Energiewende in Deutschland: Die doppelte Kernspaltung

Energiewende in Deutschland: Die doppelte Kernspaltung

, aktualisiert 04. November 2016, 07:33 Uhr
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Eon-Chef Johannes Teyssen überrraschte Ende 2014 die Öffentlichkeit mit seinem Plan überrascht, den Branchenriesen in zwei Teile aufzuspalten.

Quelle:Handelsblatt Online

Die Energiewende in Deutschland hat die großen Stromproduzenten Eon und RWE in die Bredouille gebracht. Sie haben drastisch darauf reagiert. Jetzt gibt es statt zwei gleich vier Unternehmen.

DüsseldorfEnde 2015, in der Woche vor Weihnachten, kamen beim Energiekonzern Eon die  Möbelpacker. Zehn Lastwagen fuhren ständig zwischen verschiedenen Standorten in  den beiden Städten Düsseldorf und Essen im Westen Deutschlands hin und her. 40.000 Umzugskartons wurden ein- und ausgepackt, 1200 Schreibtische verschoben, 3200 Mitarbeiter wechselten ihr Büro.

Hinter der logistischen Herausforderung steckte aber ein noch viel größeres unternehmerisches Abenteuer. Bis zum Jahreswechsel vollzog der bis dahin größte Strom- und Gasversorger Europas eine spektakuläre Spaltung. Die Eon SE konzentriert sich seither komplett auf das Geschäft mit den erneuerbaren Energien, Vertrieb und Netzen. Der Konzern verließ den bisherigen Stammsitz in Düsseldorf, in der Nähe des Rheinufers, und zog nach Essen um.

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Von der alten Konzernzentrale aus wird seither ein komplett neues Unternehmen gesteuert: Uniper. In diese Gesellschaft hat Eon die Kohle- und Gaskraftwerke, das Trading und die Gasproduktion abgespalten ­– also die alte Energiewelt.

Eon-Chef Johannes Teyssen hatte ein gutes Jahr zuvor, Ende 2014, die Öffentlichkeit mit seinem Plan überrascht, den Branchenriesen in zwei Teile aufzuspalten. Seit einigen Wochen ist das Projekt nun komplett abgeschlossen. Nachdem Eon und Uniper Ende des Jahres ihre Arbeit aufgenommen haben, hat Eon Anfang September auch die Kontrolle abgegeben. Am 12. September ging Uniper an der Börse. „Wir haben es geschafft“, sagte Teyssen sichtlich zufrieden – und wünschte „Uniper und Ihren Mitarbeitern alles Gute“.

Das neue Unternehmen kann die guten Wünsche gebrauchen – genau wie Eon selbst auch. Teyssen hatte sich für den Weg nicht aus einer Position der Stärke heraus entschieden, sondern weil er keinen anderen Ausweg aus einer existenzbedrohenden Krise gesehen hatte. Die Energiewende in Deutschland hat nicht nur die Energieversorgung radikal geändert, sie hat auch den Markt durcheinander gewirbelt.

Die Krise der deutschen Energiekonzerne begann im Jahr 2011 nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Deutschland reagierte so entschlossen wie kein zweites Land auf den GAU. Die Bundesregierung besiegelte den Atomausstieg und beschleunigte die Energiewende.  Die Betreiber von Wind- und Solaranlagen, die ihren Strom per Gesetz zu hohen Preisen und vorrangig ins Netz einspeisen dürfen, setzten ihren Siegeszug fort. Der Anteil an der Stromerzeugung lag 2015 schon bei 30 Prozent – zehn Jahre zuvor waren es nur zehn Prozent.

Im selben Maße werden aber die Kohle- und Gaskraftwerke aus dem Markt gedrängt. Für sie bleibt ein immer kleinerer Anteil der Nachfrage, um den sie konkurrieren können. Die steigenden Überkapazitäten schlagen sich entsprechend im Preis nieder. Konnten die Betreiber konventioneller Kraftwerke 2011 im Großhandel für eine Megawattstunde Strom noch mehr als 50 Euro erzielen, sind es derzeit kaum mehr als 25 Euro. Bei diesen Preisen werden immer mehr Kraftwerke zum Verlustgeschäft. Die Stromproduzenten mussten Milliarden abschreiben, bauten Stellen ab und drückten die Kosten. Eon wird in diesem Jahr zum dritten Mal in Folge einen Milliardenverlust verbuchen.


Dekarbonisierung, Dezentralisierung und Digitalisierung

Teyssen wollte mit der Aufspaltung die Reißleine ziehen. Die Rahmenbedingungen mögen schwierig sein, künftig sollen die zwei Teile aber für sich das jeweils Beste herausholen. Eon wird sich der neuen Konkurrenz in der grünen Energiewelt stellen. Uniper soll unter dem neuen Chef Klaus Schäfer versuchen, in der alten Energiewelt zu retten, was noch zu retten.

„Eon und Uniper haben jetzt alle Chancen, mit der klaren Fokussierung auf ihre jeweiligen Geschäfte Erfolg zu haben“, gab sich Teyssen nach dem Börsengang von Uniper überzeugt. Beide Unternehmen würden „sich klar und ohne Kompromisse an ihren jeweiligen Kunden“ ausrichten: „Die neue und die klassische Energiewelt unterscheiden sich so sehr voneinander, dass sie nach vollkommen unterschiedlichen unternehmerischen Ansätzen verlangen“, sagte Teyssen.

Davon ist inzwischen auch Peter Terium, der Chef des zweitgrößten Energiekonzerns RWE, überzeugt. Er hatte zunächst gezögert, Ende 2015 seinem Unternehmen aber auch eine Aufspaltung verordnet. Terium entschied sich aber für einen etwas anderen Weg. Er belässt das bisherige Kerngeschäft, die konventionelle Stromproduktion, und den Großhandel bei der RWE AG, und hat im Gegensatz zu Eon das Geschäft mit der Energiewende, also Vertrieb, Netze und erneuerbare Energien, abgespalten.

Seit Anfang des Jahres ist das neue Unternehmen Innogy am Markt. Zunächst führte Terium beide Unternehmen gemeinsam, nach dem Börsengang von Innogy wollte er aber an die Spitze des Newcomers wechseln. „Innogy ist stark aufgestellt, um von den drei Megatrends der Energiewirtschaft zu profitieren: Dekarbonisierung, Dezentralisierung und Digitalisierung“, ist Terium überzeugt.

Auch bei RWE rollen in diesen Wochen die Möbelpacker. Auch hier verlässt der Traditionskonzern die Konzernzentrale in der Nähe des Essener Hauptbahnhofs. Die RWE AG zieht in ein benachbartes, kleineres Gebäude um. Der markante, knapp 130 Meter hohe Turm, der die Skyline von Essen prägt, ist künftig Sitz des neuen Unternehmens Innogy.

Die Energiewende in Deutschland hat auch eine Kernspaltung in der Energiewirtschaft ausgelöst. Aus den zwei größten Energiekonzernen sind vier geworden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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