Bedrückender Blick auf heutige Arbeitswelt: Immer schön funktionieren und optimieren

ThemaBüro

InterviewBedrückender Blick auf heutige Arbeitswelt: Immer schön funktionieren und optimieren

Bild vergrößern

Philipp Schönthaler, geboren 1976 in Stuttgart, studierte in Vancouver Anglistik und Kunst. Er war bis 2011 Dozent an der Universität Konstanz und ist seither freier Schriftsteller. Für sein Erstlingswerk "Nach oben ist das Leben offen" erhielt er 2013 den Clemens-Brentano-Preis.

von Ferdinand Knauß

Die ganz normalen Abgründe der Arbeitswelt zeigt der Schriftsteller Philipp Schönthaler in einem bedrückenden Roman auf. Ein Gespräch über emotionale Selbstoptimierer, lückenlose Lebensläufe und die Rolle der Literatur.

WirtschaftsWoche: Vom poetischen Titel Ihres Romans „Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn“ darf man nicht auf den Inhalt schließen. Sie präsentieren darin eine hocheffiziente Welt der Produktmanager, der Coaches und Headhunter, die mit fröhlichem Gesang nichts zu schaffen haben. Ist das wirklich die Lebenswelt der so genannten Hochqualifizierten?

Philipp Schönthaler: Mein Anspruch liegt weniger in einer realistischen Darstellung. Mir geht es eher darum zu fragen, wie diese heutige Arbeitswelt funktioniert. Wie der Diskurs der Unternehmensberater und die Ideen, die dahinter stecken, die institutionell verankerten Coachings, die Bewerbungsverfahren und Personalevaluierungen der Unternehmen das Selbstbild und Verhalten der Menschen prägen. So ist in jedem Test- oder Evaluationsbogen aus dem Personalbereich eine Erzählung darüber angelegt, wie Menschen funktionieren und funktionieren sollen. Und entscheidend ist eben, dass die Adressierung immer eine doppelte ist: Eine Leistung wird als Istzustand registriert, aber sie wird immer auch als Potential evaluiert, das heißt als Möglichkeit und Maßgabe der Verbesserung. Ein anderes Beispiel, das mich im Roman interessiert, sind die Firmenzentralen heutiger Großkonzerne. Auch hier, in diesen transparenten Glasbauten mit atmosphärischen work spaces und Entspannungsoasen, materialisieren sich sehr präzise Vorstellungen eines erwünschten Menschen.

Anzeige

Philipp Schönthaler, "Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn", Matthes & Seitz Berlin 2013 Quelle: Matthes & Seitz

Philipp Schönthaler, "Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn", Matthes & Seitz Berlin 2013

Bild: Matthes & Seitz

Die Personen ihres Romans optimieren nicht nur ihr Unternehmen oder ihre Arbeit, sondern sich selbst – zumindest versuchen sie es. Karriere-Manager Erik redet sich beim leisesten Selbstzweifel immer wieder ein, dass er gut ist, seine Trainerin Pamela bekämpft ihre Schlaflosigkeit nach neuesten Methoden im Schlaflabor, und die erfolglose Dauerbewerberin Rike geht zum Psychotherapeuten, um ihre Aufregung in den Griff zu kriegen.   

Meine Romanfiguren können eben keine Grenze mehr ziehen zwischen dem beruflichen Selbst und dem privaten. Diese Grenze ist kollabiert. Und daher rührt vielleicht auch eine klaustrophobische Stimmung im Roman. Dies ist ja gerade die Logik der Management- und Coachingliteratur, dass ich immer schon selber beides in einer Person bin: Beobachter und Beobachteter, Prüfer und Prüfling.  

Und Gefühle spielen in dieser Welt der totalen Effizienzsteigerung keine Rolle?

Im Gegenteil, in Management-Ratgebern gehören die emotionalen neben den kommunikativen Kompetenzen zu den Schlüsselqualifikationen. Um eine gute Führungskraft zu sein, muss ich meine Gefühle gut kennen, beherrschen und einsetzen können, um andere mitzureißen. Das entscheidende ist meiner Meinung nach, dass die Emotionen als Sozialkompetenz zu etwas Formbaren geworden sind: Emotionen lassen sich nun gleichfalls managen und das heißt eben auch effizient und besser einsetzen.    

Mitarbeiterevaluationen und Bewerbertests spielen in ihrem Buch eine zentrale Rolle. Sie zitieren ausführlich aus solchen Fragebögen.

Sie sind nicht neu, werden von Personalabteilungen aber doch immer öfter eingesetzt. Im Einzelfall mag man über den Nutzen oder Nachteil dieser Verfahren streiten. Es ist jedoch wichtig festzustellen, dass diese Bewerbungs- und Evaluationsverfahren keine neutralen Medien sind, die bestimmte Leistungen objektiv aufzeichnen. Diese Tests schaffen, indem sie eingeführt werden, auf vielfältige Weise eine Wirklichkeit, indem sie immer auch mit produzieren, was sie lediglich zu messen vorgeben. Sei es, dass die Getesteten sich nun gezielt an den Prüfungskriterien ausrichten können und müssen, sei es, dass bestimmte Bereiche überhaupt erst als quantifizier- und messbare Eigenschaften in den Blick geraten – wie es beispielsweise mit den angesprochenen Emotionen der Fall ist, die von der Managementliteratur in den 90er Jahren plötzlich als modellierbare Kompetenzen in den Fokus rücken.  

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%