Arbeitsmarktreformen in Frankreich: Was ein E-Mail-Verbot nach Feierabend bringt

Arbeitsmarktreformen in Frankreich: Was ein E-Mail-Verbot nach Feierabend bringt

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Wider die dauerhafte Erreichbarkeit.

Die geplanten Arbeitsmarktreformen in Frankreich sorgen für heftige Proteste. Eine Idee aus dem Maßnahmenpaket ist auch der deutschen Wirtschaft nicht fremd: ein E-Mail-Verbot nach Feierabend.

Frankreich plant eine Liberalisierung des Arbeitsrechts und des Arbeitsmarktes. Gewerkschaften und viele Franzosen laufen Sturm gegen die geplanten Veränderungen der Regierung. Rund 46 Prozent der Franzosen sind dafür, dass die Regierung die bereits beschlossene Reform völlig zurückzieht. Weitere 40 Prozent fordern Nachbesserungen. Das ergab eine Ifop-Umfrage für die Sonntagszeitung „Le Journal du Dimanche“ (JDD).

Die Arbeitsrechtsreform erlaubt es Unternehmen, Tarifverträge mit Betriebsvereinbarungen zu unterlaufen, und erleichtert Entlassungen aus wirtschaftlichen Gründen.

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In dem Maßnahmenpaket enthalten ist jedoch auch ein Punkt, der den französischen Arbeitnehmern entgegenkommen dürfte. Die Regierung sagt nämlich der dauerhaften Erreichbarkeit den Kampf an. Denn die hat gesundheitliche Folgen. Wer auch nach Feierabend ständig für Kollegen, Kunden und Vorgesetzte ansprechbar sein muss oder das Gefühl hat, dass es von ihm erwartet wird, der leidet deutlich häufiger unter Bunrout und psychischen Erkrankungen. Nicht abschalten können oder dürfen, macht auf Dauer krank.

Diese Dinge auf der Arbeit können krank machen

  • Überstunden

    Die Folgen von permanenten Überstunden können Angst, Depressionen, Schlafstörungen, Feindseligkeit, Irritation als auch Herz-Kreislauf-Schwäche sein. Vor allem Schichtarbeit erhöht laut Report das Risiko für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall.

    Die Initiative Gesund und Arbeit hat in ihrem Report untersucht, welche Faktoren auf der Arbeit möglicherweise krank machen können.

  • Geringer Handlungsspielraum

    Wer wenig Handlungsspielraum bei der Arbeit hat, erkrankt laut Untersuchung mit höherer Wahrscheinlichkeit an Bluthochdruck. "Je geringer der Handlungsspielraum, desto höher der systolische Blutdruck", heißt es. Deshalb bewertet die IGA das Fehlen eines Handlungsspielraumes als Gesundheitsrisiko.

  • Arbeitsintensität

    Wenn die Arbeitsbelastung über einen längeren Zeitraum enorm stark ausfällt, besteht laut Studie die Gefahr, dass Arbeitnehmer an psychischen Störungen oder Depressionen erkranken. Für somatische Erkrankungen sei kein Risikofaktor nachweisbar gewesen.

  • Mobbing

    Mobbing, aber auch sexuelle Belästigungen führen möglicherweise zu Depressionen und Angstzuständen.

  • Mangelnde soziale Unterstützung

    Mit sinkender sozialer Unterstützung steigt laut Report das Risiko für Depressionen.

  • Rollenstress

    Wer seine Rolle bei der Arbeit nicht genau kennt – oder aufgrund seiner Arbeitsrolle Konflikte austragen muss, hat laut Studie ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Angst und Anspannung.

  • Job-Strain-Modell

    Dieses Modell beruht auf der Annahme, dass beruflicher Stress insbesondere dann entsteht, wenn der Arbeitnehmer gleichzeitig hohen Anforderungen und geringem Kontroll- und Entscheidungsspielraum ausgesetzt ist.

    Die Folgen können psychische Erkrankungen, Bluthochdruck, Herzinfarkt und Diabetes sein.

  • Keine Anerkennung

    Geforderte Verausgabung ohne Belohnung kann laut Report zu psychischen Beeinträchtigungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen.

  • Pendeln

    Pendler neigen laut Studie eher dazu, gestresst zu sein.

  • Befristete Verträge

    Befristete Verträge sowie Leih- und Zeitarbeit können zu Gesundheitsbeeinträchtigungen führen. Das liegt laut Report daran, dass diese Arbeitnehmer das Leben nicht vorausschauend planen können, sich dem Unternehmen nicht zugehörig fühlen und meistens geringer entlohnt werden als andere Mitarbeiter.

  • Arbeitsplatz-Unsicherheit

    Arbeitsplatzunsicherheit kann laut Untersuchung zu einem signifikant erhöhten Risiko von psychischen Beeinträchtigungen wie Angst, Depressionen und Stresserleben führen sowie zu kardiovaskulären Erkrankungen.

Auch in Frankreich steigt die Zahl der psychischen Erkrankungen und damit bedingten Arbeitsausfällen. Deshalb sollen französische Chefs in Zukunft weder nach Feierabend noch am Wochenende dienstliche E-Mails an ihre Angestellten schicken dürfen. Denn eine E-Mail vom Chef setzt Angestellte unter einen ganz anderen Druck als Mails von Kollegen. Gelten soll das Gesetz für alle Unternehmen mit mindestens 50 Mitarbeitern.

Arbeitsministerin Nahles hatte ähnliche Pläne

Auch in Deutschland war die dauerhafte Erreichbarkeit schon Thema der Politik. 2014 hatte Arbeitsministerin Andrea Nahles angekündigt, Kriterien für eine Anti-Stress-Verordnung vorzulegen. „Es gibt unbestritten einen Zusammenhang zwischen Dauererreichbarkeit und der Zunahme von psychischen Erkrankungen, das haben mittlerweile auch die Arbeitgeber anerkannt“, sagte sie damals. Es sei allerdings eine Herausforderung, diesen Schutz vor dienstlichen Mails und Anrufen gesetzlich umzusetzen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sollte prüfen, ob und wie es möglich sei, „Belastungsschwellen“ festzulegen.

Doch was den einen stresst, stört den anderen kein bisschen. Deshalb gibt es in Deutschland keine allgemein gültigen Regeln, die den Betrieben den Umgang mit Dienstmails vorschreiben.

Zwei bekannte Beispiele, wie so eine Lösung aussehen kann, sind Volkswagen und Daimler: 2011 setzte der Betriebsrat von VW durch, dass eine halbe Stunde nach Feierabend die Weiterleitungen vom E-Mail-Server auf die Handys der Arbeitnehmer abgeschaltet wird. Eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn am nächsten Tag werden die Server wieder eingeschaltet.

Die Daimler-Mitarbeiter können seit 2014 ihre Mails, die während ihres Urlaubs ankommen, einfach löschen lassen. Das verhindert überquellende Postfächer nach der Rückkehr. Außerdem gerät niemand in Versuchung, vor seinem ersten Arbeitstag schon mal die aufgelaufenen E-Mails zu lesen.

Arbeitsmarkt Frankreich Kampf um die 35-Stunden-Woche

Die Produktionsstätte des kleinen Daimler in Lothringen steht Pate für eine Revolution des Arbeitsmarkts: das Ende der 35-Stunden-Woche.

Frankreich: Reform des Arbeitsmarktes treibt tausende Franzosen zu Demonstrationen. Quelle: imago

Solche Maßnahmen per Gesetz - da könnte man sich als Angestellter doch drüber freuen. Doch die Franzosen beklagen, dass die französische Arbeitsmarktreform ja der Liberalisierung dienen und Unternehmen nicht noch mehr Vorschriften einbringen sollte. Hinzu kommt der Kern des Gesetzes selbst: die Email. Die Gegner des französischen E-Mail-Verbots fragen völlig zu Recht: Was ist mit Whatsapp-Nachrichten? Mit Anrufen? Mit Kommunikationsmitteln, die es erst nächstes Jahr geben wird? Viele rechnen damit, dass das Gesetz schon in kurzer Zeit irrelevant sein wird.

Und zumindest für Deutschland gilt: Einen Großteil der Arbeitnehmer stört die dauerhafte Erreichbarkeit überhaupt nicht. 40 Prozent der Deutschen würde einen Anruf des Chefs in der Freizeit getrost ignorieren. Nur zehn Prozent würden den Boss bei einem verpassten Anruf sofort zurückrufen.

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