Digitalisierung und Arbeitszeit: Wie flexibel müssen wir eigentlich arbeiten?

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Digitalisierung und Arbeitszeit: Wie flexibel müssen wir eigentlich arbeiten?

von Kerstin Dämon

Die Welt dreht sich schneller, entsprechend rasant verändert sich das Arbeiten. Die Wirtschaft will deshalb, dass das Arbeitszeitgesetz geändert wird. Arbeitnehmer sollen flexibler sein - doch was ist mit Unternehmen?

Die Digitalisierung ist in aller Munde: Produkte, Technologien, Arbeitsweisen - alles ist im Wandel. Das stellt sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer vor eine Herausforderung. Wie sollen wir mit den sich stetig verändernden Anforderungen umgehen? Was mach wir mit der dauerhaften Erreichbarkeit und mit den Wünschen der Arbeitnehmer nach flexibleren Arbeitszeit- und Arbeitsplatzmodellen?

Zumindest über die Arbeitszeit hat sich die deutsche Wirtschaft nun offenbar Gedanken gemacht. Wenn alles immer flexibler werden soll, soll auch das starre Arbeitszeitkorsett weg. Der Acht-Stunden-Tag ist überholt. So zumindest klingt die Forderung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) an die Bundesregierung. "Um mehr Spielräume zu schaffen und betriebliche Notwendigkeiten abzubilden, sollte das Arbeitszeitgesetz von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit umgestellt werden", zitiert die Rheinische Post aus dem Papier. Heißt: Zehn Stunden am Tag arbeiten ist okay, solange es nicht mehr als 45 Wochenarbeitsstunden werden.

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Auf welche Bereiche wirkt sich die Digitalisierung im Arbeitsalltag aus?

  • Eigenständigkeit in der Arbeit

    47 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben an, dass sich die Digitalisierung positiv auf das eigenständige Arbeiten auswirkt. 37 Prozent spüren keine Auswirkung, zehn Prozent beklagen negative Einflüsse.

     

    Quelle: Edenred-Ipsos-Barometer 2015, "Wohlbefinden & Motivation der Arbeitnehmer"

  • Zusammenarbeit unter den Teams

    45 Prozent sagen, dass die Digitalisierung die Zusammenarbeit verbessert, 13 Prozent sehen eine Verschlechterung.

  • Lebensqualität bei der Arbeit

    43 Prozent spüren einen positiven Einfluss der Digitalisierung auf ihre Lebensqualität im Job, 36 Prozent merken gar keine Veränderung und 15 Prozent spüren negative Einflüsse auf die Teamarbeit.

  • Qualität der Kundenbeziehungen

    Die Zusammenarbeit mit Kunden verbessert sich laut 42 Prozent der Befragten. Neun Prozent sehen hier eine Verschlechterung.

  • Gestaltungsfreiheit und Innovationsmöglichkeiten

    Eine Verbesserung durch die Digitalisierung erleben 41 Prozent, elf Prozent beklagen negative Einflüsse.

  • Kompetenzen

    43 Prozent sagen, dass die Digitalisierung an den Kompetenzen nichts verändert hat. 40 Prozent sehen einen positiven Einfluss und acht Prozent einen negativen.

  • Arbeitsmotivation

    40 Prozent fühlen sich durch die Digitalisierung bei der Arbeit motivierter, bei elf Prozent sehe es durch die Digitalisierung schlechter aus mit ihrer Motivation. Für 43 Prozent hat sich durch die Digitalisierung nichts an ihrer Motivation verändert.

  • Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben

    Dank der Digitalisierung können 34 Prozent der Befragten berufliches und privates leichter vereinen. Bei 16 Prozent ist es dagegen schwieriger geworden, beides unter einen Hut zu bekommen. 42 Prozent spüren keine Veränderung.

  • Führungskräfteverhalten

    Bessere Chefs dank Digitalisierung? Keine Veränderung bemerkten 42 Prozent. Einen positiven Einfluss glauben 28 Prozent bei ihren Vorgesetzten bemerkt zu haben, eine Verschlechterung beklagten 28 Prozent.

"Flexible Arbeitszeiten gewinnen angesichts von Digitalisierung und der Notwendigkeit zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie immer mehr an Bedeutung", sagte Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), der Zeitung. "Unsere starren Arbeitszeitregelungen mindern allerdings diese Flexibilität. Daher wäre es wichtig, die gesetzlichen Regelungen an die aktuelle Entwicklung anzupassen", sagte Schweitzer.

Was gehört alles zur Arbeitszeit?

Das Arbeitszeitgesetz von 1994 begrenzt die zulässige werktägliche Arbeitszeit auf acht Stunden, die Ausdehnung auf bis zu zehn Stunden ist möglich, wenn der Acht-Stunden-Tag langfristig eingehalten wird. Nun müsse strenggenommen jede in der Bahn gelesene E-Mail der Arbeitszeit zugerechnet werden. Die Rechtsanwälte Oliver Simon und Maximilian Koschker von der Stuttgarter Kanzlei CMS Hasche Sigle, fassten das Problem mit der Arbeitszeit und dem Arbeitsrecht 4.0 folgendermaßen zusammen:

"Sobald Mitarbeiter von unterwegs, zum Beispiel auf Zugfahrten, oder von zu Hause aus Arbeitsaufträgen nachgehen oder auch nur außerhalb der regelmäßigen Bürozeiten erreichbar sind, stellt sich die Frage, ob sie im herkömmlichen Sinne "arbeiten". Sollte etwa die bloße Erreichbarkeit Arbeitszeit im Sinne des Arbeitszeitgesetzes darstellen, so wäre die Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeit zwischen zwei Arbeitseinsätzen faktisch kaum noch möglich. Sollte diese dauerhafte Erreichbarkeit dann auch als Arbeitszeit zu vergüten sein, könnte das die Unternehmen teuer zu stehen kommen." Denn auf einmal arbeitet der Mitarbeiter nicht mehr acht Stunden am Tag, sondern zwölf. Das wird nicht nur teuer, das gibt auch Ärger mit dem Betriebsrat.

Das könnte man natürlich umgehen, wenn man das alte Arbeitszeitgesetz kippt. Ob sich das mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie rechtfertigen lässt, ist allerdings fraglich. Immerhin: Wer heute 16 Stunden arbeitet, kann dafür morgen den ganzen Tag mit seiner Familie verbringen.

Die Typologie der Arbeitnehmer: Wer wie lange arbeitet und wie viel verdient

  • Die Flexiblen

    Im Rahmen der Xing-Arbeitsmarktstudie wurden unterschiedliche Arbeitnehmer-Typen definiert und fünf relevante Segmente gebildet. Eine der Gruppen sind die "Flexiblen", also beispielsweise Teilzeitkräfte oder Projektarbeiter. Zu dieser Gruppe gehören überwiegend jüngere Frauen mit einer durchschnittlichen Ausbildung, einem meist festen Einkommen von unter 2.000 Euro (brutto), in deren Berufsfeld Home Office oft möglich ist. Ihre Arbeitszeit beträgt zwischen 30 und 40 Stunden in der Woche.

  • Die Wissensarbeiter

    Die Wissensarbeiter sind Befragte mit akademischem Abschluss, einem überdurchschnittlichen Verdienst von 3.000 Euro (brutto) und mehr, die in der Kreativwirtschaft, höheren Verwaltung oder Wissenschaft arbeiten. Die Arbeitszeit beträgt selten exakt 40 Stunden in der Woche.

  • Die Gehaltsoptimierer

    Die "Gehaltsoptimierer" sind überwiegend jüngere Männer mit Berufsausbildung, die selten nach Tarifvertrag beschäftigt sind und in den Bereichen Produktion, Finanzen oder Handel arbeiten. Ihre wöchentliche Arbeitszeit beträgt 40 Stunden oder mehr.

  • Die sozialen Berufe

    In den sozialen Berufen arbeiten Menschen mit Berufsausbildung und einem oft variablen Gehalt zwischen 2.000 und 3.000 Euro (brutto). Sie arbeiten in den Berufsfeldern Gesundheit, Soziales und Lehre und sind oft in Schichtarbeit tätig.

  • Die Blue Collar-Worker

    Blue Collar-Worker sind Arbeitnehmer mit Ausbildung, die oft nach Tarifvertrag beschäftigt sind und auf dem Bau, im KFZ- oder Gastgewerbe arbeiten. Viele von ihnen haben Kinder und arbeiten unter 40 Stunden in der Woche.

Auch Arbeitsministerin Andrea Nahles will sich im kommenden Jahr mit den Anforderungen der digitalen Arbeitswelt und dem 24-Stunden-Online-Dasein vieler Arbeitnehmer befassen. Doch am Acht-Stunden-Tag wolle sie nicht rütteln. "Änderungen sind an der Stelle nicht geplant", sagte ein Sprecher der Ministerin. Ende 2016 will das Ministerium in einem "Weißbuch" zunächst die Ergebnisse einer breiten Debatte über die Arbeitswelt im digitalen Zeitalter vorstellen. Auf der Grundlage soll dann beraten werden, wo gesetzlicher Änderungsbedarf besteht. Dabei würden die "Interessen und Schutzbedürfnisse beider Seiten der Sozialpartner" berücksichtigt, betonte Nahles' Ministerium. Denn schon jetzt ist der Acht-Stunden-Tag für viele nur eine Floskel im Arbeitsvertrag.

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