Fachkräftemangel: Die beste PR-Nummer der Verbände

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KommentarFachkräftemangel: Die beste PR-Nummer der Verbände

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Bundesarbeitsministerin (und Fachkräftemangel-Bekämpferin) Andrea Nahles (SPD) spricht am 06.03.2014 in Hamburg in der Ausbildungswerkstatt der Lufthansa-Technik Werft mit einem Auszubildenden.

von Ferdinand Knauß

Bei der Vorstellung eines Fortschrittsberichts der Bundesregierung dramatisiert man mal wieder den Fachkräftemangel. Ein Schelm, wer hier Interessen am Werk sieht. Denn neutrale Beobachter sehen die Situation viel weniger dramatisch.

Was ist nur los mit den Gewerkschaften? Der Vorsitzende der IG Metall, Detlef Wetzel, wirft der Bundesregierung aus Anlass der Vorstellung des zweiten Fortschrittsberichtes zum Fachkräftemangel vor, zu wenig gegen das Problem zu tun. Aber vertreten die Gewerkschaften nicht per definitionem zunächst die Interessen der Arbeitnehmer? Und was müssen die sich sorgen, wenn ihre Arbeitskraft knapp wird? Schließlich würde das doch ihre Marktmacht gegenüber den Arbeitgebern stärken und dafür sorgen, dass die Löhne der Beschäftigten deutlich steigen müssten. Was sie bekanntlich real seit Jahren kaum tun, vom oberen Ende der Skala einmal abgesehen.

Zu erklären ist Wetzels Aussage dadurch, dass man auch in den Gewerkschaften der medialen Dauerpropaganda der Fachkräftemangel-Mahner erlegen ist. Es vergeht für einen Wirtschaftsjournalisten kaum ein Tag, an dem nicht von irgendeinem Verband eine neue Umfrage oder Studie präsentiert wird, die zeigt, dass es Unternehmen schwer haben geeignete „Fachkräfte“ zu finden. Und man muss davon ausgehen, dass Politiker und Ministerialbeamten mit solchen Klagen nicht weniger malträtiert werden.

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Fragt man neutrale Arbeitsmarktforscher danach, was hinter dem Schlagwort steht, bekommt man andere, sehr viel weniger dramatische Antworten als von den Arbeitgeber-Verbänden. Martin Gaedt spricht und schreibt von einem „Mythos Fachkräftemangel“. Selbst aus dem Statistischen Bundesamt und Wirtschaftsforschungsinstituten hört man: Wirkliche volkswirtschaftlich relevante Personal-Probleme, wie der verallgemeinernde Begriff „Fachkräfte“ unterstellt, der schließlich jeden Menschen mit irgendeiner Ausbildung umfasst, gibt es nicht.

Dass einem Arbeitgeber das Angebot an potentiellen Beschäftigten natürlich nie groß genug sein kann, liegt auf der Hand. Und deswegen sind Umfrage-Ergebnisse, wie das aktuelle des Industrie- und Handelskammertages, wonach sich immer mehr Unternehmen Sorgen machen wegen fehlender Fachkräfte auch nicht schwer zu produzieren. Verständlicherweise wünscht sich jeder Chef stets den alles könnenden Super-Arbeitnehmer: Jung und gleichzeitig erfahren, genau für die Aufgabe qualifiziert und gleichzeitig vielseitig, und natürlich mobil und allzeit erreichbar. Und vor allem bereit, für einen stagnierenden Lohn mit wachsendem Engagement zu arbeiten. An solchen eierlegenden Wollmilchsau-Fachkräften herrscht auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich Mangel.

An arbeitswilligen und –fähigen Menschen mangelt es - zumindest noch - nicht. Die stagnierenden Löhne allein sind dafür der deutlichste Beleg. Weshalb sie in entsprechenden Fachkräftemangel-Pamphleten in der Regel unerwähnt bleiben.

Was es gibt, ist ein durch die forcierte Akademisierung und gleichzeitige Vernachlässigung betrieblicher Ausbildung bedingte Verzerrung. Darauf hat DIHKT-Präsident Eric Schweitzer richtigerweise hingewiesen. An den Unis studieren mittlerweile Hunderttausende junger Menschen an den Bedürfnissen des Berufslebens vorbei. Was es ohne Zweifel ebenfalls gibt, ist eine Knappheit in vereinzelten Bereichen des Arbeitsmarktes, zum Beispiel in der Pflege. Die simpelste Lösung dafür wäre, den Markt wirken zu lassen: Wo das Angebot sehr knapp ist, müssen die Preise – in diesem Fall also die Löhne – stark steigen. Natürlich ist es für den, der bezahlen muss, attraktiver, das Angebot zu vergrößern – wenn dafür Mittel und Wege außerhalb des Marktgeschehens - zum Beispiel in der Politik - verfügbar sind.   

Die Bundesregierung will den Arbeitgebern diesen Gefallen gerne tun. Sie will zum Beispiel, so steht es im zweiten Fortschrittsbericht zum Fachkräftemangel, die „Arbeitspotenziale“ von Frauen in Teilzeit besser ausschöpfen. Dabei hat sich die Erwerbstätigkeitsquote von Frauen zwischen 20 und 64 Jahren bereits in kürzester zeit stark erhöht: Von 65 Prozent in 2006 auf 71,5 Prozent in 2012. Solange es noch nicht 100 Prozent sind, bleibt da natürlich noch viel Raum für Forderungen von Arbeitgebern.

Wenn Fachkräfte so knapp sind, wie behauptet, wie ist dann zu erklären, dass jede sechste teilzeitbeschäftigte Frau laut Fortschrittsbericht sagt, dass sie keinen Vollzeitjob finden könne? Wenn der Personalmangel wirklich so dramatisch wäre, wie man heute mal wieder unisono verkündet, dann dürfte das von Nahles geforderte Rückkehrrecht auf eine Vollzeitstelle, gar kein Thema sein. Vielleicht liegt es schlicht daran, dass die real existierenden Frauen hierzulande und besonders Mütter eben nicht die erträumten eierlegenden Wollmilchsau-Fachkräfte der Arbeitgeber sind.

Dann lieber Einwanderer, die bestens ausgebildet (auf Kosten ausländischer Bildungssysteme) aber weniger anspruchsvoll als deutsche Arbeitnehmer sind! Die Bundesregierung ist auch hier zum Handeln bereit.

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Die Moral von der Geschichte: Wer laut und lange genug trommelt, bekommt seinen Willen. Das wissen alle PR-Strategen. Dass die Fachkräftemangel-Kampagne sogar bei den Gewerkschaften und deren Freundin, Arbeitsministerin Andrea Nahles, so erfolgreich ist, hat auch damit zu tun, dass sich das Interesse der Arbeitgeber in diesem Falle mit gesellschaftspolitischen Überzeugungen verbinden lässt, die gerade in den Gewerkschaften und der SPD handlungsbestimmend sind. Da gerät das Interesse der Arbeitnehmer schon mal leicht aus dem Blickfeld.

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