dem Pro-Kopf-Einkommen, aus den Wachstumszahlen verschiedener Industriezweige oder in einem ganzheitlichen Bezug, unter Berücksichtigung sozialer, kultureller und ökologischer Entwicklungen. Und natürlich mit Blick auf die Verbrauchermärkte, der die neue, globale Mittelschicht wieder in den Vordergrund rückt. Diese Mittelschicht ist ebenso wenig homogen wie Kontinente und Länder. Allein aus der Summe der verschiedenen wirtschaftlichen Entwicklungsstufen und lokalen kulturellen Gewohnheiten lassen sich die tatsächlichen lokalen Bedürfnisse und die damit verbundenen Chancen ermitteln.

Wirtschaftswachstum und das Entstehen einer Mittelklasse sind eng mit dem Standard der Infrastruktur eines Landes verknüpft. Ein negatives Beispiel ist Indien, in dem eine desolate Infrastruktur viel Potential ungenutzt lässt. Zu einem Musterbeispiel des strategischen Aufbaus einer länderübergreifenden Infrastruktur könnte Chinas „One Road One Belt Initiative“ (OBOR), die Wiederbelebung der Seidenstraße, werden. Als logistische Grundstruktur dienen die verschiedenen Land- und Meeresrouten der alten Seidenstraßen.


Alte Verbindungen wiederbelegt - neue entstehen

Xi Jinpings Modell, das in den nächsten zehn Jahren ein Handelsvolumen von 2,5 Trillionen Dollar überschreiten soll, baut allerdings nicht nur auf Strategie. Es setzt auch auf Emotionen der alten Süd-Süd-Verbindungen, die die 64 Länder noch immer verbinden, die heute daran beteiligt sind: die gemeinsame koloniale und post-koloniale Vergangenheit, die Herausforderungen von Industrialisierung und Handel, die medizinische Unterversorgung der Bevölkerung, der Mangel an Infrastruktur und wichtiger denn je, die Versorgung mit Wasser und Nahrung.

Auch wenn Spannungen und Widerstände im Zuge des Ausbaus zu überwinden sein werden, hat sich im emotionalen, kollektiven Denken der Völker Chinas, Koreas, Pakistans, Afghanistans, Turkestans und Turkmenistans, von Zentralasien in den mittleren Osten bis nach Ostafrika und Nordafrika ein Selbstverständnis als Handelsgemeinschaft erhalten. Aus dieser Sicht bildete die Seidenstraße über fast zwei Jahrtausende ein wirtschaftliches System, das durch die Kolonialisierung zwar unterbrochen, nun aber in vollem Umfang wiederhergestellt werden soll. Es geht nicht darum, Neues oder gar eine neue Weltordnung zu schaffen, sondern darum, das Alte wiederherzustellen – ohne ideologischen Hintergrund, ohne sich in interne Angelegenheiten der einzelnen Länder zu mischen. Ein Austausch von Erfahrungen und nicht als ein Modell für alle.

Interessanterweise nimmt die Bevölkerung Chinas dieses gigantische Projekt noch nicht als potentiellen, für den Einzelnen nutzbaren Wachstumsmarkt wahr. Ganz anders die Regierungen einzelner chinesischer Städte. Und das wiederum führt zu Partnerschaften wie jene von Duisburg mit Chongqing, die die Vorteile der direkten Bahnverbindung längst wirtschaftlich nutzen. Und auch die kleine österreichische Stadt Villach arbeitet in enger Verbindung mit Venedig daran, mit dem Projekt der Seidenstraße wirtschaftlich zu wachsen.

In den nächsten Jahren werden sich die unterschiedlichen Möglichkeiten immer klarer zeigen und uns erlauben, die Details miteinander zu verbinden. Mit der Geschwindigkeit des Wandels steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dabei immer wieder vor „Crossroads of Change“ zu stehen. Crossroads of Change sind auch Crossroads of Chances. Die beste Vorbereitung ist Flexibilität.

Über die Autoren:

John Naisbitts „Megatrends“ rangierte zwei Jahre an der Spitze der Bestsellerliste der New York Times. Seine in viele Sprachen übersetzten Bücher erreichen ein Millionenpublikum. John Naisbitt wirkte als Topmanager in Weltkonzernen, war Berater Lyndon B. Johnsons und stellvertretender Erziehungsminister unter Kennedy. Er ist gefragter Redner und hält 21 Ehrendoktorate.

Doris Naisbitt ist Direktorin des Naisbitt China Institute, Kolumnistin, Autorin zweier Bestseller für Chinas Jugend und mit John Naisbitt Koautorin des Bestsellers „Chinas Megatrends, Innovation in China and China Model“. Doris Naisbitt hat einen Ehrendoktor des Pukyong National University, Korea und ist Gastprofessorin an der Beijing Foreign Studies University.

Quelle:  Handelsblatt Online
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