Entgeltgleichheit: Frau Schwesigs Gesetz ändert nichts

KommentarEntgeltgleichheit: Frau Schwesigs Gesetz ändert nichts

Bild vergrößern

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) hat die Einigung der großen Koalition auf ein Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit als „wichtigen Durchbruch“ begrüßt.

von Kerstin Dämon

Das Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit wird kommen. Nur: an den angeblichen 20 Prozent Lohnunterschied wird es nichts ändern. Weil es den so gar nicht gibt.

Jetzt ist es also beschlossene Sache: Union und SPD haben ihren Streit über ein Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit zwischen Frauen und Männern beigelegt. Der Koalitionsausschuss vereinbarte am Donnerstag in Berlin, dass Unternehmen ab 200 Beschäftigten verpflichtet werden sollen, einen individuellen Rechtsanspruch von Arbeitnehmern auf Informationen über ungerechte Bezahlung einzuführen. Unternehmen ab 500 Beschäftigten sollen verpflichtet werden, Verfahren zur Herstellung der Entgeltgleichheit einzuführen und darüber auch zu berichten.

Künftig haben also mehr als 14 Millionen Beschäftigte das Recht zu erfahren, wer in der Gehaltsverhandlung mehr herausgeholt hat. Aber an der vermeintlichen Gehaltslücke von rund 20 Prozent zwischen den Geschlechtern ändert es leider gar nichts. Denn diese Zahl gibt es so nicht - auch wenn sie regelmäßig vom Familienministerium kommuniziert wird. Richtig ist, dass das Gesamteinkommen aller 17,7 Millionen berufstätigen Frauen in Deutschland um 21 Prozent geringer ist als das Gesamtgehalt der 24,9 Millionen berufstätigen Männer in Deutschland. Hier wird also die 32-jährige Programmiererin mit der 25 Stunden-Woche im 13-Mann-Betrieb mit dem 55-jährigen IT-Abteilungsleiter im Dax-Konzern verglichen, der seit über 20 Jahren eine 60-Stunden-Wochen schiebt.

Anzeige

Wenn herausgerechnet wird, dass Frauen öfter Teilzeit und häufiger in schlechter bezahlten Berufen arbeiten, bleibt eine Lücke von sieben Prozent. Das ist immer noch sehr viel, aber lange nicht mehr so dramatisch, wie 21 oder 20 Prozent. "Ich werde immer ein bisschen ärgerlich, wenn ich diese Zahl höre, weil diese Berechnungsweise grob irreführend ist", sagte Thomas Haussmann, Vergütungsexperte der Personalberatung Korn Ferry Hay-Group anlässlich des Equal pay days gegenüber WirtschaftsWoche. Denn es sei schlicht falsch, dass Frauen für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden, als Männer. Wäre dem so, müssten wir über eine Frauenquoten gar nicht reden. Wären Frauen ein Fünftel billiger als Männer, bräuchten wir eine Männerquote.

Equal Pay Day Die 22 Prozent sind ein Mythos

Am „Equal pay day“ geht es darum, dass Frauen in Deutschland 22 Prozent weniger verdienen als Männer. Tatsächlich ist die Differenz geringer. Und: Nicht allein die Unternehmen sind schuld am Ungleichgewicht.

Equal pay day: 22 Prozent Gehaltsunterschied sind "grob irreführend". Quelle: Getty Images

Eine aktuelle Vergütungsstudie von Haussmanns Arbeitgeber zeigt: Wer tatsächlich Vergleichbares miteinander vergleicht - gleicher Kenntnisstand, gleiches Unternehmen, gleiche Funktion - kommt nur noch auf eine Gender Pay Gap von drei Prozent. Die sind immer noch da, aber es sollte trotzdem niemand glauben, dass die Gewerkschaften Tarifverträge für Männer entwerfen und - mit 20 Prozent Abschlag - für Frauen. Und es sollte auch niemand glauben, dass ein Unternehmen zwei Vergütungsstrategien entwirft - eine in blau und eine in rosa. Richtig ist dagegen, dass die deutsche Durchschnittsfrau in schlechter bezahlten Jobs arbeitet, wegen ihrer 1,4 Kinder rund sechs Jahre zuhause bleibt und dann nur noch halbtags arbeitet.

Stellenanzeigen Personaler lehnen Transparenz der Gehälter ab

In Deutschland ist das Thema Gehalt tabu: Bewerber erfahren nicht, was ihre Arbeit wert ist. Wir haben nachgefragt, warum das so ist. Die Antwort: Wären Unternehmen ehrlich, würde sich niemand bei ihnen bewerben.

Transparenz der Gehälter bei Stellenanzeigen: Fehlanzeige. Quelle: Getty Images, Montage

Daran sind allerdings nicht die Unternehmen schuld. Wer das ändern will, muss entweder klassische Frauenberufe - Friseurin, Krankenschwester, Kassiererin - finanziell aufwerten, oder mehr Frauen dazu bringen, gut bezahlte Jobs zu ergreifen - und dort eine Führungsposition zu belegen.

Immerhin ein Gutes hat das Entgeltgleichheitsgesetz: Es schafft eine gewisse Gehaltstransparenz. Und über nichts, wirklich gar nichts, wird in Deutschland mehr geschwiegen und gelogen, als über das Einkommen. Dass man noch nicht mal in einer Stellenanzeige erfährt, wie viel man dem Unternehmen denn wert wäre, ist furchtbar intransparent und nervt Bewerber in Deutschland völlig zu Recht.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%