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Buchrezension: Hilfe, mein Chef ist ein Affe!

von Thorsten Giersch Quelle: Handelsblatt Online

„Chefs sind auch bloß Affen in Anzügen“, sagt Patrick van Veen. Der Biologe und Unternehmensberater glaubt, dass tierisches Verhalten in Konzernen an der Tagesordnung ist und erklärt, wie Sie mit solchen Vorgesetzten auskommen.

Ein Gorilla im Zoo von Sydney. Quelle: Reuters
Ein Gorilla im Zoo von Sydney. Quelle: Reuters

An die Berühmtheit von King Kong kommt Richard „Dick“ Fuld nicht heran. Aber gleich danach reiht sich der frühere Chef von Lehman Brothers ein in die Reihe der berühmtesten Gorillas der Welt.

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Denn so wurde Fuld genannt – offenbar nicht ohne Grund: Denn sein Verhalten als Investmentbanker erinnerte laut Zeitzeugen stark an das eines Gorillamännchens, das die Konkurrenz in die Schranken wies und mit seinem Auftreten die Umgebung einschüchterte. Besonders unglücklich war Fuld über seinen Spitznamen nicht: Er stellte sich einen großen Stofftier-Gorilla ins Büro.

Patrick van Veen hat jahrzehntelang die Parallelen zwischen den Verhaltensweisen von Managern und Primaten vergleichen. Er war jahrelang Projektleiter in einem Versicherungsunternehmen. Van Veen gibt Seminare und schreibt Bücher. Jetzt ist gerade sein neues Werk „Hilfe, mein Chef ist ein Affe!“ erschienen. Mit „Chef“ meint er nicht nur Vorstand oder Geschäftsführer einer Firma, sondern jeden, der „Verhalten beeinflussen will“, also auch Abteilungsleiter und so weiter.

Tyrannosauros Boss

Der Milchbaron Theo Müller ist als streitbarer Sturkopf bekannt. Bis er kürzlich Heiner Kamps in die Gruppe holte, duldete er lange kaum andere Manager lange in wichtigen Positionen. Seine Söhne spürten den dominanten Patron ebenfalls. "Taucht der Vater auf, werden die Söhne zu Zwergen", erklärte einmal ein Ex-Mitarbeiter.

Auch bei der Sanierung ist er wenig zimperlich. Als er 2004 den Ratiopharm-Manager Klaus Rättig holte um einen Großteil der Arbeitsplätze in der Verwaltung einzusparen, soll Müller gefordert haben: "Es muss Blut fließen."

Wirklich wütend wird der "Polterpatriarch", wie ihn das „Manager Magazin“ betitelte aber wenn es um Greenpeace geht. Die Aktivisten führten eine Kampagne gegen "Genmilch" von Müller, der beglückwünschte seine Werksschützer dafür, dass sie Greenpeace-Aktivisten mit einem Feuerwehrschlauch vertrieben. Bei einer anderen Protestaktion lief er selbst mit vors Werktor und soll persönlich in Handgreiflichkeiten verwickelt gewesen sein, bei dem Fotografen verletzt und ihre Ausrüstung beschädigt wurden. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Augsburg wegen des Verdachts der Körperverletzung wurden gegen Zahlung von 45.000 Euro an karitative Einrichtungen eingestellt.

Quelle: dpa

Van Veen identifiziert gewisse Grundfehler unseres Bürolebens. Eines davon ist bei vielen Führungspersonen die übertriebene Suche nach einer schnellen Lösung. Dabei gebe es deutlich effektivere Lösungen, um das Wohl des Unternehmens zu fördern. Wer zur Wurzel des Problems vordringt, behebt Probleme langfristiger und kann Verhaltensweisen der Mitarbeiter besser beeinflussen.


Führungskräfte brauchen noch viel Übung

Nun stellt sich die Frage, was an unserem Fehlverhalten eigentlich Schuld ist: Die Gene? Nicht mehr und nicht weniger als die anderen beider Pfeiler unseres Verhaltens, schreibt van Veen, nämlich die Umwelt und die Persönlichkeit.

Der studierte Biologe erinnert gleich zu Beginn an die bekannte Tatsache, dass uns nur 1,6 Prozent unserer Gene vom Schimpansen unterscheidet. Und gemeinsam ist uns vor allem der Drang zum Denken und zum Lernen. Und das geschieht in erster Instanz durch Beobachtung, dann dadurch, die  Ursache zu erkennen und schließlich den Zweck zu erkennen.

Damit der Chef zum guten Verhaltensforscher wird, muss er diese drei Schritte durchlaufen, was laut van Veen nur selten gelingt: „In der Praxis brauchen Führungskräfte oft noch viel Übung.“

An dieser Stelle fügt der Autor eine Reihe von Ratschlägen á la „Es ist nicht immer so, wie es scheint“ an. Das kommt gut, aber auch ein wenig altbacken daher. Dennoch ist diese Passage eine hilfreiche Gedächtnisstütze, um alltägliche Fehler zu vermeiden.

Eine weitere Parallele zwischen einer Affengruppe und einem Unternehmen ist die strenge Hierarchie. Bei unseren genetischen Verwandten dreht sich alles um die Rangordnung – und auch bei Firmen ist die Frage, wie hierarchisch sie organisiert sind, von entscheidender Bedeutung.


Die Führung muss man sich verdienen

Und in beiden Fällen gilt: Wer auf dem Papier die Macht hat, hat in der Praxis nicht automatisch auch das Sagen. Im Affenrudel muss man sich die Führerschaft verdienen. Bei uns Menschen siegt eher rhetorisches Imponiergehabe als körperliche Kraft. Hier gelingt van Veen eine zugleich humorvolle wie auch interessante Darstellung der Parallelen von Affen und Angestellten im alltäglichen Büroleben.

Das Buch von Patrick van Veen ist unterhaltsam, aber viel mehr auch nicht. Zwar bietet es einige nette Denkanstöße und es dürfte nur sehr wenige Führungsfiguren geben, die von sich behaupten können, all die Ratschläge wirklich zu befolgen.

Der Untertitel des Buches sagt: „Ganz natürliche Erklärungen für unser Verhalten.“ Entsprechend sollte der Leser keinen großen Nutzwert erwarten, sondern „Erklärungen“. Aber auch die können durchaus spannend zu lesen sein.

Bibliografie:

Patrick van Veen

Hilfe, mein Chef ist ein Affe! Ganz natürliche Erklärungen für unser Verhalten

Knaus Verlag, München 2011

188 Seiten

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