Erschöpfte Gesellschaft : Stress gehört auf die politische Agenda

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Erschöpfte Gesellschaft : Stress gehört auf die politische Agenda

von Ferdinand Knauß

Psychologen und Soziologen schlagen Alarm: Stress und Angst beherrschen die Seelen der Deutschen. Gefragt wäre die Politik. Doch die zeigt selbst Stresssymptome - und rennt kopflos weiter im Hamsterrad.

Wie geht es den Deutschen? Sie sind im Schnitt reicher und leben länger als je zuvor – in der längsten Friedensperiode ihrer Geschichte. Aber genießen können sie das offenbar nicht.

Wenn man liest, was Psychologen und Soziologen über die deutsche Seele schreiben, dann ähneln sich die Diagnosen stets: Die Deutschen leiden unter Stress, sind erschöpft und haben Angst.

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Angst als Dauerthema

Die „Gesellschaft der Angst“, die der Soziologe Heinz Bude in seinem aktuellen Buch präsentiert, die „Ermüdungsgesellschaft“ des Philosophen Byung-Chul Han und die „erschöpfte Gesellschaft“ des Psychologen Stefan Grünewald finden sich auch in den Massenmedien unübersehbar als Dauerbrenner.

Nun sind Stress und Angst zunächst mal etwas sehr persönliches. Jeder Betroffene leidet für sich. Und so sind auch die meisten Artikel und Bücher als persönlicher Ratgeber für das Leid des Einzelnen formuliert.

Wie gehen Sie mit Stress und Ärger um?

  • Den Stress erkennen

    Denken Sie darüber nach, welche Faktoren Stress auslösen und bringen Sie diese in eine Rangfolge. Nicht alle Gründe wiegen gleich schwer. Stressauslöser, die bisher als unumgänglich gelten, könnten zu körperlicher und seelischer Beeinträchtigung führen.

  • Die Gesundheit leidet

    Viele vermeiden es über Jahre, sich Erschöpfung einzugestehen. Ein Burnout kann ein schleichender Prozess sein. Jahrelanger Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch, Autoimmunerkrankungen oder psychische Auffälligkeiten weisen auf Erschöpfung hin.

  • Neue Energie gewinnen

    Hinterfragen Sie, wo Sie wie viel Energie investieren und ob es sich lohnt. Hinterfragen Sie Ihre innere Motivation und konzipieren Sie um. Schaffen Sie es, Ihr Energielevel unter Kontrolle zu halten, bleibt mehr für die Freizeit übrig.

  • Sich selbst leiden können

    Eine positive Selbstbewertung senkt das Stresslevel. Fangen Sie morgens an mit einer positiven Grundstimmung und versuchen Sie, dieses Gefühl den Tag über zu halten. Positive Selbstgespräche oder kurze tägliche Rituale helfen dabei. Auch malen, schreiben oder eine freundliche Büroeinrichtung wirken positiv.

  • Lähmenden Ärger loswerden

    Ärger kann in kürzester Zeit zu Antriebslosigkeit führen. Das Take-Care-Prinzip soll helfen, sich weniger zu ärgern: Versuchen Sie zunächst, Ärger von sich fernzuhalten. Nicht jede Meinungsverschiedenheit mit Kollegen oder den Nachbarn ist einen Streit wert. Falls es doch dazu kommen sollte, distanzieren Sie sich innerlich. Einen Witz machen kann helfen. Sollte es doch heftiger kommen, ist es wichtig, sich beim Sport oder über einen Urschrei abzureagieren.

  • Das Leben wieder in die eigene Hand nehmen

    Wer sich aufgibt, wird zum Spielball der Umgebung. Bestärken Sie sich jeden Tag darin, dass Sie über Ihr eigenes Lebens bestimmen. Conen empfiehlt: „Lernen Sie, mitten im Geschehen zu sein und doch darüber zu stehen.“ Sie kommen mit Störungen besser zurecht, wenn Sie sich als freier und selbstbestimmter Mensch fühlen.

  • Intuition nicht verkümmern lassen

    In kritischen Situationen spontan regieren zu können, ist nicht nur auf der Straße wichtig. Auch im Büro sollte die Bedeutung des Bauchgefühls nicht unterschätzt werden. Wer in Situationen mit Kollegen und Kunden zu kopflastig reagiert, kann sie in Sekunden vergraulen. Laut Conen ist Intuition lernbar – und kann wieder erweckt werden, falls man dazu bereit ist.

  • Das Bauchgefühl verbessern

    Lernen Sie ihre Sinne wieder einzusetzen. Riechen und fühlen Sie die Natur oder konzentrieren Sie sich auf die verschiedenen Bestandteile ihres Essens. Verlangsamen Sie eine Aktivität wenn es möglich ist und genießen Sie den Augenblick. Versuchen Sie die Umgebung abzuscannen und sich einzuprägen.

  • Den anderen mit dem Bauch betrachten

    Achten Sie nicht nur darauf, was Personen in Ihrem Umfeld sagen, sondern auch, wie sie es sagen. Die Wechselwirkung mit dem Gegenüber und die Umstände einer Konversation beeinflussen das Ergebnis in hohem Maße.

  • Selbstkontrolle

    Dabei sollte die Selbstbeobachtung nicht vergessen werden. Intuitive Selbstkontrolle hilft, während eines Gesprächs die Reaktionen seines Gegenübers nicht zu übersehen. Wie Sie auf andere wirken, lässt sich leicht bei einem Abschied erkennen. Ist die Situation entspannter, als bei der Begrüßung, hat sich der Gesprächspartner wohl gefühlt.

  • Intuitiv entscheiden

    Egal ob im Beruf oder im Privatleben, eine Entscheidung sollte nicht alleine aus dem Kopf heraus getroffen werden. Beziehen Sie Ihren Bauch mit ein. Auch wenn Sie ein Gefühl rational nicht nachvollziehen können, sollten Sie versuchen, es zu ergründen. Es könnte sein, dass ihre innere Stimme weiser ist, als Sie in diesem Augenblick.

  • Aufbrechen oder Ausharren?

    Jede Veränderung schenkt ein Stück neues Leben. Dennoch ist nicht jeder Unmut Grund genug, alles über den Haufen zu werfen. Veränderung ist kein Allheilmittel. Tiefen durchzustehen ist das eine, chronischer Frust das andere.

  • Das Chamäleon-Prinzip

    Das Chamäleon sollte das Tier dieses Jahrhunderts werden. Es zeigt alle Fähigkeit, die heute notwendig sind. Vor allem kann es sich auf veränderte Bedingungen einstellen. Es geht nicht darum, seine Authentizität zu verlieren. Es geht darum, sich nicht mehr zu wünschen, dass alles wieder so wird, wie es mal war. Das macht unglücklich. Wagen Sie in der Jobkrise den Sprung in eine zweite Karriere.

  • Entdecken Sie alle Ihre Fähigkeiten

    Stellen Sie sich vor, Sie wären Gast im Ratequiz „Was bin ich?“. Welche Eigenschaften, und dazu zählen eben auch die kleinen Fähigkeiten, machen Sie aus? Protokollieren Sie die Bereiche, die bisher noch nicht ausreichend zur Geltung kommen. Da gibt es bestimmt mehrere.

  • Entwickeln Sie sich weiter

    Seminare, lebenslanges Lernen, neue Herausforderungen. Nutzen Sie wirklich alle Ihre Bildungsurlaubstage? Haben Sie wirklich schon alles gelernt, was Sie sich vorgenommen haben? Trainieren Sie, nicht zu schnell zu satt zu sein und fordern Sie von sich selbst, mehr aus sich zu machen.

  • Reagieren Sie schneller

    Seien Sie die Schlange, nicht das Kaninchen. Reagieren Sie schneller als die anderen. Also erwarten Sie stets das Unerwartete, lernen Sie zu improvisieren, lösen Sie sich rasch von Denkmustern. Und vor allem: verändern sie Gewohnheiten.

Doch Stress und Angst als Seelenzustand sind mehr als eine Summe trauriger Einzelschicksale. Sie sind ein Kollektivschicksal, das die Menschen verbindet. Und sie rufen wie jedes gesellschaftliche Problem nicht nur nach individuellen Antworten - sondern nach politischen. Das Problem ist bloß: Die politische Klasse hat das noch nicht erkannt.     

„Das hält keiner bis zur Rente durch“. Diesen verzweifelten Satz haben wohl schon Millionen Deutsche mehr oder weniger wörtlich von sich gegeben. Um sie geht es im gleichnamigen Buch des Psychologen Hans-Peter Unger und seiner Ko-Autorin Carola Kleinschmidt. Stress und die daraus oft folgenden erschöpfungsbedingten Depressionen sind für seine Zunft derzeit das lohnendste Beschäftigungsfeld.

Arbeit als Stressfaktor

Was die Deutschen stresst, ist eindeutig: Die Arbeit. Ebenso wenig wie die anderen Produktionsfaktoren ist die Arbeitskraft des Menschen begrenzt. Eine Zeitlang kann man sich bei seiner Psyche verschulden: Genau das ist Stress - die dauerhafte Übernutzung psychischer Ressourcen.

Körper und Geist können in außergewöhnlichen Situationen der Belastung oder Bedrohung kurzfristig Außergewöhnliches leisten, indem sie Reserven anzapfen. Doch nach etwa acht Wochen ist Zahltag, wie Studien des Instituts für Arbeit und Technik gezeigt haben. Hält der Dauerstress länger an, verlieren Menschen die Fähigkeit zur Entspannung. Sie beginnen die Arbeit zu hassen und sind irgendwann chronisch erschöpft.

Diesen unglücklichen Zustand hat ein Drittel der Beschäftigten in Deutschland erreicht.  Nach dem Stressreport der Techniker Krankenkasse 2013 fühlen sich 20 bis 30 Prozent der Deutschen. Mit anderen Worten: Bis zu 16 Millionen Menschen hierzulande sind ständig unter Druck und am Ende ihrer Kräfte.

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