Flexible Arbeitszeiten: Warum Deutsche von der Vier-Tage-Woche nur träumen können

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Flexible Arbeitszeiten: Warum Deutsche von der Vier-Tage-Woche nur träumen können

, aktualisiert 24. August 2015, 17:29 Uhr
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Mitarbeiter der Modekette Uniqlo können ihre 40-Stunden-Woche auch an vier anstatt fünf Tagen ableisten.

Die japanische Modekette Uniqlo testet die Vier-Tage-Woche. An der Anzahl der Arbeitsstunden ändert sich allerdings nichts. Und genau das wäre in Deutschland nicht möglich. Hier gilt: Weniger Arbeitstage, weniger Geld.

Seit den 1930er Jahren arbeiten die Menschen in Europa und den USA fünf Tage die Woche, Samstag und Sonntag sollen der Erholung dienen. Davor gehörte die Sechs-Tage-Woche zum guten Ton. Derzeit verteilt der Durchschnittsdeutsche 40,3 Stunden auf insgesamt fünf Arbeitstage in der Woche, wie die Statistik zeigt. Überstunden sind hier schon miteingerichtet - vertraglich vereinbart ist in der Regel die 35- bis 38-Stunden-Woche. Eher mehr als weniger zu arbeiten ist auch in Japan ganz normal. 22 Prozent der Japaner arbeiten mehr als 49 Stunden pro Woche, 42,6 Prozent machen häufig unbezahlte Überstunden.

Entsprechend groß war die Überraschung, als ein japanisches Modeunternehmen ankündigte, die Vier-Tage-Woche zu testen. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg sollen die 2000 festangestellten Mitarbeitern der Kette Uniqlo ihre 40-Stunden-Woche an vier, statt an fünf Tagen abarbeiten. Am Wochenende müssen die Angestellten trotzdem im Laden stehen - schließlich gehen die Kunden eher samstags als montags shoppen.

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Laut Uniqlo sollen Vollzeitbeschäftigte so Familie und Job besser unter einen Hut bekommen. Arbeitsmarktexperten gehen jedoch davon aus, dass es dem Management viel mehr darum geht, Lohnkosten zu sparen. Denn in Stoßzeiten oder im Saisongeschäft müssen geleistete Stunden, die über den acht-Stunden-Tag hinausgehen, nicht bezahlt werden. Arbeiten also künftig die Angestellten von Uniqlo samstags zehn Stunden, muss das Unternehmen nur acht bezahlen, weil es sich auf die Spitzenzeiten-Regelung im japanischen Arbeitsrecht berufen kann.

Ende der Fünf-Tage-Woche?

Auch andere Unternehmen machen sich für eine kürzere Arbeitswoche stark. So sagte der mexikanische Unternehmer und reichster Mann der Welt, Carlos Slim, im vergangenen Herbst, dass Arbeitnehmer nur noch drei statt fünf Tage arbeiten sollten. So hätten sie mehr Zeit für die Familie, die persönliche Weiterbildung oder schlicht, um zu entspannen. Allerdings sollen die Mitarbeiter laut Slim dann ebenfalls 40 Stunden auf vier Tage aufteilen. Der App-Entwickler Basecamp dagegen testete ein halbes Jahr lang die 32-Stunden-Woche an vier Tagen. Auch bei einer Online-Plattform für Programmiersprachen, dem amerikanischen Unternehmen Treehouse, gibt es die Vier-Tage-Woche mit geringeren Arbeitszeiten.

Sowohl bei Basecamp als auch bei Treehouse konnte man beobachten, dass die Mitarbeiter weniger unter Montagsblues leiden, effektiver arbeiten und weniger fehlen allein schon, weil sie Arzttermine oder Besuche vom Handwerker auf ihren freien Wochentag legten und sich nicht extra frei nehmen mussten. John Ashton von der britischen Faculty of Public Health hat außerdem belegen können, dass eine verkürzte Arbeitswoche für geringere Stresswerte und einen niedrigeren Blutdruck sorgt. Damit das zutrifft, muss die Arbeit allerdings so umverteilt werden, dass sie sich an vier Tagen auch erledigen lässt.

Wer in Deutschland verlangt, einfach die reguläre Wochenarbeitszeit an vier statt an fünf Tagen abzureißen, wird von Betriebsräten und Gewerkschaften das Entsprechende zu hören bekommen. Um die Vier-Tage-Woche a lá Basecamp & Co. hierzulande umzusetzen, müsste die Wochenarbeitszeit gesenkt werden. In den Arbeitsverträgen sollte das kein Problem sein. Immerhin klafft schon jetzt eine Lücke zwischen der Zeit, die die Deutschen laut Vertrag arbeiten und der Zeit, die sie im Büro oder der Fabrik verbringen.

Welche Arbeitszeitmodelle deutsche Unternehmen Familien anbieten

  • Teilzeit

    Die Teilzeit ist bei deutschen Firmen das beliebteste Arbeitszeitmodell, immerhin 79,2 % aller Unternehmen bieten sie ihren Angestellten an.

  • Individuelle Arbeitszeiten

    Das zweitbeliebteste Arbeitszeitmodell deutscher Unternehmen sind mit 72,8 % Individuelle Arbeitszeiten.

  • Flexible Tages- oder Wochenarbeitszeit

    Die Flexible Tages- oder Wochenarbeitszeit bieten 70,2 % der deutschen Unternehmen an.

  • Keine Arbeitszeitkontrolle

    46,2 % der Firmen führen keine Arbeitszeitkontrolle durch, wenn ihre Angestellten familienbedingt kürzer treten müssen.

  • Flexible Jahres- oder Lebensarbeitszeit

    Nur 28,3 % der deutschen Unternehmen räumen ihren Mitarbeitern eine Flexible Jahres- oder Lebensarbeitszeit ein.

  • Telearbeit

    Gerade einmal 21,9 % der deutschen Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern die Möglichkeit der Telearbeit an.

  • Jobsharing

    Mit 20,4 % ist das Arbeitszeitmodell des Jobsharings in Deutschland äußerst begrenzt.

  • Sabbaticals

    Ein Sabbatical kommt nur bei 16,1 % der deutschen Unternehmen als Arbeitszeitmodell in Frage.

Doch es ist auch schlicht so, dass den Unternehmen ein Tag verloren ginge, an dem niemand im Geschäft die Produkte verkauft beziehungsweise keiner Produkte herstellt. Deshalb wäre der freie Freitag oder der freie Montag ein Wettbewerbsnachteil.

Anders sieht es aus, wenn jeder Mitarbeiter an einem anderen Tag frei hat. Auch Schichtarbeit könnte das Problem lösen: So könnte ein Teil der Belegschaft montags bis donnerstags arbeiten und der andere Teil dienstags bis freitags. Der britische Unternehmer und Lebemann Richard Branson hat dagegen vorgeschlagen, einfach mehr Leute in Teilzeit als in Vollzeit einzustellen.

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In Deutschland dachte als Erste die Gewerkschaft IG BCE laut über eine Drei- oder Vier-Tage-Woche nach. Allerdings nur für Mitarbeiter ab dem 60. Lebensjahr. "Es geht darum, die Belastungen zu verringern, dann können die Beschäftigten auch länger in den Betrieben gehalten werden", sagt Peter Hausmann, Vorstand der IG BCE.

Natürlich gibt es schon deutsche Unternehmen, die ihren Mitarbeitern die Vier-Tage-Woche anbieten. Das Modell 80 Prozent arbeiten, 100 Prozent Gehalt, sucht man dagegen vergebens. Hierzulande ist die Vier-Tage-Woche ein Downshifting-Modell für jene, die es sich leisten können und wollen, für ihre Freizeit auf Geld zu verzichten. Den britischen Ökonom John Maynard Keynes hätte das sicher erstaunt: Er war sich bei der flächendeckenden Einführung der Fünf-Tage-Woche ganz sicher, dass Menschen im Jahr 2028 nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten müssen.

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