Energie 4.0: Versorger wollen die digitale Wende

Energie 4.0: Versorger wollen die digitale Wende

, aktualisiert 02. April 2017, 15:45 Uhr
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Die Bedeutung von Software in der Stromversorgung wächst rasch.

Quelle:Handelsblatt Online

Der Energiesektor mobilisiert hohe IT-Investitionen. Branchenneulinge beschleunigen mit ihrer Kreativität die Digitalisierung. Aber auch in Haushalten hält digitale Technik Einzug, wenn es um Energieeffizienz geht.

FreiburgVon Köln aus arbeitet Next Kraftwerke an der neuen Energiewirtschaft. Flexibilität für den Strommarkt – darauf fußt das Geschäftsmodell des 2009 gegründeten Unternehmens. Die ist umso wichtiger, je mehr Energie wetterabhängige Windkraft- oder Solaranlagen liefern. Um das schwankende Angebot optimal zu steuern, sind Dutzende Software-Ingenieure im Einsatz. Neben den Energiehändlern, die den Strom am Markt platzieren, machen sie den größten Teil der 135-köpfigen Belegschaft von Next Kraftwerke aus.

Die Aufgabe der IT-Experten ist hochkomplex: 4.000 Anlagen mit einer Leistung von zusammen 2.270 Megawatt hängen inzwischen an der Leitzentrale des Unternehmens. Sie alle gehören privaten Betreibern. Next Kraftwerke übernimmt die Steuerung – auch bei Verbrauchern. Zudem sind Speicher wie etwa Notstromaggregate eingeklinkt.

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„Zumeist flexibilisieren wir Anlagen, die ohnehin bestehen, und erzielen damit Zusatzerlöse für den Betreiber“, sagt Firmensprecher Jan Aengenvoort. Allein könnten viele dies nicht schaffen, weil sie nicht die nötige Leistung erreichen, um an den Märkten agieren zu können. Das aber gelingt, wenn Dienstleister wie Next Kraftwerke sie IT-gestützt zu Pools zusammenschalten.

Die Liberalisierung des Strommarkts 1998 schaffte den Rahmen für neue Anbieter wie Next Kraftwerke – Verbraucher konnten nun ihren Versorger selbst wählen. Der Aufstieg der Erneuerbaren beschleunigt den Erfolg der Newcomer. Zunehmend wird IT zur entscheidenden Stellschraube: „Die Digitalisierung ist Eckstein der Energiewende“, erläutert Robert Spanheimer, Referent Smart Grids & Smart Home beim Digitalverband Bitkom. Für IT-Dienstleister sieht er beste Perspektiven – vor allem, wenn sie Software bieten.

Die Versorger müssen umsteuern, Energie 4.0 heißt das Schlagwort: „Die Digitalisierung ist eines der ganz großen Themen der Energiewirtschaft“, sagt Stefan Kapferer, Chef des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Die gesamte Wertschöpfung von der Erzeugung über den Transport bis hin zur Steckdose werde erfasst. Auch etablierte Konzerne sind gezwungen, kräftig in IT-Know-how zu investieren: „Viele Unternehmen haben eine Digitalisierungsstrategie entwickelt und entsprechende Personalressourcen aufgebaut, die sich intensiv mit der Umsetzung befassen“, sagt Kapferer. Eon verpflichtete jüngst gar den früheren SAP-Manager Matthew Timms als Chief Digital Officer.


Chancen für Quereinsteiger

Parallel wird die Kreativität von Gründern angezapft. So hat der BDEW Anfang des Jahres eine Datenbank freigeschaltet, über die Energieunternehmen Kontakt zu rund 700 digitalen Start-ups knüpfen können. „Die Verbindung von technologischem Know-how mit konkretem Wissen beispielsweise über die Kundenbedürfnisse im Energiemarkt ist für beide Seiten erfolgversprechend“, hieß es bei der Präsentation.

Heimische Digitalisierungsspezialisten sieht Bitkom-Referent Spanheimer auch international dank der Energiewende im Vorteil. Denn der Anteil von Sonnen- und Windstrom ist in Deutschland schon vergleichsweise hoch. Die Folge: Es sei ein wahrer Innovationswettbewerb entstanden: „Junge Unternehmen und Quereinsteiger aus anderen Branchen entwickeln Lösungen für die Energieversorgung der Zukunft.“

Das gilt auch für die Effizienz als zweite Säule der Energiewende. In der vergangenen Woche veröffentlichte die Deutsche Energie-Agentur (Dena) eine Studie, nach der die Hälfte der deutschen Unternehmen digitale Lösungen nutzt, um ihre Energieeffizienz zu erhöhen. Die Dena leitet die „Plattform Digitale Energiewelt“, an der unter anderem der IT-Konzern SAP und der Telekommunikationsausrüster Huawei beteiligt sind.

Auch hier hoffen Branchenfremde auf ihre Chance: Digital Energy Solutions, Anbieter von IT-basierten Produkten und Services für Unternehmen, macht ebenfalls mit. Die Firma ist ein Joint Venture des Automobilbauers BMW und des Heiztechnikspezialisten Viessmann.

„Die Ergebnisse zeigen, wie eng die Themen Digitalisierung und Energieeffizienz in der Praxis miteinander verknüpft sind“, kommentiert Andreas Kuhlmann, Geschäftsführer der Dena. Informationstechnik biete Unternehmen aller Größen und Branchen neue Möglichkeiten, ihren Energieverbrauch einfacher und präziser zu erfassen, zu analysieren und zu optimieren. Dadurch entstehe „in der Summe ein großer Mehrwert für die Energiewende“.


Neue Ansprüche

Auch bei Haushalten hält digitale Technik Einzug. Intelligente Stromzähler, sogenannte Smart Meter, sollen hier eine genauere und kostensparende Steuerung des Verbrauchs ermöglichen. Der Anspruch wächst: Laut Bitkom könnten auch Kühlgeräte die Erzeugungsspitzen von Wind und Sonne aufnehmen. Eine Studie des Verbands zeigt: 61 Prozent der Bundesbürger würden gerne intelligente Geräte nutzen, die sich einschalten, wenn der Strom gerade günstig ist.

Verbraucher bezieht auch die Leipziger Firma Clean Energy Sourcing (Clens) ein, die im gleichen Markt aktiv ist wie Next Kraftwerke. „Wir sehen uns als Flexibilitätsmanager“, sagt Unternehmenssprecher Stephan Braig. Clens steuert ebenfalls, ohne eigene Kraftwerke zu besitzen, mit seinen 75 Mitarbeitern die Erzeuger im Markt, erstellt möglichst exakte Wetterprognosen und wertet die Daten mit eigenen Algorithmen aus – um dann binnen Sekunden am Markt zu agieren.

Zum Portfolio gehört ein Zementwerk, dessen Kugelmühlen überwiegend nachts und an den Wochenenden betrieben werden – also in Zeiten niedriger Strompreise und geringer Netzauslastung.

Dass das Stromnetz heute anders gemanagt werden muss als früher, dafür stehen zwei Zahlen: Im Jahr 1990 gab es in Deutschland rund 800 Kraftwerke, die bedarfsgerecht gesteuert wurden. Heute gibt es – kleine Solarstromanlagen inklusive – mehr als 1,5 Millionen Erzeuger. Ein solches System braucht eine ausgereifte Datenverarbeitung.

Erfolg verspricht laut Branchenverband BDEW die enge Zusammenarbeit von Versorgern mit Start-ups und IT-Dienstleistern: „Die etablierte Stromwirtschaft sieht Start-ups nicht als Konkurrenz, eher als Kooperationspartner, die spezielles Wissen einbringen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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