Berühmte letzte Worte: Der Irrsinn um die Freundlichkeit

kolumneBerühmte letzte Worte: Der Irrsinn um die Freundlichkeit

Kolumne von Ralf Schwartz

"Sei freundlich, aber kein Freund", so die Worte eines Top-Managers. Schöner kann man die Vorurteile der Menschen gegenüber dem Management nicht bestätigen. Unser Autor geht dieser Managementfloskel einmal nach.

Vor wenigen Monaten bekam ich von der Erbin eines kleineren, global operierenden Mittelständlers einen spannenden Auftrag: mit ihr zusammen(!) eine zukunftsfähige Vision entwickeln und in das Unternehmen hineintragen. Wir haben uns gut verstanden, sie war belesen, eloquent und offen für Neues. Genial.
Genial - bis sie mir einen handgeschriebenen Zettel unter die Nase hielt, auf dem "Be friendly, but not a friend" stand, und damit den Auftrag beendete! Das Zitat hatte sie von Henkel-CEO Rorstedt entliehen.

Was für ein Blödsinn, dachte ich. Wie konnte man so abstrus denken wie Rorstedt und niemanden an sich ranlassen?
Und wenn man schon so dachte, wie konnte man so dumm sein, das auch noch laut auszusprechen, um damit jedem auf die Nase zu binden, dass er oder sie für immer auf Abstand gehalten werden würde?

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Wohin bloß würde solch eine Einstellung - geschweige denn öffentlich kommunizierte Aussage - führen? Im Zweifel doch zu der immer wieder zurecht kritisierten gefühlsmäßigen Kälte des (Top-)Managements.

Was richtete man damit nur an!? Denn was bedeutet dieses schicke "Be friendly, but not a friend" im Management-Alltag?
'Schau mir in die Augen. Ich werde Dich zwar immer anlächeln und freundlich behandeln, erwarte aber von mir bloß keine wahren Gefühle, keine Empathie oder Mitleid, keine Solidarität oder Hilfe, wenn es ernst wird'!?

Wer würde in solch einem Unternehmen arbeiten, engagiert und motiviert Höchstleistungen bringen wollen? Wenn in solch einem Unternehmen der Einzelne, sein Schicksal, sein eigentliches Leben nichts zählt. Nur noch ebensolche kalten Karriere-Typen den Ton angeben? Typen, die im Zweifel das effizientere Unternehmen, die höhere Wirtschaftlichkeit kreieren, klar - die uns langfristig aber nicht retten werden können.

Wie sollen Menschen sich in solch einer Umgebung wohlfühlen? Vertrauen zueinander aufbauen, wahrhaft im Team arbeiten, innerhalb des Unternehmens ihren besten Freund finden - wie Marcus Buckingham in 'First, Break all the Rules' jedem empfiehlt, sich kritisch zu fragen?
Indem man den eigenen CEO nicht ernst nimmt? Oder sind wir inzwischen schon soweit, dass dies uns egal ist?

Wie soll ich unter dieser Prämisse unabhängig werden, wenn zu Unabhängigkeit Leidenschaft und Authentizität gehören?
Wie soll ich unter dieser Prämisse brillant werden, wenn zu Brillanz Intuition und Empathie gehören?
Wie soll ich unter dieser Prämisse relevant werden, wenn zu Relevanz Emotion und Weisheit gehören?

Kann man auf diese Art eine Kultur des Miteinander schaffen, in der Vertrauen, Zuverlässigkeit, Engagement und Motivation gedeihen, man sich ernstgenommen, respektiert als Persönlichkeit und geborgen als empathisches Wesen fühlt? In der Inspiration, Kreativität und Innovation gedeihen und reiche Früchte tragen?
Kann man auf diese Art ein Unternehmen führen?

Nein, dort könnte ich nicht glücklich werden. Statt "Sei freundlich, aber kein Freund" folge ich da doch lieber Albert Camus:
"Don’t walk behind me; I may not lead.
Don’t walk in front of me; I may not follow.
Just walk beside me and be my friend."

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