Arbeitswelt: Digitale Erschöpfung

GastbeitragArbeitswelt: Digitale Erschöpfung

, aktualisiert 22. August 2017, 11:40 Uhr
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Markus Albers (1969) lebt als Autor, Berater und Unternehmer in Berlin. Er ist Mitgründer und Geschäftsführender Gesellschafter von Rethink sowie Gründer der Beratungsplattform Neuwork.

Das Neue Arbeiten ist zum Mainstream geworden. Aber die Anzeichen mehren sich, dass mehr Flexibilität und Mobilität neue Probleme mit sich bringen. Ein neues Sachbuch plädiert für eine gesellschaftliche Debatte über die Schattenseiten des Trends.

Das eigentliche Versprechen der Neuen Arbeit war es nie, Technik um ihrer selbst willen einzusetzen. Es ging darum, mit neuen, intelligenteren Arbeitsweisen effizienter zu sein. Dann zu arbeiten, wenn man am produktivsten ist. Zwischendurch private Dinge erledigen zu können und so die Arbeit von acht oder neun Stunden in fünf zu erledigen. Das geht, davon bin ich fest überzeugt, das habe ich oft genug selbst ausprobiert. Die spannende Frage ist ja nur, was wir mit den gewonnenen drei bis vier Stunden machen sollen? Nach meiner Theorie: Alles, bloß nicht arbeiten!

Zum Autor

  • Markus Albers

    Markus Albers lebt als Autor, Berater und Unternehmer in Berlin. Seine Bücher "Meconomy", "Rethinking Luxury" und der Business-Bestseller "Morgen komm ich später rein" wurden vielfach besprochen und in fünf Sprachen übersetzt. Sein neues Buch "Digitale Erschöpfung", aus dem dieser Text entnommen wurde, ist gerade im Hanser-Verlag erschienen.

Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus: Wir quetschen immer Leistung und Ergebnisse in unseren Tag, stehen ständig unter Strom, schalten nie ab. "Arbeitsverdichtung" nennen Experten das. Klingt harmlos, ist es aber nicht. Schon weil die Arbeit längst auch unser Privatleben erreicht hat. "Lebensverdichtung" wäre ein passenderer Begriff. Die Manie, To-do-Listen abzuarbeiten, wird zum Mantra.

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Einige Zahlen: 84 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer sind erreichbar, nachdem sie das Büro verlassen haben. 46 Prozent geben an, keine 5-Tage-Woche zu haben, sondern auch abends und an den Wochenenden zu arbeiten. Die Deutschen leisten durchschnittlich rund drei Überstunden pro Woche, und nicht einmal die Hälfte dieser Überstunden wird bezahlt. Tendenz steigend. Zudem ist die Mehrheit der Beschäftigten auch während des Sommerurlaubs für Kollegen, Vorgesetzte und Kunden erreichbar. 67 Prozent antworten auf dienstliche Anrufe, E-Mails oder Kurznachrichten, so eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. 20 Prozent arbeiten mit ihrem Smartphone, Tablet oder Computer, kurz bevor sie schlafen gehen.

Kein Wunder also, dass Krankenkassen Alarm schlagen. Über 50 Prozent aller von ihnen Befragten haben regelmäßig Schlafprobleme, 13 Prozent sogar jede Nacht. Die Zahl der Fälle von psychischen Erkrankungen, die wohl auf Stress zurückzuführen sind, stieg seit 1994 um 120 Prozent. Durch psychische Erkrankungen verursachte Fehlzeiten erhöhten sich in den letzten zehn Jahren um 40 Prozent. "Flexibilität braucht klare Schranken", mahnt die AOK. Ein frommer Wunsch – der Trend geht in die andere Richtung: Mehr als zwölf Prozent der Vollerwerbstätigen arbeiten über 48 Stunden pro Woche – also mehr als gesetzlich erlaubt, bei den Selbstständigen sind es sogar 53 Prozent. All das kostet nicht zuletzt eine Menge Geld: Die wirtschaftlichen Kosten belaufen sich auf 225 Milliarden Euro pro Jahr – eine Zahl, die weiter steigen wird.

"Digitale Erschöpfung: Wie wir die Kontrolle über unser Leben wiedergewinnen" von Markus Albers ist Ende August im Hanser-Verlag erschienen. Quelle: Presse

"Digitale Erschöpfung: Wie wir die Kontrolle über unser Leben wiedergewinnen" von Markus Albers ist Ende August im Hanser-Verlag erschienen.

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Deutsche Arbeitgeber und Gewerkschaften streiten sich derweil nicht nur um die Lösung des Problems, sondern über die Frage, ob es überhaupt eines gibt. Politiker scheinen unsicher, auf welche der beiden Seiten sie sich schlagen sollen. So fordern Gewerkschaften schon seit Längerem eine sogenannte Anti-Stress-Verordnung. Diese soll verhindern, dass Angestellte mehr als acht Stunden täglich arbeiten und während der Freizeit berufliche E-Mails erledigen müssen. Arbeitgeber hingegen wollen, dass betriebliche Schutzmaßnahmen freiwillig bleiben und drängen in die entgegengesetzte Richtung.

Weil nach Rechnung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) mittlerweile zwei Drittel aller Beschäftigten einen digitalisierten Arbeitsplatz haben, fordert ihr Präsident Ingo Kramer eine Deregulierung des Arbeitszeitgesetzes, vor allem der sogenannten Mindestruhezeit von elf Stunden. Das Arbeitszeitgesetz schreibt den Acht-Stunden-Tag vor, lässt aber schon jetzt viele Ausnahmen zu. Der Arbeitgeberpräsident fordert stattdessen, das Arbeitszeitrecht von einer Tageshöchstarbeit auf eine Wochenarbeitszeit umzustellen.

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