Anne-Marie Slaughter: "Deutschland ist ziemlich sexistisch"

InterviewAnne-Marie Slaughter: "Deutschland ist ziemlich sexistisch"

von Gregor Peter Schmitz

Kind oder Karriere? Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in Deutschland mehr Idee, denn Realität. Die Politologin Anne-Marie Slaughter hat einen Plan für Unternehmen, damit Eltern künftig doch beides haben können.

In der Politik ist sie ein Star. Gerade hat Anne-Marie Slaughter noch bei der Münchner Sicherheitskonferenz zur Lage in Syrien debattiert und den saudi-arabischen Außenminister mit einer Frage, warum Frauen in seinem Land nicht Auto fahren dürfen, in Verlegenheit gebracht. Und den ganzen Tag lang muss sich Slaughter – zwischen 2009 und 2011 Planungschefin im US-Außenministerium unter Hillary Clinton – Terminanfragen beinahe erwehren, so viele Größen der europäischen Politik wollen mit ihr reden.

Warum können Frauen nicht beides haben?

Weltbekannt geworden ist sie aber als Mutter. Seit Slaughter im Jahr 2012 den Artikel „Why Women Still Can’t Have It All“ im US-Magazin „The Atlantic“ veröffentlichte, kennt die ganze Welt ihre familiäre Situation. Darin beschreibt sie, wie sie ihren Topjob in Washington aufgab, weil sie sich um die Entwicklung ihrer Teenagersöhne sorgte. Und darüber, wie schuldig sie sich fühlte, dass sie so viel abladen musste bei ihrem Ehemann, ein Politikprofessor in Princeton, wo Slaughter früher als erste Frau die Woodrow Wilson School of Public and International Affairs leitete.

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Zehn Dinge, mit denen Frauen ihre Karriere riskieren

  • Lieber Spaß als Macht

    Fragt man eine Frau: Was ist Ihnen an ihrem Job wichtig? Lautet die Antwort nicht, mein Firmenwagen, das üppige Gehalt oder der leistungsabhängige Bonus. Nein! Frauen wollen hauptsächlich Spaß an der Arbeit. Während 49 Prozent der Frauen sich ein freundliches Arbeitsumfeld wünschen und 44 Prozent Wert auf vielfältige Arbeitsaufgaben legen, sind nur 16 Prozent auf Prestige und 9 Prozent auf eine rasche Beförderung aus.

  • Keine Ellenbogenmentalität

    Gerade in größeren Abteilungen müssen sich Mitarbeiter häufig gegen ihre Kollegen durchsetzen, um sich Gehör und Respekt beim Chef zu verschaffen. Doch gerade dieser interne Konkurrenzkampf gefällt vor allem Frauen nicht. Eine Umfrage von TNS Emnid und der Axa-Versicherung zeigt, dass über ein Drittel aller Frauen Angst vor dem Konkurrenzkampf mit Kollegen haben. Nur 15 Prozent ihrer männlichen Mitstreiter sorgen sich darum.

  • Übersteigerter Teamgeist

    Teamfähigkeit gilt als einer der wichtigsten Soft-Skills und gerade Frauen bevorzugen diese Form des Arbeitens. Ein Experiment an der Universität Lyon hat gezeigt, dass Männer vor allem dann Teamarbeit nutzen, wenn sie in dem geprüften Bereich nicht so leistungsfähig sind. Frauen arbeiten generell lieber im Team, unabhängig davon wie stark sie selbst auf dem jeweiligen Gebiet sind. Eine durchaus positive Fähigkeit, solange die eigene Leistung nicht vom Können des Teams überschattet wird.

  • Falsche Studienwahl

    Die karriererelevanten Studienfächer sind nach wie vor Wirtschaftswissenschaften, Jura und Ingenieurswissenschaften. Während bei den Wirtschaftswissenschaften im Wintersemester 2010 immerhin 45 Prozent der deutschen Studierenden weiblich waren und bei Jura sogar über die Hälfte, sieht es im Bereich der Ingenieurswissenschaften weiterhin düster aus. Die Maschinenbaustudiengänge verzeichneten gerade einmal einen Frauenanteil von neun Prozent. Bei Elektrotechnik waren es sogar nur sechs Prozent.

  • Zu wenig Selbstbewusstsein

    Frauen verkaufen sich häufig unter Wert und trauen sich selbst viel zu wenig zu. Eine Studie des Beratungsunternehmens Accenture zeigt, dass Frauen sich selbst beschuldigen, wenn es um die Gründe für ihre schlechten Aufstiegschancen geht. 28 Prozent der befragten Damen sagen, ihnen fehlten die nötigen Fertigkeiten für den nächsten Schritt auf der Karriereleiter.  

  • Chefinnen unerwünscht

    Nicht nur Männer wollen keine Frauen als Chef, sogar die weiblichen Arbeitnehmer sind von Frauen in Führungspositionen wenig überzeugt. Nur drei Prozent wollen eine Chefin. Neunmal so viele finden es besser einen Mann als Chef zu haben. Das ergab eine repräsentative Umfrage der Meinungsforscher von Forsa.    

  • Rivalität unter Frauen

    Damit in Zusammenhang könnte das Phänomen der Stutenbissigkeit stehen. Eine Studie der Universität Amsterdam belegt, dass Frauen zwar gut kooperieren können, aber nur so lange sie mit männlichen Kollegen zu tun haben. Sobald sie mit Frauen zusammenarbeiten sollen, ist es um den Teamgeist schlechter bestellt. Ein internationales Forscher Team setzte kürzlich sogar noch einen obendrauf. Sie fanden heraus, dass die Damen besonders schlecht miteinander können, wenn die jeweils andere bei den männlichen Kollegen gut ankommt. 

  • Über Geld spricht man nicht

    Selbst Frauen in Führungspositionen verdienen immer noch deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Eine Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung unter 12.000 Akademikern zeigt die Unterschiede. Ein männlicher Abteilungsleiter verdient etwa 5000 Euro monatlich, sein weibliches Pendant gerademal 3800 Euro. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Frauen bei Gehaltsverhandlungen mit weniger zufrieden sind und andere Faktoren wichtiger finden.

  • Familie oder Beruf? Familie!

    Zugegeben, es ist nicht einfach Familie und Karriere miteinander in Einklang zu bringen. 72 Prozent der Mütter von minderjährigen Kindern halten dieses Unterfangen für schwierig. Und die Mütter sind es letztendlich auch, die in Sachen Karriere den Kürzeren ziehen. Dafür verantwortlich sind die traditionellen Vorstellungen von Familie, die sowohl Männer als auch Frauen immer noch mit sich herumtragen. Während 2010 nur etwa 5 Prozent der Väter mit minderjährigen Kindern in Teilzeit arbeiteten, waren es über 68 Prozent der Mütter.  

  • Der fehlende Wille

    Zu all diesen Karrierehemmnissen kommt ein zentraler Punkt hinzu. Viele Frauen wollen überhaupt nicht aufsteigen. Das Beratungsunternehmen Accenture fand heraus, dass nur jede fünfte Frau ihre Karriere überhaupt vorantreiben will. Ganze 70 Prozent sind mit ihrer aktuellen Position im Unternehmen zufrieden.

Der Artikel avancierte zu einem der meistgelesenen Texte in der Geschichte des US-Journalismus, er löste weltweit Debatten aus. Nun hat Slaughter – mittlerweile Chefin der einflussreichen Washingtoner Denkfabrik New America – ein neues Buch vorgelegt, es heißt: „Was noch zu tun ist. Damit Frauen und Männer gleichberechtigt leben, arbeiten und Kinder erziehen können“. Das Werk erscheint in diesen Tagen auch auf Deutsch.

Ihren Söhnen geht es zwar wieder gut, sie sind aus dem Gröbsten raus, wie man so sagt. Aber Slaughter, 57, hat das Thema, wie sich Familie und Karrieren vereinbaren lassen, nicht mehr losgelassen. Zeit für ein Gespräch, wie das Persönliche durchaus politisch werden kann.

WirtschaftsWoche: Frau Slaughter, vor über drei Jahren haben Sie in einem Magazinartikel beschrieben, wie Sie Ihren Topjob im US-Außenministerium für Ihre Familie aufgegeben haben. Das löste weltweit Debatten aus, vor allem über die Rolle von Frauen. Ihr neues Buch zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf wendet sich aber gezielt an Männer. Warum?
Frau Anne-Marie Slaughter: Die Zuschriften, die mich nach dem Artikel am meisten überrascht haben, kamen von Männern. Sie schrieben mir, dass sie auch das Gefühl hatten: „Ich kann nicht alles haben“, eben Familie und Beruf, und wie sehr sie darunter litten. Diesen Männern war klar, dass sie ähnliche Einschränkungen im Berufsleben erfahren würden, wenn sie sich genauso viel wie ihre Partnerinnen um ihre Kinder kümmerten. Aber im Gegenzug würden sie etwas zurückbekommen, sie könnten nämlich eine viel stärkere Rolle im Leben ihrer Kinder spielen.

Sie klingen, als sorgten Sie sich um die Männer.
Wenn ich Vorträge zu diesem Thema halte, kommen etwa so viele Männer wie Frauen als Zuhörer. Sie machen sich Gedanken – etwa ob Frauen sie noch genauso stark, sexy und männlich finden, wenn sie Hausmann statt Vorstandsvorsitzender werden. Ich finde so einen Mentalitätswandel ganz wichtig, wir müssen Männern dieses Umdenken erleichtern. Aber noch einmal: Alle Mentalitätsveränderungen werden nicht reichen, solange sich in der Wirtschaft nicht etwas Grundlegendes für Eltern verbessert. Nur ein Beispiel: Kinderlose Frauen verdienen etwa in den Vereinigten Staaten fast genauso viel wie ihre Kollegen, aber Mütter rund 25 Prozent weniger. Das ist eine Diskriminierung von Elternschaft, die beide Geschlechter treffen kann. Wir werden keine echte Gleichberechtigung von Eltern im Berufsleben schaffen, solange unsere Arbeitswelt und die Infrastruktur für Kinderbetreuung sich nicht radikal ändern, und zwar für Frauen und Männer.

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