"Coworking Toddler": Wenn die Krabbeldecke im Gemeinschaftsbüro liegt

"Coworking Toddler": Wenn die Krabbeldecke im Gemeinschaftsbüro liegt

Gemeinschaftsbüros sind in den Großstädten schon normal. Ein solches "Cowork Space" in Berlin hat jetzt aber ein besonderes Angebot: Das Kleinkind darf mit in die Laptopzone. So viele Eltern auf einem Haufen, kann das gutgehen?

Die Babypause ist vorbei, der Job ruft. Wohin mit dem Kind? Vor dieser Frage stehen viele Mütter und Väter. Die Großeltern: wohnen oft weiter entfernt. Ein Kindermädchen: teuer, manchmal gewöhnungsbedürftig als Mitbewohnerin. Bleibt die Kindertagesstätte. Vielen Eltern fällt es aber schwer, sich vom Kind zu trennen, wenn es noch im Windelalter ist. Tränen an der Kita-Tür inklusive.

Arbeiten zu Hause, das ist oft nur theoretisch eine gute Idee. Da ist die Ablenkung: Das Kind verwüstet die Wohnung, zwischendurch wird die Waschmaschine angeworfen. So hat es die Anwältin Sandra Runge (37) erlebt. Die Mutter von zwei Söhnen gehört zum Team von „Coworking Toddler“.

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Das Berliner Projekt verbindet die Idee des Gemeinschaftsbüros (Coworking Space) mit Kindern im Krabbelalter (Toddler). „Man hat die Möglichkeit, ohne schlechtes Gewissen zu arbeiten, weil man den Kontakt und die Nähe zu den Kindern hat“, sagt Runge.

Was bei Müttern und Vätern zu kurz kommt

  • Beruf

    Der Beruf ist das Schlusslicht unter den Dingen, die Eltern zu kurz kommen: Gerade mal 12 Prozent der befragten Mütter und 8 Prozent der befragten Väter fanden, sie würden zu wenig Zeit in ihre Arbeit investieren.

    Befragt wurden liierte Eltern von Kindern unter 16 Jahren, die angaben, nicht allen Anforderungen gerecht zu werden.

    Quelle: Inst. für Demoskopie Allensbach

  • Freunde

    Ob die eigenen Freunde zu kurz kommen oder nicht, wird geschlechtsspezifisch differenziert wahrgenommen: Zwar findet auch fast ein Drittel (32 Prozent) der befragten Frauen, dass sie ihren Freunden nicht genug Zeit widmen, bei den Männern sind es mit 56 Prozent jedoch erheblich mehr.

  • Haushalt

    Hier ist die Diskrepanz zwischen Mann und Frau nicht ganz so groß wie bei der unterschiedlichen Wahrnehmung in Bezug auf die Vernachlässigung von Freundschaften. Ein klarer Trend ist aber auch hier erkennbar. Nur 21 Prozent der befragten Männer glaubten, sie müssten eigentlich mehr im Haushalt tun. Bei den Frauen waren es hingegen 35 Prozent.

  • Kinder

    Weit über zwei Drittel der befragten Männer gaben an, ihre Kinder kämen in ihrem Zeitmanagement zu kurz. Bei den Frauen waren es 41 Prozent.

  • Partner

    Auch die Partnerschaft kommt mehr Vätern als Müttern zu kurz: Zwar sagen 47 Prozent der befragten Frauen, ihr Partner bekäme zu wenig Zeit gewidmet, bei den Männern allerdings sind es 73 Prozent.

  • Sie selbst

    Dass sie selbst zu kurz kommen, finden 53 Prozent der befragten Männer und 56 Prozent der befragten Frauen.

Die „Coworking Spaces“ haben sich seit ein paar Jahren in vielen Städten ausgebreitet. Meist mieten sich in den Kollektiv-Büros Berufstätige ein, die nur einen Computer brauchen und sich gerne beim Cappuccino mit anderen austauschen. Kinder sind in Laptop-Zonen selten.

In Leipzig gibt es das Projekt „Rockzipfel“, das schon einige Ableger hat, darunter in Hamburg und München. Eltern oder Babysitter passen im Gemeinschaftsbüro auf den Nachwuchs auf. Eltern, die ihre Kleinen noch eingewöhnen, arbeiten mit Blickkontakt zum Kind, wie Gründerin Johanna Gundermann (37) erklärt. Andere, die wirklich arbeiten müssen und nicht mehr eingewöhnen, ziehen sich zurück. Sie werden nur geholt, wenn die Kinder sie brauchen.

Stillen, Wickeln, Füttern, ins Bett legen - das machen die „Rockzipfel“-Eltern. „Das Prinzip ist ja, dass sie für ihre Kinder in diesen wichtigen Schlüsselsituationen da sein sollen“, sagt Gundermann. Für die Erwachsenen blieben so etwa drei bis vier Stunden fürs eigene Arbeiten. Weil die kleinen Kinder Zeit zum Eingewöhnen brauchen, eignet sich der „Rockzipfel“ eher nicht zum Improvisieren, etwa bei Kita-Streiks.

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Bei „Coworking Toddler“ in Berlin sollen sich professionelle Erzieherinnen um die Kinder kümmern. Geplant ist eine Vollzeitbetreuung. Die Mütter und Väter können in Kontakt mit dem Nachwuchs bleiben und zusammen Mittag essen. Der Austausch mit den Erzieherinnen soll sich nicht auf Flurgespräche beschränken. Wenn der Sohn abends eine Beule hat, weiß die Mutter, wie das tagsüber passiert ist.

Eine Idee ist, dass ein Pieper am Schreibtisch den räumlich getrennt sitzenden Eltern Bescheid gibt, wenn ihr Kind sie braucht. Etwa sechs bis sieben Stunden Arbeit könnten für die Eltern möglich sein, schätzt Sandra Runge. Zur Zielgruppe gehören Selbstständige, Angestellte, die zu Hause im „Home Office“ arbeiten können, oder Firmen, die ihren Mitarbeitern einen familienfreundlichen Wiedereinstieg bieten wollen.

Noch ist das „Toddler“-Projekt in der Startphase, im Sommer soll es losgehen. Das pädagogische Konzept steht, die Immobiliensuche läuft noch. „Wir haben sehr viele Interessenten“, sagt Runge zur Resonanz. Kein Wunder: In den familienreichen Vierteln wie im Prenzlauer Berg wird Kinderbetreuung wohl mindestens genauso viel diskutiert wie der Wohnungsmarkt.

Viele Kinder und Eltern mit unterschiedlichen Erziehungsansichten auf einem Haufen, kann das gutgehen? Für Runge ist das auch eine Frage der Etikette. „Gewisse Regeln müssen einfach eingehalten werden“, sagt sie.

Für das Team hat das Projekt Potenzial, Filialen sind möglich. „Unser Ziel ist, in Berlin zu zeigen, dass wir es können“, sagt Runges Kollegin, Journalistin Juliane Gringer (34), die ihre knapp zwei Jahre alte Tochter Ava auf dem Schoß hat. Die kennt es schon, wenn die Mutter den Laptop vor ihr ausklappt.

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