Betriebliches Gesundheitsmanagement: Manager sollten Krisen ihrer Mitarbeiter ernst nehmen

Betriebliches Gesundheitsmanagement: Manager sollten Krisen ihrer Mitarbeiter ernst nehmen

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Scheidung, Krankheit, Tod: viele psychische Erkrankungen haben ihren Ursprung in persönlichen Krisen und nicht im Job. Auf den können sie sich jedoch sehr stark ausweiten.

Psychische Erkrankungen sind einer der Hauptgründe, warum Arbeitnehmer längere Zeit ausfallen. Deren Zahl steigt, was oft an persönlichen Krisen liegt und nicht am Job. Und auch bei deren Bewältigung können Chefs helfen.

Der aktuelle Fehlzeiten-Report der AOK-Versicherung zeigt: psychische Erkrankungen sind einer der Hauptgründe für Arbeitsausfälle. Und die Zahl der psychischen Erkrankungen, die für längere Ausfälle sorgen, ist den vergangenen zehn Jahren mit 79,3 Prozent überproportional stark gestiegen.

Das liegt allerdings nicht nur an gestiegener Arbeitsbelastung, hohen Erwartungen oder anderweitigen Jobstressoren. Vielfach haben die psychischen Erkrankungen ihren Ursprung im Privatleben, wie das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) in einer repräsentativen Befragung von 2000 Beschäftigten herausgefunden hat.

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Scheidung, Krankheit der Eltern, Tod eines Angehörigen oder Freundes: "Etwa die Hälfte der Erwerbstätigen war in den letzten fünf Jahren von einem kritischen Lebensereignis betroffen", so Helmut Schröder, Stellvertretender Geschäftsführer des WIdO. Derartige Ereignisse sind selbstverständlich nicht nach ein paar Tagen Sonderurlaub verarbeitet, die Arbeitnehmern in derartigen Krisenfällen zustehen. "Die Folgen sind für Beschäftigte und Arbeitgeber gravierend", bestätigt Schröder.

Hochzeit, Geburt, Tod: Wofür es Sonderurlaub gibt - und wie lange

  • Gesetzlicher Anspruch

    Wer arbeitet, hat einen gesetzlichen Anspruch auf Urlaub. Einen rechtlich legitimierten Anspruch auf Sonderurlaub gibt es ebenfalls. Dieser ist in Paragraph 616 des Bürgerlichen Gesetzesbuches geregelt. Dort steht: "Der zur Dienstleistung Verpflichtete wird des Anspruchs auf die Vergütung nicht dadurch verlustig, dass er für eine verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit durch einen in seiner Person liegenden Grund ohne sein Verschulden an der Dienstleistung verhindert wird. […]"

    Was das Gesetz allerding nicht regelt, ist, wie lange es Sonderurlaub für welche Eventualitäten gibt. Viele Unternehmen orientieren sich deshalb an einer Regelung für den öffentlichen Dienst.

  • Geburt des eigenen Kindes

    Viele Unternehmen gewähren einen Tag Sonderurlaub für Papas. Die Mütter haben ja ohnehin Mutterschutz.

  • Tod des (Ehe)-Partners

    In diesem Fall, wie auch beim Tod der Eltern oder Geschwister gewähren viele Firmen zwei Tage Sonderurlaub.

  • Schwere Krankheit eines Angehörigen

    Bei einer schweren Erkrankung eines im Haushalt lebenden Angehörigen gewähren Arbeitgeber in der Regel einen Tag Sonderurlaub pro Jahr.

  • Schwerer Erkrankung eines Kindes

    Wenn das eigene Kindes - welches das 12. Lebensjahr noch nicht vollendet hat – schwer krank wird, gibt es vier Tage Sonderurlaub im Jahr.

  • Umzug

    Wer (aus betrieblichen Gründen) umziehen muss, bekommt einen Tag Sonderurlaub. Viele Unternehmen gewähren grundsätzlich einen Tag Sonderurlaub für Wohnortwechsler - ob es nun betrieblich notwendig ist und ob es innerhalb der selben Stadt ist oder nicht.

  • Dienstjubiläum

    Beim 25-jährigen und beim 40-jährigen Arbeitsjubiläum bekommen viele Arbeitnehmer einen Tag Sonderurlaub.

  • Hochzeit

    Nicht nur für die eigene Hochzeit gibt es häufig einen arbeitsfreien Tag, auch bei Feierlichkeiten und Jubiläen der Eltern oder Silberhochzeit gibt es häufig einen freien Tag.

  • Dringende Arzttermine

    Eine zwingende ärztliche Behandlung, die nur außerhalb der vereinbarten Arbeitszeit erfolgen kann, rechtfertigt ebenfalls Sonderurlaub - oder freie Stunden.

Gemäß der Befragung des WIdO sind die häufigsten Ursachen für psychische Belastungen bei Arbeitnehmern:

  • kritische Lebensereignisse (37,6 Prozent, bei den 50- bis 65-Jährigen sind es sogar 64,7 Prozent)
  • Konflikte im privaten Umfeld (16 Prozent)
  • eine schwere Erkrankung von Angehörigen (zwölf Prozent)
  • finanzielle Probleme (elf Prozent)

Die Befragungsergebnisse zeigen aber auch, dass Führungskräfte bei akuten Krisen der Mitarbeiter eine wichtige Rolle spielen. "Kritische Lebensereignisse bei Beschäftigten können ein 'Stresstest' für die Stabilität der beiderseitigen Beziehung zwischen Unternehmen und Mitarbeiter sein", sagt Schröder.

Viele Unternehmen in Deutschland wissen um die hohe Relevanz betrieblicher Angebote bei Krisenereignissen. Die Deutsche Bahn beispielsweise bietet ihren Mitarbeitern professionelle, anonyme Unterstützung in Krisensituationen. Das gilt sowohl für Lokführer, die in Personenunfälle verwickelt sind, als auch für alle anderen Mitarbeiter, die ein einschneidendes Erlebnis verarbeiten müssen.

Symptome einer Depression

  • Müdigkeit

    Deutliche Geschlechtsunterschiede finden sich bei der sogenannten unipolaren Depression, von der Frauen doppelt so häufig betroffen sind wie Männer. Diese Form ist gekennzeichnet durch Symptome wie verminderten Antrieb oder gesteigerte Müdigkeit, ...

  • Depressive Stimmung

    ... depressive Stimmung in einem ungewöhnlichen Ausmaß, die fast jeden Tag mindestens über zwei Wochen hinweg auftritt, ...

  • Keinerlei Freude

    ...Verlust an Interessen, keinerlei Freude mehr an Tätigkeiten, die einem früher mal Spaß und Befriedigung gebracht haben, ...

  • Selbstvertrauen

    ...Verlust des Selbstvertrauens und des Selbstwertgefühls sowie Selbstvorwürfe und Selbstzweifel,...

  • Konzentration

    ...Konzentrationsschwäche, Schlafstörungen, Appetitverlust oder gesteigerter Appetit.

    (Quelle: Ursula Nuber, "Wer bin ich ohne dich?", Campus-Verlag)

Das ist nicht bloß eine nette, menschliche Geste. Es rechnet sich auch langfristig für den Arbeitgeber. "Dank unserer umfassenden Betreuungsangebote gelingt den Mitarbeitern auch nach traumatischen Erlebnissen fast immer die berufliche Wiedereingliederung", bestätigt Christian Gravert, Leiter des Gesundheitsmanagements bei der Deutschen Bahn AG.

Und auch Schröder sagt: "Wenn Krisen sowohl aus Sicht des Betriebs als auch des betroffenen Beschäftigten gut gemeistert werden, können beide Seiten gestärkt aus ihr hervorgehen."

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