Edelrestaurants in britischen Gefängnissen: Bei den Gourmets hinter Gittern

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Edelrestaurants in britischen Gefängnissen: Bei den Gourmets hinter Gittern

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Feinkost im Verborgenen. Das Gefängnisrestaurant im Londoner Stadtteil Brixton.

Quelle: The Clink

von Yvonne Esterházy

Resozialisierung beginnt im Kopf: Die britische Wohltätigkeitsorganisation The Clink will Häftlinge an das Leben in Freiheit gewöhnen. In Edelrestaurants im Gefängnis können sie Koch oder Kellner werden.

Größer könnte der Kontrast kaum sein. Draußen blickt man auf einen geteerten Hof, hohe Backsteinmauern und Stacheldrahtrollen. Drinnen sitzt man in Ledersesseln an Glastischen und lauscht leiser Jazzmusik.

Von innen betrachtet, wirkt The Clink – auf Deutsch „Der Knast“ – wie ein ganz normales Edelrestaurant. Kellner in schwarz-weiß karierten Westen kümmern sich diskret um die Gäste, das Drei-Gänge-Menü bietet Haute Cuisine, darunter Forellen-Carpaccio, Lamm Wellington und Pannacotta an Holunderblüten. Der Raum ist erfüllt von Lachen und Gemurmel, Gläser klirren, es duftet nach frisch geröstetem Kaffee. So weit, so normal.

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Einen ersten Hinweis auf die besondere Lokalität geben die schwarzen Schieferwände mit Porträts von Malcolm X und Nelson Mandela. Früherer Aktivist der eine, ehemaliger südafrikanischer Präsident der andere, beide saßen jahrelang im Gefängnis. Dann fällt der Blick auf das schwarze Besteck – es ist nicht aus Silber, sondern aus Plastik. Und auf der Getränkekarte fehlen Aperitifs, Wein und Bier. Stattdessen gibt es Mocktails, Mixgetränke aus frischen Früchten. „Alkohol ist hier nicht erlaubt“, sagt Chris Moore. Chef der Clink-Charity.

Im Restaurant gibt es Spargel an pochiertem Ei und Parmesan. Quelle: PR

Gruß aus der Küche: Im Restaurant gibt es Spargel an pochiertem Ei und Parmesan.

Quelle: The Clink

Bild: PR

Die Wohltätigkeitsorganisation betreibt seit dem Jahr 2010 eines der ungewöhnlichsten Resozialisierungsprogramme Europas. In mittlerweile vier verschiedenen Gourmetrestaurants in London, Surrey, Styal in der Nähe von Manchester sowie dem walisischen Cardiff sollen sich Gefangene auf ihr Leben nach der Haft vorbereiten. Nach Verbüßung ihrer Strafe sollen sie als gelernte Köche und Kellner einen Job in der Gastronomie antreten.

Bedarf gibt es genug. Großbritannien hat eine der höchsten Gefängnispopulationen Westeuropas – 85 000 Kriminelle sitzen auf der Insel hinter Gittern, in Deutschland sind es knapp 62 000. Und die Rückfallquote der Briten ist hoch: 45 Prozent geraten bereits im ersten Jahr nach ihrer Entlassung wieder mit dem Gesetz in Konflikt, in den ersten fünf Jahren sind es sogar 75 Prozent. Die Rückfallquote der Clink-Absolventen, sagt Moore stolz, beträgt dagegen nur 12,5 Prozent.

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Ein Grund: Bereits bis zu 18 Monate vor ihrer Entlassung werden sie von der Clink-Charity betreut, in Freiheit helfen Mentoren ein weiteres Jahr bei der Eröffnung eines Bankkontos, der Suche nach einer Unterkunft oder einem Job. Denn ohne Angehörige, Familie oder Freunde kommen viele der Exinsassen draußen nicht zurecht. 200 potenzielle Arbeitgeber stehen mit der Wohltätigkeitsorganisation in Kontakt, sagt Moore.

Ausbildung in der Anstaltsküche

Geistiger Vater des Konzepts ist Alberto Crisci, der einst in Londons Edelviertel Mayfair im französischen Schlemmerlokal Mirabelle gekocht hatte. Dann eröffnete er sein eigenes Restaurant und wurde später Küchenchef der Justizvollzugsanstalt High Down in der Grafschaft Surrey. Zunächst bildete er die Gefangenen in seiner Anstaltsküche und der Gefängniskantine aus. Für echte Gourmetkost blieb dort wahrlich keine Zeit, immerhin mussten bis zu 3000 Mahlzeiten am Tag zubereitet werden.

Schlimmer noch: Die Rückfallquote blieb weiter hoch. 2009 eröffnete er daher das erste Clink-Restaurant, um die Gefangenen in ruhigerem Ambiente zum Gourmetkoch und Kellner auszubilden, fernab der Massenabfertigung. Crisci hoffte, dass dies ihre Chancen auf einen gut bezahlten Job verbessern würde – weil es in diesem Segment traditionell an gut ausgebildeten Fachkräften fehlt. Der Erfolg gab ihm recht, manche Häftlinge entschieden sich tatsächlich zur beruflichen Umorientierung: Criscis erster Chefkoch war früher Drogenhändler.

Weil er sich bestätigt sah, gründete er 2010 die Clink-Wohltätigkeitsorganisation. Die hat heute zahlreiche prominente Unterstützer aus der Branche. Starköche wie Albert Roux, der einst mit seinem Bruder Großbritanniens erstes Drei-Sterne-Lokal Le Gavroche führte, zu den prominenten Unterstützern. Zu den Förderern zählt außerdem der Italiener Antonio Carluccio, der in Großbritannien eine Reihe von Restaurants betreibt.

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