Dauernde Erreichbarkeit: Darf man eingehende Mails im Urlaub löschen?

Dauernde Erreichbarkeit: Darf man eingehende Mails im Urlaub löschen?

Ein Berliner Lokalpolitiker wollte sich Stress nach dem Urlaub ersparen und löschte eingehende Nachrichten. Im Kampf gegen die E-Mailflut erlauben das mittlerweile auch Unternehmen ihren gestressten Angestellten.

Stephan Richter wählte eine radikale Methode. „Sie können mich ab dem 15.07.2013 wieder erreichen. Ihre E-Mail wird ungelesen gelöscht“, schrieb der Sozialdemokrat und Bezirksstadtrat von Berlin-Marzahn-Hellersdorf in den Abwesenheitsassistenten. Richter will sich ganz offensichtlich ersparen, was vielen Berufstätigen schon während des Urlaubs die Laune verdirbt: Die Aussicht auf Hunderte ungelesene und abzuarbeitende E-Mails nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz. Das Bekanntwerden von Richters Methode, die sich übrigens nach Angaben seiner Referentin nur auf ein internes Postfach und nicht auf Bürgeranfragen bezog, gibt der Diskussion um Stress durch ständige Erreichbarkeit neue Nahrung.

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov glauben 27 Prozent der Angestellten, auch im Urlaub für ihre beruflichen Aufgaben verantwortlich zu sein. 25 Prozent meinen, dass ohne sie spontan auftretende Probleme nicht gelöst werden können. 42 Prozent beantworten im Urlaub E-Mails, erledigen Arbeit am Computer. Und nicht jeder empfindet das als Zumutung: Jeder Fünfte (19 Prozent) gab an, „einfach gerne“ zu arbeiten. Und 3 Prozent kümmern sich in der Freizeit sogar lieber ums Geschäft als um den Partner.

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Tipps für den stressfreien Urlaub

  • 1. Erst mal runterkommen

    Entspannung und Erholung stellen sich meist mit Verzögerung ein. Akklimatisieren Sie sich langsam. Leiten Sie den Urlaub mit ein paar "Puffertagen" ein. Ein, zwei Tage zu Hause, an denen Koffer gepackt und letzte Vorbereitungen getroffen werden, helfen, den Stress für Anreise zu mindern und erleichtern den Start in die Ferien.

  • 2. Ich bin dann mal weg

    Nehmen Sie sich während Ihrer letzten Arbeitstage Zeit, Ihre Abwesenheit vorzubereiten. Schreiben Sie eine Übergabe für Ihre Kollegen, delegieren Sie Aufgaben und richten Sie eine Abwesenheitsnotiz in Ihrem E-Mail-Programm ein.

  • 3. Wirklich abschalten: Handy aus!

    Verzichten Sie im Urlaub möglichst auf den Gebrauch Ihres Mobiltelefons. Nutzen Sie ein privates Handy und hinterlassen Sie die Telefonnummer Ihres Hotels bei der Familie und in der Firma. Das erhöht die Hemmschwelle Ihrer Kollegen, Sie wegen Kleinigkeiten anzurufen.

  • 4. Nehmen Sie Abstand vom Leistungsdenken

    Vermeiden Sie Freizeitstress im Urlaub. Nehmen Sie sich nicht zu viel vor. Sie entscheiden, wie viele Gipfel Sie erklimmen, Bauwerke Sie besichtigen oder wie viel Sonne Ihnen gut tut.

  • 5. Nach dem Urlaub: Joballtag ändern

    Machen Sie eine Bestandsaufnahme. Fühlen Sie sich gut erholt? Nutzen Sie nach der Auszeit den unverstellten Blick auf schlechte Angewohnheiten, die sich eingeschlichen haben. Legen Sie Ihren ersten Arbeitstag auf Mittwoch oder Donnerstag mit der Aussicht auf ein freies Wochenende. Und fangen Sie langsam an.

Dass die ständige Erreichbarkeit in der Freizeit einer der großen Stressfaktoren ist, und zum Wachstum der psychischen Belastungen und Krankheiten beiträgt, wird kaum bezweifelt. Mehrere Konzerne haben bereits Maßnahmen gegen die E-Mail-Flut ergriffen. Bei Daimler zum Beispiel können Mitarbeiter seit diesem Sommer mit dem Segen des Arbeitgebers das tun, was Bezirksrat Richter tut: Auf Wunsch alle Mails während des Urlaubs automatisch löschen lassen. Das gilt für Arbeiter und Manager gleichermaßen. „Diese neue Spielregel zur E-Mail-Abwesenheit ist eine ganz wesentliche Maßnahme, damit unsere Belegschaft in Ruhephasen noch besser abschalten kann“, sagt Personalvorstand Wilfried Porth in der Bild-Zeitung.

Aber dürfen das Berufstätige nicht auch generell tun? Wie Arbeitsjurist Klaus Wittmann in der "Rheinischen Post" erklärt, leider nicht. Wer nicht angestellt ist und wie Bezirksrat Richter als Politiker in einem "Unabhängigkeitsverhältnis" stünde, darf es. Angestellte und Arbeiter jedoch sind verpflichtet, die Interessen ihres Arbeitgebers zu wahren. Und dazu gehört, dass sie E-Mails oder andere eingehende Nachrichten nicht unbesehen vernichten dürfen. Wer also nach dem Urlaub nicht nacharbeiten will, muss sich um eine Vertretung kümmern. Nachrichten während des Urlaubs zu lesen, zu bearbeiten oder zu beantworten, kann dagegen kein Arbeitgeber von seinen Angestellten verlangen.

Dass manche Vorgesetzte dies mehr oder weniger offen doch verlangen, ist keine juristische Frage. Jeder Arbeitspsychologe wird Vorgesetzten jedoch dazu raten, dies möglichst nicht zu erwarten - von absoluten Notfällen natürlich abgesehen. Die Lektüre des "Stressreports 2012" und die darauf folgende Erkenntnis, dass psychisch kranke ausgebrannte Mitarbeiter höchst unproduktiv sind, kann hierzu einen Beitrag leisten.

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Bezirksstadtrat Richter hat den Zweck seines radikal löschenden Abwesenheitsassistenten übrigens wohl verfehlt. Dadurch, dass die Presse und auch der politische Gegner darauf aufmerksam wurde, wird er vermutlich schon während seines noch laufenden Urlaubs und erst recht nach dem 15. Juli die eine oder andere Frage mehr als sonst zu beantworten haben. Eine etwas weniger radikale Lösung des Problems könnte die Abwesenheitsnachricht sein: "Ihre E-Mail wird nicht gelesen." Wenn's wirklich wichtig ist, wird sich der Absender durchaus noch einmal melden.

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